The Project Gutenberg EBook of Der Todesgruss der Legionen, Zweiter Band
by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow

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Title: Der Todesgruss der Legionen, Zweiter Band

Author: Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow

Release Date: October 6, 2004 [EBook #13658]

Language: German

Character set encoding: ASCII

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRUss DER LEGIONEN, ***




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Der Todesgruss der Legionen



Zeit-Roman

von

Gregor Samarow.



Zweiter Band.




Berlin, 1874.

Druck und Verlag von Otto Janke.




Erstes Capitel.


An demselben Abend befanden sich in dem Gartensalon des Hotels in der
Rue Mansart, welches der Regierungsrath Meding, der Vertreter des Koenigs
von Hannover bewohnte, zwei Personen im ernsten Gespraech.

Herr Meding sass in einem Lehnstuhl zur Seite des runden Tisches, ueber
dessen Mitte vom Plafond eine grosse Lampe mit breitem, flachem
Glasschirm herabhing,--ihm gegenueber lehnte in einer Chaiselongue,
welche neben dem hellen Feuer eines jener altfranzoesischen grossen Kamine
stand, der Graf von Chaudordy, der fruehere Cabinetsrath unter Drouyn de
L'huys, welcher jetzt als Minister plenipotentiaire zur Disposition
gestellt war, sich aber stets im regen Verkehr mit der politischen Welt
befand und eine neue Verwendung in der Diplomatie erwartete.

"Ich bedauere," sagte der Graf, "dass aus dem Project, Ihren emigrirten
Landsleuten eine Colonie in Algier zu gruenden, Nichts werden soll. Man
hat sich hier allgemein so lebhaft dafuer interessirt, und den armen
Leuten, welche nun doch einmal ihr Vaterland verloren haben, wuerde dort
Gelegenheit geboten worden sein, sich eine neue Existenz und vielleicht
einen werthvollen Besitz zu schaffen; wir aber haetten durch so fleissige
und tuechtige Colonisten fuer die oeconomische Verwaltung Algiers viel
gewonnen."

"Ich habe noch vor Kurzem," erwiderte Herr Meding, "mit dem Herrn Fare,
dem Director im Ministerium der Finanzen, unter dem die algerische
Verwaltung steht, und welcher lange Zeit die Civiladministration bei dem
Marschall Mac Mahon gefuehrt, ausfuehrlich gesprochen--auch der Marschall
selbst, mit dem ich darueber conferirte, war, obwohl er eigentlich der
civilen Colonisation Algeriens nicht besonders guenstig ist, doch bereit,
Alles fuer meine Landsleute zu thun, wozu er auch vom Kaiser noch ganz
besonders aufgefordert ist,--die Leute selbst wollen sehr gern nach
Algerien, allein Seine Majestaet hat dennoch das Project definitiv wieder
aufgegeben."

"Ich begreife nicht warum," erwiderte der Graf von Chaudordy, "wenn der
Koenig daran denkt, jemals wieder fuer sein Recht unter irgend welchen
Constellationen zu kaempfen, so muss er sich doch vor Allem diejenigen
Leute erhalten, welche im Stande sind, ihm den Kern einer Armee zu
bilden, die er dann durch weitere Emigranten oder durch Werbungen
ergaenzen koennte."

"Es scheint," erwiderte Herr Meding, "dass im Lande Hannover selbst sehr
falsche Ideen ueber das Colonisationsproject verbreitet worden sind und
dass der Koenig in Ruecksicht auf die allgemeine Abneigung, welche sich
dort gegen dasselbe kund giebt, davon wieder Abstand genommen hat. Ich
bedauere sehr," fuhr er fort, "dass man unter diesen Verhaeltnissen die
Sache ueberhaupt angeregt hat. Ich komme hier dem Kaiser und der
Regierung gegenueber in eine eigenthuemliche Lage. Ich habe die
Verhandlungen in Folge der vielfachen dringenden Depeschen des Grafen
Platen so energisch als moeglich betrieben und nun, nachdem alle
Verhaeltnisse schon fast geordnet waren, wird die Sache wieder aufgegeben
und zwar--wie Graf Platen angiebt--weil die Aufstellung einer
hannoeverschen Armee auf dem algerischen Territorium nicht thunlich sei.
Ich verstehe eigentlich nicht, was man damit meint--doch gleichviel, die
Sache ist aufgegeben, die Emigration wird aufgeloest werden und damit
ist, wie ich glaube, die Sache des Koenigs und der Kampf fuer dieselbe
auch zu Ende. Denn wenn einmal Diejenigen, welche in jahrelangem Exil
dem Koenig treu geblieben sind, in alle Welt zerstreut werden, so wird
das Volk in Hannover den Eindruck gewinnen, dass nunmehr der Koenig die
neue Ordnung der Dinge anerkannt habe."

"Es waere vielleicht das Beste," erwiderte der Graf von Chaudordy, "wenn
der Koenig dies einfach thaete, sich in den Besitz seines grossen Vermoegens
braechte und sich nach England zurueckzoege, wo er ja immer eine grosse und
ehrenvolle Stellung behaelt. Ich habe Ihnen schon frueher gesagt," fuhr er
fort, "dass ich wenig Chancen fuer den Koenig zu sehen vermoechte, wenn es
ihm nicht gelingen koennte, in Deutschland selbst sich eine grosse und
maechtige Partei zu schaffen, welche in einem gegebenen Augenblick im
Stande waere, eine ernste und nachdrueckliche Bewegung fuer ihn zu
organisiren. Von Seiten der Cabinette wird Nichts fuer ihn geschehen; er
haette sich muessen eine Stellung schaffen, dass im Fall einer grossen
Katastrophe die Regierungen gezwungen gewesen waeren, mit ihm zu
rechnen."

"Das ist aber Alles leider nicht geschehen," sagte Herr Meding, "alle
Anlaeufe, die dazu genommen wurden, sind eben Anlaeufe geblieben und wie
das leider so oft an depossedirten Hoefen der Fall ist, die ganze
Thaetigkeit hat sich in kleine und kleinliche Intriguen ausgeloest. Ich
bin hier schon lange in einer mehr als peinlichen Situation, um so mehr
als Graf Platen--wie Sie ja wissen, den Grafen Breda hierher geschickt
hat, welcher als geheimer Agent des Koenigs figurirt, obwohl Seine
Majestaet mir persoenlich versichert hat, ihn gar nicht zu kennen, und
dessen eigenthuemliche Thaetigkeit die Sache des Koenigs mehr und mehr
discreditirt. Ich wuerde fuer meine Person nicht unzufrieden sein, wenn
diese ganze Unruhe ein Ende nehme und wenn nur fuer das ganze Welfenhaus
eine sichere und wuerdige Zukunft geschaffen werden koennte. Doch muesste
man sich in Hietzing klar werden, was man will--Eins oder das Andere,
entweder den Frieden oder einen so festen und energischen Krieg, dass man
gefuerchtet bleibt und im gegebenen Augenblick die Macht des Handelns
behaelt. Es scheint aber, dass ueberall in der Welt heute der Entschluss und
die Thatkraft verschwindet. Denn ich muss Ihnen aufrichtig gestehen, dass
ich auch hier bei Ihnen nicht mehr verstehen kann, wo man denn
eigentlich hinaus will und was man beabsichtigt."

Der Graf Chaudordy seufzte.

"In der That," sagte er, "haeuft man hier Fehler auf Fehler. Ich
fuerchte, dass sich das eines Tages bitter raechen wird; ich bin mit Herz
und Seele Franzose und bin dem Kaiser und dem Kaiserreich aufrichtig
ergeben, aber fuer die Dynastie sehe ich in der Art und Weise, wie man
hier die Geschaefte behandelt, wenig erfreuliche Aussichten fuer die
Zukunft. Unsere Fehler beginnen von 1866; nachdem sich der Kaiser damals
zu keinem Entschluss aufraffen konnte, musste er dahin gedraengt werden,
groessere Freiheiten zu geben. Er hat sich auch dazu nur langsam und fast
zu spaet entschliessen koennen, und da er diesen Entschluss so lange
hinausgeschoben hat, so wird er nun gezwungen werden endlich den Krieg
zu machen, welcher der groesste Fehler sein wird."

"Sie haetten also gewollt," fragte Herr Meding, "dass der Kaiser im Jahre
1866 entschieden fuer Oesterreich haette Partei nehmen sollen?"

Der Graf Chaudordy blickte ihn gross an.

"Nein," sagte er, "nicht fuer Oesterreich; ich habe Herrn von Bismarck
immer fuer sehr stark gehalten, ich habe Preussens Ueberlegenheit ueber
Oesterreich nie bezweifelt und Oesterreichs Niederlage vorher gesehen.
Nach meiner Ueberlegung haette der Kaiser damals--und zwar vor dem
Kriege--eine feste und entschiedene Alliance mit Preussen machen muessen,
um aus derselben alle die Vortheile fuer Frankreich zu ziehen, welche das
siegreiche Preussen ihm nach dem Kriege nicht mehr gewaehrte. Auch heute
noch waere es das einzig Richtige, um jeden Preis eine aufrichtige
Verstaendigung mit Preussen zu suchen--das ist die einzige Macht, mit
welcher wir eine nuetzliche und starke Alliance schliessen koennen, und
wenn wir diese Alliance nicht schliessen, so werden wir ihr und zwar in
kurzer Zeit in einem furchtbaren und gewaltigen Krieg isolirt
entgegentreten muessen."

"Man rechnet aber doch," warf Herr Meding ein, "sehr erheblich auf
Oesterreich und Italien--Sie kennen gewiss die Negotiationen, welche in
diesem Augenblick im Gange sind, um einen Coalitionsvertrag mit den
beiden Maechten zu schliessen. Wie man mir erzaehlt, soll die Sache sehr
weit gediehen sein und man verspricht sich hier sehr viel davon."

"Das wird Alles zu Nichts fuehren," sagte der Graf von Chaudordy. "Auch
in dieser Richtung hin hat man einen Fehler gemacht. Man hat geglaubt,
in Herrn von Beust, an dessen Erhebung zum Minister in Oesterreich der
Kaiser grossen Antheil hat, einen entschiedenen Alliirten zu finden,--man
hat sich getaeuscht und haette dies sogleich erkennen sollen, als die
neue oesterreichische Regierung statt ihre ganze Kraft militairischen
Ruestungen zu widmen, sich mit Verfassungsfragen zu beschaeftigen begann.
Wie ist es denn moeglich, sich jetzt auf dieses Oesterreich zu stuetzen,
welches keine Armee und kein Geld hat und uns im entscheidenden
Augenblick um so mehr im Stich lassen wird, als die entscheidende
Leitung der dortigen Politik taeglich mehr in die Haende Ungarns uebergeht.

"Der Kaiser erkennt das Alles sehr gut," fuhr er fort, "aber er ist
nicht mehr der er war und zwischen den verschiedensten, heterogensten
Entschluessen hin- und herschwankend wird er endlich dahin gedraengt
werden, gaenzlich isolirt und ohne alle Alliancen den Krieg zu machen,
der kaum mit einem entscheidenden Siege fuer Frankreich enden wird, und
der uns leicht in eine unendliche innere Verwirrung stuerzen kann, auch
giebt man alle Gruende, um vernuenftiger Weise dort den Krieg
vorzubereiten, aus der Hand. Man hat den Prager Frieden so lange
verletzen lassen, dass es fast laecherlich sein wuerde, heute noch
kategorisch dessen Erfuellung zu fordern. Jetzt laesst man die Bewegungen
in Baden und Sueddeutschland wieder ohne Beachtung und Unterstuetzung,--es
waere so leicht--und man hat uns darueber Mittheilungen gemacht, eine
Volksbewegung in Baden gegen den von der dortigen Regierung
projectirten Anschluss an Preussen zu erregen und dadurch die deutsche
Frage von Neuem zum Gegenstand der Aufmerksamkeit Europas zu machen.
Dann haette Frankreich einen Interventionsgrund und eine ganz
vortreffliche Stellung der deutschen Nation gegenueber--laesst man die
Ereignisse weiter gehen, laesst man den Widerstand der sueddeutschen
Volkspartei brechen oder ermatten, dann wird man sich demnaechst nicht
mehr Preussen, sondern dem ganzen Deutschland gegenueber befinden, und das
wird fuer uns die schlimmste und gefaehrlichste Position sein, in der wir
uns befinden koennen. Es ist in der That ein Glueck," sagte er laechelnd,
"in diesem Augenblick von der Politik fern zu sein."

"Aber glauben Sie nicht," sagte Herr Meding, "dass Drouyn de L'huys, dem
ja der Kaiser schon mehrfach das Portefeuille angeboten hat, doch
endlich die Leitung der Angelegenheiten wieder uebernehmen und groessere
Festigkeit und Klarheit in die franzoesische Politik bringen werde?"

Der Graf von Chaudordy schuettelte den Kopf.

"Ich glaube nicht," sagte er, "dass Drouyn de L'huys sich jemals mit dem
Kaiser definitiv verstaendigen wird. Drouyn de L'huys will den Frieden
und der Kaiser kann sich nicht entschliessen, weder ernsthaft den
Frieden zu begruenden, noch ernsthaft den Krieg zu machen--er laesst sich
treiben und wird in den Krieg hineingedraengt werden, ohne es selbst zu
wollen. Fuer Ihren Koenig und dessen Sache wird es jedenfalls das Beste
sein, wenn er einer solchen unklaren, verworrenen Katastrophe fern
bleibt, um so mehr, wenn er selbst sich nicht zu klaren Entschluessen
erheben kann."

Der Kammerdiener oeffnete die Thuer.

Herr von Duering, Herr von Tschirschnitz und die uebrigen hannoeverschen
Officiere traten ein. Nach und nach kamen noch andere Herren, auch Herr
Hansen erschien.

Das Gespraech wurde allgemein; man unterhielt sich ueber die
Tagesereignisse.

"Wissen Sie, meine Herren," sagte Herr Hansen, "dass der Process des
Prinzen Pierre Bonaparte beginnen wird? Wie ich hoere, sind alle Juristen
der Ansicht, dass der Prinz freigesprochen werden muss."

"Ich wuesste kaum," sagte der Graf von Chaudordy, "wie man ihn
verurtheilen wollte. Wenn Jemand in seinem eigenen Zimmer insultirt und
angegriffen wird--und Herr Fonvielle hat ja einen geladenen Revolver bei
sich gehabt--so steht ihm doch unzweifelhaft das Recht zu, sich zu
vertheidigen. Ich liebe den Prinzen Peter nicht, er ist eine unruhige,
unberechenbare Natur und sein ganzes Leben, wie seine Person erregt
wenig Sympathie, aber in dieser Sache kann man ihm keinen Vorwurf
machen--doch ist das Alles sehr unangenehm fuer die Regierung--es ist,
als ob Alles zusammenkaeme, um die Stellung des Kaisers zu erschweren.
Solche Processe mit oder ohne Schuld der Regierenden finden sich in der
Geschichte immer vor grossen Katastrophen."

"Der arme Victor Noir thut mir leid," sagte Herr Meding, "ich habe ihn
gekannt, er war Redacteur an der 'Situation' und Herr Grenier hat ihn
mir zuweilen geschickt, um mir Mittheilungen zu machen. Ich habe immer
eine Sympathie fuer ihn gehabt, er war eine gute kindliche Natur von
harmloser Naivetaet, man hat ihn zu dieser Demonstration gemissbraucht,
und er ist das Opfer derselben geworden. Wie sieht es bei Ihnen aus,"
fragte er, sich an einen jungen eleganten Herrn mit blassem Gesicht,
schwarzem Haar und zierlichem kleinem Schnurrbart wendend, welcher so
eben eingetreten war, "haben Sie bald einen Koenig gefunden, oder glauben
Sie es auf die Dauer mit der Republik versuchen zu koennen?"

"Spanien ertraegt dauernd kaum eine Republik," erwiderte Herr Angel de
Miranda, der fruehere Kammerherr der Koenigin Isabella, welcher
gegenwaertig in Paris lebte und dort eine, zwar private, aber eifrige
Thaetigkeit fuer die provisorische Regierung Spaniens entwickelte. "Es hat
viel dazu gehoert, um die alte Monarchie zu zerstoeren, wir werden aber,"
fuhr er mit geheimnissvoller Miene fort, "wie ich glaube, in nicht langer
Zeit einen Koenig finden und damit wird diese Revolution endlich zum
Abschluss gelangen."

"Ich wuensche Ihnen das von Herzen," sagte Graf Chaudordy. "Fuer das ganze
westliche Europa sind diese unsichern Zustaende in Spanien vom
schaedlichsten Einfluss. Sie muessen uebrigens," sagte er laechelnd, "eine
kleine Neugier verzeihen, es interessirt mich in hohem Grade, wohin Sie
die Blicke wohl gewendet haben koennten, um einen Herrscher fuer Ihr Land
zu finden,--Sie haben da den Herzog von Montpensier, Sie haben den
Prinzen von Asturien, Sie haben den Grafen von Montemolin, und wer weiss,
ob nicht vielleicht der Marschall Prim, der schon einmal von einem
kaiserlichen Diadem von Mexiko traeumte, auch jetzt wieder daran denkt,
die Gewalt fest zu halten, welche er ja durch die Armee bereits
vorzugsweise sich zu eigen gemacht hat."

Angel de Miranda zuckte die Achseln.

"Ich glaube kaum, dass Prim aehnliche Gedanken hegen koennte, er ist klug
und weiss sehr gut, dass, wenn er vielleicht eine Zeit lang Dictator sein
koennte, er doch niemals und zwar weder von der spanischen Grandezza,
noch vom Volk als Koenig acceptirt werden koennte. Ich glaube viel eher,
dass er eine Zeit daran gedacht hat und vielleicht auch noch ein wenig
daran denkt, den Prinzen von Asturien moeglich zu machen, um dann an der
Spitze einer Regentschaft als Majordomus die Macht in Haenden zu
behalten. Doch das Alles ist unpractisch, wir koennen in Spanien keinen
Koenig von den verschiedenen Bourbonenlinien gebrauchen, die Anhaenger des
Einen wuerden sich niemals den Anhaengern des Andern unterwerfen wollen,
das wuerde zu ewigen Bewegungen und Unruhen fuehren. Die einzige
Moeglichkeit dauernden innern Friedens liegt darin, einen fremden Fuersten
zu finden, der dem Volk sympathisch ist--"

"Und der vielleicht," fiel Herr Meding laechelnd ein, "irgend wie mit dem
iberischen Einheitsgedanken in Verbindung stuende."

Betroffen blickte Angel de Miranda auf.

"Dieser Gedanke," erwiderte er nach einem kurzen Stillschweigen, "ist
heute wohl noch nicht reif. Doch liegt allerdings in ihm nach meiner
Ueberzeugung die Zukunft der pyrenaeischen Halbinsel."

Er trat zu einer andern Gruppe--nach einiger Zeit zog sich der Graf
Chaudordy zurueck, und nach einer Stunde leerte sich der Salon von den
Besuchenden--nur die hannoeverschen Officiere blieben zurueck.

"Nun, meine Herren," fragte der Regierungsrath Meding, "haben Sie
Nachrichten, wie Ihre Vorstellungen in Hietzing aufgenommen worden sind,
und haben Sie irgend welche Beschluesse gefasst ueber die Schritte, welche
Sie demnaechst thun wollen?"

"Wir haben noch Nichts von Hietzing gehoert," erwiderte Herr von
Tschirschnitz. "Ich kann nicht zweifeln," fuhr er fort, "dass der Koenig
unsere Vorstellung ernstlich erwaegen und beruecksichtigen werde. Ich
wenigstens bin fest entschlossen, bis auf den letzten Augenblick Alles
aufzubieten, um das Schicksal der armen Emigrirten zu erleichtern und
sie von voelliger Isolirung im fremden Lande zu retten. Ich verstehe auch
durchaus nicht, wie es moeglich sein sollte, uns das zu verbieten. Die
Missverstaendnisse, welche da vorliegen, muessen sich ja aufklaeren."

"Man muss es hoffen," erwiderte der Regierungsrath Meding, "doch bin ich
dessen nicht ganz gewiss, denn seit einiger Zeit scheinen sich um den
Koenig her lauter Missverstaendnisse zu lagern. Sie erinnern sich, dass
Herr von Muenchhausen bei der Conferenz ueber das algerische
Colonisationsproject, zu welcher er hierher gesendet wurde,
Instructionen bei sich fuehrte, welche, wie er sich selbst ueberzeugte,
denjenigen, die mir ertheilt waren, vollstaendig widersprachen."

Rasch wurde die Thuer geoeffnet, der Lieutenant von Mengersen, ein grosser,
schlanker, junger Mann und der Lieutenant Heyse, eine ernste ruhige
Erscheinung, traten ein.

"Nun," rief Herr von Duering lebhaft, "Ihr seid wieder zurueck? Was bringt
Ihr? Hat sich Alles aufgeklaert?"

"Nichts hat sich aufgeklaert," erwiderte Herr von Mengersen mit zornig
bewegter Stimme, "der Koenig hat uns gar nicht angenommen und uns den
Befehl geschickt, auf der Stelle wieder zurueckzureisen."

"Unglaublich," rief Herr von Duering.

"Aber wahr," rief der Lieutenant Heyse im traurigen Ton, "es scheint,
dass man eine vollstaendige chinesische Mauer um den Koenig gezogen hat und
dass Nichts, was von uns kommt, zu ihm dringen kann. Dagegen hat er den
Feldwebel Stuermann gehoert."

"Den Feldwebel Stuermann," rief Herr von Tschirschnitz, "und uns, seinen
Officieren, verweigert er das Gehoer! Das ist doch ein Affront fuer uns
Alle, wie er staerker und kraenkender nicht gedacht werden kann."

"Graf Platen ist am Tage vorher," sagte Herr von Mengersen, "bei
Stuermann in seinem Gasthause in der Stadt gewesen und hat sehr lange mit
ihm gesprochen, am andern Tage ist er dann nach Hietzing zum Koenig
gebracht worden."

"Und habt Ihr nicht gehoert, was nun weiter geschehen soll," sagte Herr
von Duering.

"Mit uns zu gleicher Zeit," sagte der Lieutenant Heyse, "ist der Major
von Adelebsen hierher abgereist, um das Commando zu uebernehmen und die
Legion aufzuloesen. Es kommt nun darauf an, dass wir uns entschliessen, was
wir thun wollen fuer uns und fuer die Leute, denn auf Gehoer beim Koenig
haben wir nicht mehr zu rechnen."

"Wir muessen uns fest verbinden," rief Herr von Tschirschnitz, "um Alles
aufzubieten, damit die armen Emigranten noch einen Anhaltspunkt erhalten
und nicht vereinsamt ihrem Schicksal ueberlassen bleiben. Ich hoffe, Sie
werden uns darin unterstuetzen," sprach er zu dem Regierungsrath Meding
gewendet.

"Ich bedauere auf das Tiefste die Wendung, welche diese Sache genommen,"
erwiderte dieser, "und die Unmoeglichkeit mit irgend welchen
Vorstellungen bis an Seine Majestaet zu dringen,--ich bin aber hier als
Vertreter des Koenigs und muss, so lange ich auf meinem Posten bin, jeden
Befehl, den Seine Majestaet mir ertheilen wird, ausfuehren; und ich rathe
auch Ihnen, meine Herren, dringend, keinen Widerstand gegen die
Ausfuehrung der Befehle Seiner Majestaet zu leisten, doch koennen Sie auf
das Festeste auf meine Unterstuetzung dafuer rechnen, dass den Emigranten
nach Aufloesung des Verbandes die Moeglichkeit geboten werde, sich zu
gegenseitiger Unterstuetzung zu vereinen und Unterkommen und Arbeit zu
finden. Ich habe bereits in dieser Beziehung mit verschiedenen
einflussreichen Personen Ruecksprache genommen und mich ihrer Geneigtheit
versichert, zu einem Comite de Patronage fuer die Emigrirten zusammen zu
treten. Der Baron Thenard, welcher grossen Einfluss in den Kreisen der
Grundbesitzer hat und selbst ausgedehnte Gueter besitzt, hat mir bereits
zugesagt, mit in dieses Comite einzutreten, ebenso Herr Bocher, welcher
in industriellen Kreisen viel Gelegenheit hat, den Emigrirten Arbeit zu
schaffen. Ich habe bei der Wahl der Personen wesentlich darauf Ruecksicht
genommen, dass die ganze Sache gar keinen politischen Charakter habe, dass
sie eine reine Wohlthaetigkeitsangelenheit sei und denke nun noch einige
Damen als Patronesses hinzuzuziehen. Ich zweifle nicht, dass wir dann
binnen Kurzem fuer alle unsere Landsleute vollkommen ausreichende
Beschaeftigung haben werden. Auch fuer Diejenigen, welche etwa krank und
arbeitsunfaehig werden, wird sich dann eine reichliche Unterstuetzung
ermoeglichen lassen, wenn man einen Verband herstellt, in welchem Jeder
seine Beitraege in eine Krankenkasse zahlt, fuer welche ausserdem von allen
Seiten reichliche Huelfsquellen sich oeffnen werden. Lassen Sie also den
Muth nicht sinken, wir werden ganz gewiss gut fuer die Leute zu sorgen im
Stande sein. Sie, mein lieber Duering, und Sie, Herr von Tschirschnitz
muessen dann mit mir in das Comite de Patronage eintreten und die innere
Organisation des Huelfsverbandes der Emigranten uebernehmen."

"Das ist eine vortreffliche Idee," rief Herr von Duering, "ich habe
frueher schon etwas Aehnliches ueberdacht und dazu einen Organisationsplan
ausgearbeitet, den ich seiner Zeit auch dem Koenig eingeschickt habe, den
er aber wohl nicht beachtet zu haben scheint--"

"Ich habe bereits dem Koenige," sagte der Regierungsrath Meding, "von
diesem Plan und den fuer die Bildung des Comite de Patronage gethanen
Schritten Mittheilung gemacht. Durch dies Comite koennte dann auch fuer
Diejenigen, welche so gern nach Algier gehen wollen, ohne dass der Koenig
irgendwie dabei betheiligt ist, dort eine vortheilhafte Niederlassung
vermittelt werden; damit wuerde der Wunsch der Leute erfuellt und zugleich
jede Betheiligung des Koenigs dabei ausgeschlossen, welche Seiner
Majestaet wegen der Stimmung in Hannover unerwuenscht ist. Ich bitte Sie
also nochmals, meine Herren, legen Sie den Schritten des Herrn von
Adelebsen zur Aufloesung der Legion keine Schwierigkeiten in den Weg.
Lassen Sie diesen Herrn ruhig ausfuehren, was ihm vom Koenige oder von wem
es sonst sei, aufgetragen ist, und helfen Sie mir dafuer sorgen, dass
unsere Landsleute, nachdem sie aus dem Verbande geschieden sind, einen
Mittelpunkt finden, der ihnen Schutz und Beistand gewaehrt."

"Aber wie der Koenig mit uns umgeht," rief Herr von Tschirschnitz, "so
haette er ja zur Zeit des Bestandes des Koenigreichs Hannover mit keinem
Officier umzugehen das Recht gehabt. Mindestens haetten wir doch Gehoer
erlangen muessen,--dies ist ja geradezu asiatischer Despotismus."

"Meine Herren," sagte der Regierungsrath Meding, "einem ungluecklichen
Fuersten gegenueber ist die Pflicht des Gehorsams doppelt stark, und
vergessen Sie vor Allem nicht, dass wir Alle Vertreter einer Sache sind,
welche den Blicken der ganzen Welt ausgesetzt ist. Wir haben fuer diese
Sache gefochten nach allen Kraeften,--man kann uns vorwerfen, dass es
thoericht und unvernuenftig gewesen sei, aber wenigstens haben wir fuer die
Sache gethan, was ueberhaupt zu thun war. Wenn diese Sache zu Ende sein
soll," fuegte er noch ernster hinzu, "und ich glaube, dass sie zu Ende
ist, so lassen Sie uns ihr den letzten Dienst erweisen, lassen wir sie
mit Ehren untergehen, ohne dass wir der Welt das Schauspiel der inneren
Zerruettung und der Faeulniss, welche sie angefressen hat, und an welcher
wir wenigstens keinen Theil haben, geben. Wir werden vielleicht in der
Lage sein, unsere und der Emigranten Rechte scharf und nachdruecklich zu
vertheidigen, aber so lange es moeglich ist, darf auch in dieser
Vertheidigung Nichts gegen den Koenig unternommen werden, auf dem die
Hand des Schicksals schwer genug ruht, und der stets auf unsere
Ehrfurcht Anspruch haben wird. Und sollten wir je zu den aeussersten
Grenzen der Vertheidigung gedraengt werden, so muessen wir wenigstens vor
der ganzen Welt beweisen koennen, dass wir dazu unwiderstehlich gezwungen
worden sind."

"Aber man greift unsere Ehre an," rief Herr von Mengersen, "unserer
Aller Ehre, denn was in Hietzing ueber uns gesprochen wird, davon hat man
gar keinen Begriff, und auch nach Hannover hin schreiben sie die
unglaublichsten Dinge. Es wird gar nicht lange dauern, so wird man wo
moeglich in den welfischen Zeitungen Artikel ueber uns lesen."

"Seien Sie ganz ruhig, meine Herren," sagte der Regierungsrath Meding,
"wenn das geschehen sollte, wenn man es wagen wuerde, unsere Ehre
anzugreifen, dann werde ich der Erste sein, der alle Ruecksichten bei
Seite setzt, und dann wehe Denen, die den Kampf mit uns aufnehmen. Jene
werden dem Koenig gegenueber zu verantworten haben, was dann geschehen
wird. Bis dahin bitte ich Sie nochmals dringend, jeden Schritt zurueck zu
halten, der den Koenig verletzen koennte."

"Jedenfalls," rief Herr von Duering, "werde ich meine Magazinbestaende dem
Herrn von Adelebsen nicht ueberliefern, ohne eine vollgueltige Decharge
vom Koenige zu bekommen, die ich bereits mehrfach verlangt und die man
mir noch immer nicht gegeben hat."

Der Kammerdiener meldete den Legationskanzlisten Hattensauer, und eilig,
mit etwas aufgeregter Miene trat ein Mann von etwa fuenfzig Jahren von
auffallender Haesslichkeit mit kleinen stechenden Augen, einer
vorspringenden Stirn, einem glatten, fast kahlen Schaedel in das Zimmer.
Er neigte sich mit einer gewissen linkischen Hoeflichkeit nach allen
Seiten, naeherte sich dann in beinahe demuethiger, unterwuerfiger Haltung
dem Regierungsrath Meding und ueberreichte ihm ein grosses, versiegeltes
Schreiben.

"Eine Depesche ans Hietzing, welche so eben eingegangen ist," sagte er.

Gespannt blickten die Officiere auf den Regierungsrath Meding, welcher
langsam das Schreiben oeffnete und den Inhalt durchlas.

"Der Major von Adelebsen ist angekommen," sagte der Legationskanzlist
Hattensauer, waehrend Herr Meding las, "er hat diese Depesche mitgebracht
und wird Ihnen morgen seinen Besuch machen."

Der Regierungsrath Meding faltete langsam das Papier, das er bis zu Ende
gelesen, zusammen; ein trauriges Laecheln spielte um seinen Mund.

"Nun," rief Herr von Duering, "haben Sie irgend welches Licht in der
Sache erhalten?"

"Der Koenig," erwiderte der Regierungsrath Meding, "findet meine
Bemuehungen fuer die Herstellung eines Comite de Patronage, da dasselbe
auch fuer eine Colonie in Algerien wirken koenne, nicht vereinbar mit
seinen Beschluessen, nach welchen er aus militairischen Gruenden die
Gruendung einer solchen Colonie abgelehnt hat. Er befiehlt mir deshalb,
aus dem Comite auszuscheiden und mich sogleich nach Thun in der Schweiz
zu begeben, um dort seine weiteren Befehle abzuwarten. Das Schreiben ist
uebrigens," fuhr er fort, "abermals eine Antwort auf etwas durchaus
Anderes, als ich geschrieben und ausserdem von einer beinah unglaublichen
Stylisirung und Logik."

"Unerhoert!" riefen die Officiere.

"Und Sie werden diesem Befehl Folge leisten?" fragte Herr von Duering.

"Ganz gewiss," erwiderte der Regierungsrath Meding, "ich stehe noch im
Dienste des Koenigs und muss seinen Befehlen folgen. Ich bedaure, dass sie
mich zwingen, die armen Emigranten zu verlassen, aber ich kann darin
Nichts aendern, die Verantwortung fuer ihr Schicksal trifft mich nicht."

"Ich habe auch noch Briefe fuer Herrn von Duering und fuer Herrn von
Tschirschnitz," sagte Hattensauer, indem er sich demuethig gebeugt den
beiden Herren naeherte und jedem ein Schreiben uebergab, welches dieselben
schnell oeffneten und durchflogen.

"Ich bin nach Bern verbannt," sagte Herr von Duering.

"Und ich nach Basel!" rief Herr von Tschirschnitz laut lachend. "Die
Sache wird nun geradezu komisch, man scheint sich in Hietzing fuer die
Gebieter der Welt zu halten."

"Haben Sie Nichts fuer mich?" rief Herr von Mengersen, zu Herrn
Hattensauer sich wendend, "vielleicht hat man mich nach Sibirien
verbannt."

"Nun, meine Herren," sagte der Regierungsrath Meding, "so muessen wir
denn die Hannoveraner ihrem Schicksal ueberlassen, ich werde noch das
Moeglichste thun, um sie allen meinen Freunden hier zu empfehlen.
Jedenfalls haben wir fuer sie gethan, was in unsern Kraeften stand. Und
nun lassen Sie uns schlafen und ausruhen, denn ich glaube, wir koennen
sagen: 'Finita la commedia'. Morgen wollen wir ueberlegen, was weiter zu
thun ist, und," sagte er laechelnd zu Herrn von Duering und Herrn von
Tschirschnitz, "unsere Reisevorbereitungen treffen."




Zweites Capitel


Der Legationsrath Bucher hatte seinen Vortrag bei dem Kanzler des
Norddeutschen Bundes, Grafen von Bismarck, beendet.

Der Graf sass in dem Lehnstuhl vor dem Schreibtisch bequem zurueckgelehnt,
die kraftvolle markige Gestalt erschien noch breiter und voller im
Militairueberrock,--die Zuege seines Gesichts waren staerker geworden und
drueckten noch mehr als frueher feste, entschlossene Willenskraft aus. Das
Haar an seinen Schlaefen und der volle Schnurrbart hatten sich mehr und
mehr weiss gefaerbt, ohne dass dadurch sein Gesicht aelter erschien,--der
frische Ausdruck seiner klaren, grauen Augen, welche bald streng und
drohend, bald tief und gemuethvoll blickten, gab seiner ganzen
Erscheinung einen gewissen Schimmer jugendlicher Lebendigkeit.

Vor dem Grafen stand, ein Packet zusammengelegter Papiere in der Hand,
der Legationsrath Bucher.

Sein kraenkliches feines Gesicht mit den kalt und ernst blickenden
kleinen Augen, dem fest geschlossenen Mund und der etwas scharf
vorspringenden Nase, seine magere Gestalt, welche dem Grafen Bismarck
gegenueber fast winzig erschien,--seine etwas gebueckte Haltung,--das
Alles gab der Erscheinung dieses merkwuerdigen Mannes, der frueher seiner
politischen Ueberzeugung Heimath und Existenz geopfert und nunmehr das
Vertrauen des grossen deutschen Staatsmannes zu erwerben und zu erhalten
gewusst hatte, einen Ausdruck, der die Mitte hielt zwischen dem Typus
eines Bureaukraten und eines Professors.

"Haben Sie die Schrift von Vilbort gelesen," fragte der Graf--'l'oeuvre
de Monsieur de Bismarck'--es wird in Paris viel besprochen--"

"Und ist auch bereits in deutscher Uebersetzung erschienen," bemerkte
der Legationsrath, "es enthaelt viel Interessantes und manche sehr
bemerkenswerthe Zeugnisse ueber das, was Herr Vilbort waehrend des Krieges
von 1866 selbst gesehen und erlebt hat.--Ob freilich Alles das wahr ist,
was Vilbort ueber die Aeusserungen mittheilt, die Eure Excellenz ihm
selbst gegenueber gemacht haben, das muessen Sie selbst besser beurteilen
koennen, als ich--"

"Im Allgemeinen," sagte Graf Bismarck, "so weit ich das Buch zu
durchblaettern Zeit gefunden habe,--giebt er meine Aeusserungen richtig
wieder,--und das ist schon sehr viel.--So oft man mit einem Journalisten
spricht, muss man sich gefallen lassen, dass er Alles, was man gesagt oder
nicht gesagt hat, wiedererzaehlt, wie er es aufgefasst hat,--oder wie er
es aufgefasst zu sehen wuenscht,--das hindert mich uebrigens nicht," fuhr
er fort, "mich ganz freimuethig und offen gegen diese Herren
auszusprechen, wenn ich Gelegenheit habe, einen von ihnen zu sehen;--ich
halte mit dem, was ich denke und was ich will, nicht hinter dem
Berge,--die aengstliche Geheimnisskraemerei der alten Diplomatie hat keinen
Sinn mehr in unserer Zeit,--freilich muss ich dann auch die oeffentliche
Beurtheilung dessen, was ich gesagt habe, nicht scheuen, und,--Gott sei
Dank,--dafuer habe ich ganz gesunde Nerven."

"Herr Vilbort," sagte der Legationsrath Bucher, "scheint mir durch die
Offenheit, mit welcher Eure Excellenz sich ihm gegenueber ausgesprochen
haben, etwas eitel geworden zu sein;--er haelt sich fuer einen
Geschichtschreiber,--und das ist er in der That nicht,--auch geht durch
sein ganzes Werk ein gewisses sentimentales Jammern ueber den Krieg, der
doch, da die Conflicte einmal unloesbar geworden, eine Nothwendigkeit
war."

"Diese Richtung des Buches," fiel Graf Bismarck ein, "das jedenfalls in
Frankreich viel gelesen werden wird, ist mir am wenigsten
unangenehm,--die Franzosen koennen in der That eine Warnung vor den
traurigen Folgen eines grossen Krieges brauchen,--es scheint, dass dort
wieder der Chauvinismus erhitzt wird, und dass man die Geister fuer einen
Krieg vorbereitet, fuer den Fall, dass man der inneren Schwierigkeiten
nicht Herr werden sollte."

"Glauben Eure Excellenz wirklich," fragte der Legationsrath, "dass man in
Paris ernstlich an einen Krieg denken koennte,--gerade jetzt in dem
Augenblicke, in welchem die Zuegel des persoenlichen Regiments gelockert
sind, in dem Augenblick, in welchem Ollivier, der Mann des Friedens,
Minister geworden ist?"

"Die Berichte aus Paris," sagte Graf Bismarck mit leichtem Achselzucken,
"sprechen von den friedlichen Dispositionen der Regierung,--ich glaube
auch, dass der Kaiser, der arme kranke Mann, sich nach dem Frieden
sehnt,--schon um persoenlich Ruhe zu haben,--aber Alles," fuhr er fort,
"was dort geschieht, kann zu irgend einem ploetzlichen Ausbruch fuehren,
auf den wir heute mehr als je gefasst sein muessen.

"Sehen Sie," sprach er nach kurzem Nachdenken, waehrend er die Augen
sinnend emporschlug, "dieser unglueckliche Pistolenschuss, der Victor Noir
toedtete, diese lauten Anklagen von Flourens, die ungeschickte Verhaftung
Rocheforts, ein Bonaparte vor Gericht, des Mordes angeklagt, das Alles
bricht ueber das Kaiserreich herein,--das ist ein furchtbares
Verhaengniss,--und das constitutionelle Regiment kann die immer hoeher
aufwallenden Wogen nicht beschwoeren. Die Coterie des Krieges, welche
durch einen ruhmvollen Feldzug den Glanz des Kaiserreichs wieder
herstellen will, gewinnt an Boden,--der Kaiser ist schwach,--wird man
ihn nicht eines Tages dahin bringen, das Aeusserste zu wagen, um den
festen Boden wieder zu gewinnen, der ihm taeglich mehr unter den Fuessen
verschwindet. Er wird vielleicht den Krieg machen aus Schwaeche, denn die
Schwaeche ist tollkuehner als die Kraft.

"Fuer uns," fuhr der Graf fort, "ist der Krieg um so weniger zu fuerchten,
je mehr die innere Kraft Frankreichs taeglich zersetzt wird,--aber der
arme Kaiser thut mir leid,--es ist doch eine gross angelegte und im
Grunde gute Natur,--und fuer Europa ist das Kaiserreich eine
Wohlthat,--denken Sie, wenn alle diese in den Tiefen gaehrenden Elemente
in Frankreich wieder entfesselt wuerden!

"Man hat mir da," fuhr er fort, indem er ein Blatt Papier von seinem
Schreibtisch nahm, "einen Brief Eugen Duponts mitgetheilt, in
welchem dieser thaetige Agent der Internationale und Secretair von Carl
Marx in London dem Comite in Genf auseinandersetzt, dass die Zeit
gekommen sei, in welcher der action secrete et souterraine die
allgemeine revolutionaire Schilderhebung in Europa folgen muesse.
Merkwuerdigerweise," sagte er, einen Blick in das Schriftstueck werfend,
"will Dupont den Ausgangspunkt dieser grossen Revolution nach England
verlegen, weil in Frankreich die Regierung noch zu stark sei."

"England sei das einzige Land," fuhr er fort, "in welchem eine wirkliche
socialistische Revolution gemacht werden koennte, das englische Volk aber
koenne diese Revolution nicht machen, Fremde muessten sie ihm machen und
der Punkt, wo man zuerst losbrechen solle, sei Irland."

Der Legationsrath Bucher laechelte. "Das sind Traeumereien," sagte er,
"wie sie von Zeit zu Zeit sich immer wiederholen, ohne zu praktischen
Resultaten zu fuehren."

"Die Ideen dieses Dupont sind Traeumereien,--das ist ganz richtig," fiel
Graf Bismarck ein,--"aber in Frankreich ist die Sache ernster,--dort
haben die gemaessigten Mitglieder der Internationale vollstaendig die
Fuehrung verloren und die extremsten Doctrinen dringen immer mehr in die
Arbeiterbevoelkerung,--bei jeder unruhigen Bewegung kann die Commune
proclamirt werden.--Das Alles gaehrt um den Kaiser herauf und kann ihn
eines Tages dazu draengen, einen Verzweiflungscoup zu machen;--wir muessen
von dort her immer auf etwas Unerwartetes gefasst sein."

"Die Elemente der Gaehrung," sagte der Legationsrath, "von denen Eure
Excellenz sprechen, sind aber nicht nur in Frankreich vorhanden, sondern
erfuellen die ganze Welt,--auch unter den deutschen Arbeitern macht die
Internationale Fortschritte,--ich glaube, dass die Regierungen zu dieser
Frage Stellung nehmen muessen."

"Das sagt mir auch Wagner," rief Graf Bismarck,--"aber welche Stellung
soll man dazu nehmen?--Die alten Parteibildungen beginnen sich zu
zersetzen, keine der vorhandenen Parteien kann sich dazu erheben, den
neuen Zeitfragen mit freiem und klarem Blick entgegen zu treten,--und
gerade dieser socialen Frage gegenueber muesste doch die Regierung sich auf
eine im Volke selbst wurzelnde Partei stuetzen.--Das waere eine Aufgabe
fuer die Conservativen," sagte er sinnend,--"aber leider verlieren gerade
diese sich immer mehr in unmoegliche und unpraktische Theorien."

"Nun," fuhr er fort,--"wir muessen darueber nachdenken,--jetzt will ich
ein wenig hoeren, was die auswaertige Politik macht."

Er reichte mit freundlichem Kopfnicken dem Legationsrath die Hand und
dieser zog sich mit einer kurzen stummen Verbeugung zurueck.

"Ist Jemand im Vorzimmer?" fragte Graf Bismarck den Kammerdiener,
welcher auf seinen starken Glockenzug erschien.

"Der englische Botschafter, Excellenz."

"Ich lasse bitten."

Der Minister-Praesident erhob sich und machte einige Schritte nach der
Thuer, durch welche Lord Augustus Loftus, der Botschafter Ihrer Majestaet
der Koenigin Victoria am preussischen Hofe und beim Norddeutschen Bunde,
in das Cabinet trat.

Lord Loftus, eine durchaus englische Erscheinung, hatte in seinen
Gesichtszuegen und in seiner ganzen Haltung eine gewisse feierliche Wuerde
und Zurueckhaltung, welche ein wenig gegen das offene, freie Wesen des
Grafen Bismarck abstach. Der Lord setzte sich dem preussischen
Minister-Praesidenten gegenueber vor den grossen Schreibtisch in der Mitte
des geraeumigen Cabinets, und begann, da der Graf nach einigen
gleichgueltigen Begruessungsworten schweigend seine Anrede erwartete, nach
einem kurzen Raeuspern:

"Sie wissen, lieber Graf, wie sehr die Regierung Ihrer Majestaet darauf
bedacht ist, in den Beziehungen der Cabinette unter einander alle
Ursachen des Misstrauens und der Besorgnisse zu beseitigen, welche dem
Frieden Europas gefaehrlich werden koennten."

Graf Bismarck neigte zustimmend den Kopf und, indem er eine grosse
Papierscheere ergriff und dieselbe spielend in der Hand bewegte, sagte
er im hoeflichsten Ton einer gleichgueltigen Conversation:

"Die Regierung Ihrer Majestaet ist in diesem Bestreben vollkommen von
denselben Wuenschen geleitet, welche auch uns beseelen und welche wohl,
wie ich glaube, von allen Cabinetten Europas getheilt werden. Ich freue
mich, von Neuem zu constatiren, dass gerade durch diese allseitigen
Wuensche die beste Garantie fuer die Erhaltung des europaeischen Friedens
gewaehrt wird."

Lord Loftus schien ein wenig decontenancirt.

"Die guten Wuensche aller europaeischen Regierungen," sagte er, "sind
gewiss eine ganz vortreffliche Garantie des Friedens. Indessen," fuhr er
ein wenig zoegernd fort, "um eine wirklich praktische und vor allen
Dingen dauernde Basis fuer die internationale Ruhe und Stabilitaet zu
schaffen, wird es vor Allem noch noethig sein, concrete Gruende
gegenseitigen Misstrauens und gegenseitiger Besorgnisse zu beseitigen."

"Ich wuesste in der That nicht," sagte Graf Bismarck, den Botschafter wie
erstaunt anblickend, "dass in diesem Augenblick irgend welche Fragen
bestaenden, welche dem Frieden auch nur die entfernteste Gefahr zu
bringen vermoechten. Ueberall ist die tiefste Ruhe, ich kann Sie
versichern, dass wir wenigstens mit keinem europaeischen Cabinet in
Eroerterungen stehen, welche bedenkliche und kritische Punkte beruehren."

"Ich hatte bei meiner Bemerkung von vorhin," erwiderte Lord Loftus,
"auch weniger diplomatische Fragen im Sinne, welche gegenwaertig zur
Eroerterung staenden und zu Differenzen fuehren koennten, ich dachte
vielmehr an thatsaechliche Verhaeltnisse, welche vielleicht weniger ein
Grund, als ein Ausdruck gegenseitigen Misstrauens sind und deren
Beseitigung im Interesse der ruhigen Entwickelung der Zukunft Europas
liegen moechte."

"Und welche thatsaechliche Verhaeltnisse meinen Sie?" fragte Graf Bismarck
mit vollkommener Ruhe und einem leichten Anflug von Erstaunen in seinem
scharfen, fest auf den Botschafter gerichteten Blick.

"Es ist eine Thatsache," sprach Lord Loftus weiter, "welche offen vor
Europa da liegt, dass die franzoesische Regierung in den letzten Jahren
ganz besondere Anstrengungen gemacht hat, um ihre Militairmacht auf eine
aussergewoehnliche Hoehe zu erheben. Das Gleiche findet bei Ihnen statt,
und Sie werden mir zugeben, dass es eine gewisse Besorgniss und
Beunruhigung erregen kann, wenn man zwei der bedeutendsten europaeischen
Maechte bis an die Zaehne bewaffnet einander gegenueber stehen sieht."

"Es liegt ja aber," fiel Graf Bismarck in demselben ruhigen, fast
gleichgueltigen Ton ein, "zwischen Frankreich und uns durchaus keine
Veranlassung zu irgend welchen Missverstaendnissen vor; im Gegentheil kann
ich Sie versichern, dass unsere Beziehungen zu Paris die besten und
freundlichsten sind."

"Und doch stehen Sie sich," bemerkte Lord Loftus, "mit so uebermaessig
angespannten Militairkraeften gegenueber, als ob Sie gegenseitig jeden Tag
den Ausbruch irgend eines Conflictes zu besorgen haetten. Dieser
Zustand," fuhr er etwas lebhafter fort, "wenn er auch den Frieden nicht
unmittelbar gefaehrdet, laesst doch Europa nicht zu sicherem Bewusstsein der
Ruhe kommen, und ich glaube, dass besser als alle diplomatischen
Versicherungen eine ernste und nachdrueckliche Reducirung der unter den
Waffen stehenden militairischen Streitkraefte alle die unruhigen
Besorgnisse zerstreuen wuerde, welche angesichts des gegenwaertigen
Zustandes sowohl die Cabinette, als die Geschaeftswelt erfuellen,--wenn
die Armeen Frankreichs und Preussens sich nicht mehr in voller
Kriegsruestung gegenueber stehen, dann wird Europa endlich aufathmen
koennen, befreit von dem Druck, welcher in den letzten Jahren auf ihm
lastet."

Graf Bismarck schwieg einen Augenblick, seine Zuege nahmen einen ernsten
Ausdruck an, er richtete den Blick seiner klaren grauen Augen scharf und
durchdringend auf den Botschafter und sagte dann:

"Haben Sie, mein theurer Lord, den Auftrag, die Frage, welche Sie soeben
beruehrten, zwischen Frankreich und uns Namens Ihrer Regierung zur
Sprache zu bringen?"

"Ich habe nicht den Auftrag," erwiderte der Lord, "bestimmte Antraege zu
stellen, bestimmt formulirte Wuensche auszusprechen,--doch bin ich
allerdings veranlasst, die allgemeine Besorgniss, welche die
militairischen Ruestungen in Frankreich und Deutschland der Regierung
Ihrer Majestaet einfloessen, Ihnen nicht zu verhehlen und zugleich auch dem
Gedanken Ausdruck zu geben, dass Sie sowohl als die franzoesische
Regierung dem ganzen civilisirten Europa einen grossen Dienst leisten
wuerden, wenn Sie sich geneigt finden liessen, im gleichen Verhaeltniss die
unter den Waffen stehenden Streitkraefte zu reduciren und dadurch
thatsaechlich das Vertrauen auf dauernde Erhaltung des Friedens zu
erkennen zu geben. Wuerde ich bei Ihnen die Geneigtheit finden, auf
diesen Ideengang einzugehen, so wuerde die Regierung Ihrer Majestaet gern
bereit sein, ihre Vermittelung in einer ebenso wichtigen, als delicaten
Sache zwischen zwei ihr gleich befreundeten Maechten eintreten zu
lassen."

"Und wissen Sie," fragte Graf Bismarck, ohne dass ein Zug seines
Gesichtes sich veraenderte, "ob derselbe Gedanke, den Sie mir hier so
eben auszusprechen die Guete haben, auch dem Kaiser Napoleon gegenueber
von Ihrer Regierung geltend gemacht worden ist?"

"Ich glaube, Ihnen mittheilen zu koennen," erwiderte Lord Loftus, "dass
dies geschehen ist, und dass der Kaiser sich vollkommen bereit erklaert
hat, seine kriegsbereiten Streitkraefte nach derselben Verhaeltnisszahl zu
reduciren, welche von Ihnen angenommen werden moechte."

Ein feines, fast unmerkliches Laecheln flog ueber das Gesicht des Grafen
Bismarck.

"Es wuerde dann immer die Frage sein," sagte er in leichtem Ton, "wer
denn mit der Abruestung anzufangen haette--und wer dieselbe controliren
koennte, Fragen, an denen oft schon aehnliche Verhandlungen gescheitert
sind,--doch," fuhr er dann mit ernstem und nachdrucksvollem Ton fort,
"ich will diese Frage nicht aufwerfen, denn sie wuerde keine practische
Bedeutung haben, da ich Ihnen von vorn herein auf das Bestimmteste
erklaeren muss, dass ich garnicht in der Lage bin, auf eine Negociation in
der von Ihnen angedeuteten Weise eingehen zu koennen, und ich wuerde es
bedauern, wenn ich in die Lage kaeme, der Regierung Ihrer Majestaet auf
eine directe Aeusserung in jenem Sinne eine bestimmt ablehnende Antwort
geben zu muessen."

"So halten Sie es dennoch fuer moeglich," fragte Lord Loftus, ein wenig
erstaunt ueber diese so klare und bestimmte Erklaerung, "dass aus den
Fragen, welche gegenwaertig in Europa vorhanden sind, nach irgend welcher
Richtung hin ein ernster Conflict entstehen koennte, der die Erhaltung
einer solchen Waffenruestung fuer Frankreich und fuer Preussen noethig
macht?"

"Was Frankreich betrifft," erwiderte Graf Bismarck, "so habe ich darueber
kein Urtheil. Glaubt der Kaiser Napoleon, den innern Verhaeltnissen
gegenueber und mit Ruecksicht auf seine sonstigen europaeischen
Beziehungen seine militairischen Streitkraefte vermindern zu koennen, so
mag er es thun, von unserer Seite hat er am allerwenigsten irgend eine
Schwierigkeit oder gar eine Feindseligkeit zu besorgen. Ich wuerde ihm
indessen auf einem solchen Wege nicht folgen koennen, denn die groessere
oder geringere Staerke der preussischen Militairmacht beruht nicht in
dieser oder jener augenblicklichen diplomatischen Constellation, sie ist
eine Grundlage des preussischen Staatslebens und kann ohne einen tiefen
Eingriff in dessen wesentlichsten Existenzbedingungen nicht modificirt
werden. Ich bin aber von vorn herein ueberzeugt," fuhr er fort, "dass der
Koenig, mein allergnaedigster Herr, jedes Eingehen auf diese Frage, ja
jede Eroerterung derselben auf das Bestimmteste ablehnen wuerde und
ablehnen muesste. Um eine Verminderung und zwar eine wesentliche
Verminderung der disponiblen Streitkraefte zu erreichen, muesste man die
ganze Militairorganisation Preussens und des Norddeutschen Bundes aendern.
Das ist schon verfassungsmaessig schwierig, ja beinahe unausfuehrbar.
Ausserdem kommt aber dabei noch ein wesentlicher Gesichtspunkt in Frage,
den ich Sie wohl in Betracht zu ziehen bitten muss, die preussische
Militairorganisation ist nicht nur eine militairische, sondern zu
gleicher Zeit auch eine politische und sociale Organisation. Sie ist
eine Art von hoher Schule fuer alle Klassen der Bevoelkerung, eine Schule,
in welcher die Jugend des Landes die selbstverleugnende Pflichterfuellung
lernt, in welcher sie durchdrungen wird von der Hingebung fuer den Koenig
und fuer das Land, in welcher der Patriotismus gekraeftigt und zu vollem
klarem Bewusstsein gebracht wird. Man koennte also die Wehrverfassung
nicht modificiren, ohne zu gleicher Zeit der militairischen Kraft und
der nationalen Einigkeit grossen Schaden zu thun, ohne die Ueberzeugung
des Volkes zu verletzen, welche in der allgemeinen Dienstpflicht und der
damit zusammenhaengenden Staerke der Armee die beste Buergschaft fuer die
Sicherheit und Groesse Preussens erblickt. Sie muessen begreifen, mein
theurer Lord," fuhr er fort, "dass alle diese Gesichtspunkte es mir
unmoeglich machen, die Idee der gegenseitigen Entwaffnung weiter zu
discutiren;--so lange ich Minister bin, wuerde ich eine solche Idee dem
Koenige nicht vorschlagen koennen, und jede weitere Eroerterung des
Gegenstandes wuerde zu gar keinem Resultat fuehren. Ich glaube, es ist der
beste Dienst, den ich Ihnen leisten kann, und der groesste Beweis
aufrichtigsten Entgegenkommens gegen die Regierung Ihrer Majestaet, wenn
ich sogleich und ohne Umschweife meine Stellung zu der von Ihnen
angeregten Frage offen ausspreche. Ich bitte Sie, das, was ich Ihnen
gesagt, als meine unbedingt feststehende Ansicht zu betrachten und auch
Ihrer Regierung keinen Zweifel ueber dieselbe zu lassen."

Lord Loftus verneigte sich und sprach:

"Ich erkenne vollkommen das Gewicht der Gruende an, welche Sie mir
angeben und werde dieselben dem auswaertigen Amt zur Kenntniss bringen.
Ich bedaure," fuhr er fort, "dass Ihre Mittheilungen mich von der
Unmoeglichkeit ueberzeugt haben, den auf Europa lastenden Zustand
aengstlicher Besorgniss durch ein einfaches Mittel zu beseitigen."

"Ich begreife nicht, mein lieber Lord," sagte Graf Bismarck, "warum Sie
von Kriegsbesorgnissen sprechen? Ich kann Ihnen nur wiederholen, dass ich
keine Frage sehe, welche dazu Veranlassung bieten koennte;--wenn einige
chauvinistische Blaetter in Frankreich nicht aufhoeren, die Welt von Zeit
zu Zeit zu beunruhigen, so kann das doch keinen Einfluss auf die
Cabinette der Grossmaechte haben. Mag sich die Boerse hin und wieder
darueber erschrecken, wir sollten uns dadurch doch in der That keinen
Augenblick aus der Ruhe bringen lassen. Vor Allem," fuhr er mit
volltoenender Stimme fort, "koennen derartige auf keinen concreten
Gruenden beruhende Besorgnisse niemals der Grund sein, dass eine mit dem
Ausbau ihrer innern Angelegenheiten beschaeftigte, alle Vertraege
respectirende und mit aller Welt im Frieden lebende Macht ihre
langjaehrige und bewaehrte Militairverfassung aendern sollte, eine
Militairverfassung, auf welcher die Sicherheit beruht, die friedliche
und selbststaendige innere Entwickelung noethigenfalls gegen jede Stoerung
schuetzen zu koennen."

"Apropos, haben Sie Nachricht vom Koenig Georg?" fragte Graf Bismarck,
als Lord Loftus sich erhob, um sich zu verschieden. "Man theilt mir mit,
dass er diese unglueckliche Legion in Frankreich, welche ihm so viel Geld
kostet, und welche doch in der That sehr wenig geeignet ist, um Hannover
wieder von uns zu erobern, jetzt auseinander schickt. Mir thun die armen
Leute leid, welche durch dies ganze abenteuerliche Unternehmen ihrem
Vaterlande und ihren Familien entzogen sind."

"Wenn der Koenig seinen Widerstand aufgiebt," sagte Lord Loftus, "sollte
es dann nicht moeglich sein, ihm den Genuss seines Vermoegens wieder zu
geben, welches ihm entzogen ist? Ich weiss, dass der Herzog von Cambridge
als naechster Agnat sehr viel Antheil an dieser Angelegenheit nimmt, und
es waere in der That erwuenscht, wenn sie in befriedigender Weise geordnet
werden koennte."

"Niemand wuenscht das lebhafter als ich," rief Graf Bismarck, "wir haben
im Interesse der Sicherheit Preussens dem Koenige sein Land nehmen muessen,
aber sowohl mein allergnaedigster Herr wie ich selbst wuenschen gewiss auf
das Dringendste, dass dem alten, hochberuehmten und edlen Welfenhause auch
in seiner hannoeverschen Linie fuer die Zukunft eine grosse und wuerdige
Existenz gesichert bleibe. Aber," fuhr er fort, "wenn der Koenig einfach
seine Legion entlaesst, weil er sie nicht bezahlen kann, ohne mit seinen
uebrigen Agitationen aufzuhoeren, ohne den Frieden mit uns zu machen, so
koennen wir ihm doch wahrlich nicht die Mittel dazu in die Haende geben.
Ich muss bekennen, dass mir diese Legion weniger beachtungswerth
erschienen ist, als andere Agitationen des Koenigs, welche sich der
Oeffentlichkeit mehr entziehen und fuer welche ich," sagte er mit
entschiedener Betonung, "niemals die Mittel zur Verfuegung stellen kann.
Will sich der Koenig in die Notwendigkeit der Verhaeltnisse fuegen, will er
mit uns Frieden schliessen, so wird er dafuer gewiss das bereitere
Entgegenkommen finden, und wenn der Herzog von Cambridge sich dafuer
interessirt, so wird er dem Koenig Georg und dessen ganzem Hause gewiss
den besten Dienst leisten, wenn er seinen Einfluss anwendet, um ihn zu
einem definitiven und aufrichtigen Frieden zu veranlassen."

"Ich werde," sagte Lord Loftus, "wenn sich mir die Gelegenheit bietet,
versuchen, in diesem Sinne zu wirken,--ich glaube, dass der Herzog von
Cambridge gern die Hand dazu bieten wird, doch ob mit Erfolg, das
scheint mir bei dem Charakter des Koenigs zweifelhaft. Jedenfalls ist
meine ganze Thaetigkeit in dieser Angelegenheit eine ausschliesslich
private, hervorgehend aus dem natuerlichen Interesse, welches ich fuer den
erlauchten Vetter meiner Koenigin hege; als Vertreter der englischen
Regierung habe ich mit der ganzen Angelegenheit nicht das Geringste zu
thun."

Er erwiderte mit einer etwas steifen Verbeugung den Haendedruck des
Grafen Bismarck, welcher ihn nach der Thuer hin begleitete, und verliess
das Cabinet.

In dem grossen Vorsaal sass in einem Lehnstuhl die schmaechtige, magere
Gestalt des Grafen Benedetti mit dem bleichen, fein geschnittenen
Gesicht, dessen Zuege trotz der listigen Intelligenz, welche in ihnen
lag, dennoch niemals einen bestimmten Ausdruck erkennen liessen.

Der Graf erhob sich und begruesste den englischen Collegen.

"Nun," sagte er, "haben Sie Ihre Entwaffnungstheorie discutirt, ueber
welche wir gestern sprachen, und von welcher ich ueberzeugt bin, dass sie
in Paris das bereitwilligste Entgegenkommen finden wird?"

"Ich habe darueber gesprochen," erwiderte Lord Loftus.

"Und?" fragte Benedetti.

"Jede Discussion darueber ist auf das Bestimmteste abgelehnt, man wird
das in London sehr bedauern, obgleich die Gruende dafuer nicht ohne
Berechtigung sind."

In den kalten klaren Augen Benedetti's erschien ein leichter Schimmer
von Befriedigung, er schlug jedoch sogleich den Blick zu Boden und sagte
mit ruhigem, fast ausdruckslosem Ton:

"Wenn die Welt sich wegen der militairischen Ruestungen in Frankreich und
Deutschland beunruhigt, so wird man nun wenigstens wissen, dass wir es
nicht sind, die es verweigern zur Beseitigung dieser Unruhe beizutragen,
welche uebrigens," fuegte er hinzu, "nach meiner Auffassung ohne
Begruendung ist."

Der Kammerdiener des Grafen Bismarck naeherte sich dem franzoesischen
Botschafter mit der Meldung, dass der Minister-Praesident bereit sei, ihn
zu empfangen.

Graf Benedetti verabschiedete sich von Lord Loftus und trat in das
Cabinet.

"Nun," sagte Graf Bismarck, nachdem er ihn mit offener Herzlichkeit
begruesst hatte, "es scheint, dass man in Europa an den Frieden nicht recht
glauben will. Man moechte aller Welt die Waffen aus den Haenden nehmen und
sie in irgend einem grossen Arsenal aufbewahren, damit nur ja kein
Missbrauch damit geschieht. Soeben hat mir Lord Loftus wieder von
Entwaffnungsideen gesprochen, welche sich ganz wesentlich auf uns
beziehen,--ich begreife das in der That nicht," fuhr er ernster fort,
"glaubt man denn, dass zwei grosse Maechte nur dann im Frieden neben
einander leben koennen, wenn sie Beide nicht die Macht haben, Krieg zu
fuehren? Ich habe nach meiner Ansicht mehr Vertrauen zur Erhaltung des
allgemeinen Friedens, wenn alle Maechte stark und kraeftig sind, sobald
sie nur den aufrichtigen Willen haben, in guten Beziehungen mit einander
zu leben. Ich weiss nicht, wie man bei Ihnen ueber die Moeglichkeit einer
Reduction der Armee denkt, bei uns ist dies unmoeglich, und ich glaube
auch, man wird an unsere friedlichen Absichten ohne Einschraenkung
unserer Armee glauben."

"Ich theile gewiss vollkommen Ihre Ansicht," sagte Graf Benedetti, indem
er dem Minister-Praesidenten gegenueber vor dem Schreibtisch Platz nahm,
"und bin weit entfernt, in einer starken Militairmacht zweier verstaendig
regierten Staaten eine Gefahr fuer den Frieden zu erblicken. Indess," fuhr
er fort, "koennte die Idee einer theilweisen Entwaffnung dennoch
vielleicht der Beachtung nicht ganz unwuerdig sein, wenn man durch eine
solche Massregel der oeffentlichen Meinung und den uebrigen Maechten neues
Vertrauen in die Stabilitaet der europaeischen Ruhe und Ordnung einfloessen
kann. Von diesem Gesichtspunkt aus ist, wie ich voraussetzen darf, der
Kaiser nicht abgeneigt, eine Reduction der militairischen Kraefte in
Erwaegung zu ziehen, wobei ausserdem noch eine wesentliche Erleichterung
des Volkes in Betracht kommt, die fuer die innere Stellung der
Regierungen nicht unwesentlich ist."

"Diese Ruecksicht wuerde bei uns von keiner Bedeutung sein," sagte Graf
Bismarck, "unsere Militair-Verfassung ist mit dem Volke verwachsen, und
Niemand im Volk verlangt eine Erleichterung der auf allen Schultern
gleich vertheilten militairischen Pflichten."

Graf Benedetti sah einen Augenblick zu Boden, dann schlug er den Blick
mit einer fast naiven Offenheit zu dem preussischen Minister-Praesidenten
auf und sprach:

"Ich bin natuerlich nicht in der Lage, die inneren Verhaeltnisse bei
Ihnen so eingehend zu beurtheilen, wie Sie dazu im Stande sind, da ich
nur als Fremder in dieselben hineinblicke,--aber doch verfolge ich Ihr
oeffentliches Leben mit vielem Interesse und glaube bemerkt zu haben, dass
in den Parteien Ihrer Parlamente die Frage der militairischen Lasten
nicht ganz gleichgueltig behandelt zu werden scheint. Nach der Zahl der
Mannschaften und nach den finanziellen Mitteln ist der Verfassung gemaess
der Militairetat auf eine Periode von fuenf Jahren festgesetzt, welche im
naechsten Jahr zu Ende geht; nach den Stimmen der Presse," fuhr er fort,
"und nach dem, was ich hier und da ueber die Stimmung der Abgeordneten
gehoert habe, scheint das Parlament, wenn ihm im naechsten Jahre das
Kriegsbudget vorgelegt wird, sehr geneigt zu sein, wesentliche
Reductionen zu beschliessen, welche gewissermassen einer theilweisen
Entwaffnung gleich kommen wuerden. Wenn ich mich in der Beurtheilung der
hiesigen Verhaeltnisse nicht taeusche," sprach er weiter, waehrend Graf
Bismarck zuhoerte und von Zeit zu Zeit die Fingerspitzen an einander
schlug,--"so beduerfen Sie, um das richtige Gleichgewicht zwischen der
Regierung und dem Parlament zu erhalten, der Uebereinstimmung mit allen
gemaessigten Nuancen der conservativen und liberalen Parteien. Wuerde es
da nicht vielleicht ein gutes und willkommenes Auskunftsmittel sein, die
Ruecksichten auf die inneren Verhaeltnisse und diejenigen auf die
auswaertigen Beziehungen zu vereinen durch eine auf diplomatischer
Uebereinkunft beruhende Armeereduction? Sie wuerden die europaeischen
Maechte, England an der Spitze, verpflichten, die oeffentliche Meinung
beruhigen und vielleicht einer Verlegenheit entgehen, welche immerhin
erwachsen koennte, wenn im naechsten Jahr Ihr Parlament erhebliche
Reductionen des Militairbudgets beschliessen sollte."

"Diese Verlegenheit," sagte Graf Bismarck, "kann nicht eintreten, und
die Ruecksicht, sie zu vermeiden, kann auf meine Beschluesse keinen
Einfluss ueben."

"So glauben Sie," sagte der Graf Benedetti, "der Zustimmung der
Parlamentsmajoritaet fuer das Militairbudget auch im naechsten Jahr
vollkommen sicher zu sein? Sie verzeihen," fuegte er hinzu, "dass ich ueber
Ihre inneren Angelegenheiten mit Ihnen spreche; aber Sie wissen, wie
sehr ich mich fuer dieselben interessire, und Sie haben mir frueher schon
oefter erlaubt, mich durch die Unterhaltung mit Ihnen ueber diese
Verhaeltnisse zu belehren."

"Unsere inneren Angelegenheiten," erwiderte Graf Bismarck, artig den
Kopf neigend, "liegen ja offen da, und es ist mir immer erfreulich und
kann nur zu immer groesserer Klaerung meiner eigenen Anschauung dienen,
mich mit Ihnen ueber dieselben zu unterhalten. Sie fragten also," fuhr er
fort, "ob ich der Zustimmung des Parlaments zum bisherigen
Militairbudget im naechsten Jahre sicher sei? Darauf kann ich Ihnen nur
antworten: das weiss ich nicht, denn parlamentarische Majoritaeten sind
Dinge, die sich nicht vorher berechnen lassen; doch mag dem sein, wie
ihm wolle, eine Verlegenheit, wie Sie dieselbe vorher andeuteten, kann
fuer mich nach dieser Richtung hin niemals entstehen. Wenn Sie unsere
Verfassung genau studirt haben," sagte er mit einer kaum vernehmbaren
Nuance von Ironie in seiner Stimme, "wie ich nach Ihren Bemerkungen
voraussetze, so werden Sie gesehen haben, dass der Artikel 60--nach der
Festsetzung der Friedensstaerke in der Armee bis zum 31. Dezember
1871--weiter bestimmt, dass fuer die Zukunft die Effectivstaerke durch die
Bundesgesetzgebung bestimmt werden soll. Wenn also, was ich nicht
voraussetzen will, aber auch ebenso wenig fuer unmoeglich erklaeren kann,
der Norddeutsche Reichstag im naechsten Jahre das von den verbuendeten
Regierungen vorgelegte Militairbudget nicht annimmt, so ist eben ein
neues Gesetz nicht zu Stande gekommen, und selbstverstaendlich gilt dann
das bisher bestandene Gesetz so lange, bis frueher oder spaeter ueber das
an seine Stelle zu setzende zwischen den Volksvertretern und den
Regierungen eine Verstaendigung erzielt ist. Sie sehen also, dass ich um
mein Militairbudget nicht in Verlegenheit kommen kann, und dass, wenn
Diejenigen," fuegte er mit scharfer Betonung hinzu, indem seine
Gesichtszuege ploetzlich einen sehr ernsten, fast strengen Ausdruck
annahmen, "welche sich ausserhalb Deutschlands vielleicht veranlasst
finden moechten, eine Verminderung der Waffenmacht zu wuenschen, die zur
Vertheidigung Preussens und des Norddeutschen Bundes noethig ist, sich auf
gewisse parlamentarische Abneigungen gegen die Bewilligung des
Militairetats glauben stuetzen zu koennen,--dass sie in solchen
Voraussetzungen ihre Rechnung--ohne die Bundesverfassung und ohne mich
gemacht haben."

Graf Benedetti verneigte sich.

"Es ist mir erfreulich," sprach er, "Ihre Ansichten so bestimmt und klar
ausgesprochen zu hoeren. Der ganze Gegenstand," fuhr er mit leichtem Ton
fort, "ist ja eigentlich keine Frage zwischen uns, Frankreich und
Preussen koennen ihre gegenseitige Staerke ohne jedes Misstrauen ansehen, es
waere nur ein Entgegenkommen gewesen, welches wir gemeinsam den uebrigen
Maechten haetten zeigen koennen--"

"Welche aber ihrerseits," fiel Graf Bismarck ein, "ebenfalls
fortfahren, unausgesetzt zu ruesten und zwar in weit groesserem Massstabe,
als wir, wie ein Blick auf Oesterreich und auf Italien zeigt. Ich
glaube, es ist besser, ein fuer alle Mal diese ganze Frage der Ruestungen
uneroertert zu lassen und den Frieden wesentlich auf den guten Glauben
und das Vertrauen zu stuetzen, welches die Regierungen einander
entgegentragen. Sie koennen mir," fuhr er fort, "wahrlich den Vorwurf
nicht machen, dass ich es an solchem Vertrauen fehlen lasse, und dass ich,
wenn irgend Etwas vorkommt, was die guten Beziehungen nach irgend einer
oder der anderen Richtung zu verwirren im Stande waere, nicht sogleich
durch offenes Aussprechen die Gelegenheit zur Aufklaerung und zur
Beseitigung der Missverstaendnisse gebe."

Ein leichter Ausdruck verschaerfter Aufmerksamkeit wurde in dem Blick des
Botschafters bemerkbar.

"Ich freue mich," sagte er, "dass diese Beziehungen gegenseitiger
Offenheit und Aufrichtigkeit zwischen uns bestehen. Gerade dadurch ist
es ja so oft schon moeglich gewesen, manche Wolke zu zerstreuen, welche
die so guten und befriedigenden Verhaeltnisse zwischen beiden Regierungen
haette trueben koennen. Gegenwaertig," sagte er mit leichtem Laecheln, "sind
ja solche Wolken nach keiner Richtung hin vorhanden und--"

"Ganz verschwinden sie niemals," fiel Graf Bismarck ein, "denn immer und
immer wieder kommen von der einen oder der andern Seite her
Mittheilungen, welche bei aengstlichen und misstrauischen Naturen, zu
denen ich nicht gehoere," sagte er sich verneigend, "Bedenken und Sorgen
hervorrufen koennten."

Benedetti blickte ihn erstaunt und fragend an.

"Schon vor laengerer Zeit," sagte Graf Bismarck in ruhigem und fast
gleichgueltigem Ton, "habe ich Ihnen mitgetheilt, Herr von Usedom haette
uns verschiedene Umstaende mitgetheilt, welche fast glauben lassen
mussten, dass geheime Unterhandlungen zwischen Frankreich und Italien, bei
welchen auch Oesterreich betheiligt sei, stattfaenden."

"Ich habe damals Gelegenheit genommen," sagte Graf Benedetti schnell,
"in Paris Erkundigungen einzuziehen und Ihnen die Versicherung gegeben,
dass die Quelle, aus welcher Herr von Usedom jene Mittheilungen geschoepft
hat, eine nicht zuverlaessige gewesen sein muesse--"

"Herr von Usedom hat seine Quelle nicht angegeben," fiel Graf Bismarck
ein.

"Jedenfalls," sagte Graf Benedetti, "war er unrichtig berichtet oder
durch den Schein getaeuscht und zu falschen Schluessen veranlasst worden."

"Es sind nun," sprach Graf Bismarck weiter, "in neuester Zeit wiederholt
Winke an mich gekommen, dass abermals eine sehr lebhafte Negociation
zwischen den Hoefen von Paris, Wien und Florenz stattfindet, welche eine
Coalition herzustellen bezweckt, die doch offenbar gegen uns keine allzu
freundlichen Absichten haben koennte. Ich meinerseits," fuhr er fort,
indem er Benedetti starr ansah und seine grosse Papierscheere mit der
Hand rasch hin und her bewegte, "lege keinen besonderen Werth auf
derartige Winke, wenn sie nicht den Nachweis bestimmter und unleugbarer
Thatsachen enthalten, vielleicht auch deshalb," sagte er mit Betonung,
"weil ich eine Coalition niemals fuerchten wuerde, welche sich der
nationalen Entwicklung Deutschlands entgegenzustellen die Absicht
haette."

"Ich werde sogleich," sagte Benedetti eifrig, "nach Paris schreiben und
mir bestimmte Aufklaerung ueber diese Frage erbitten. Ich bin aber im
Voraus fest ueberzeugt, dass die Geruechte, welche zu Ihnen gedrungen sind,
jetzt ebenso wenig wie damals Begruendung haben, denn ich kenne zu genau
den dringenden Wunsch des Kaisers, den europaeischen Frieden zu erhalten
und ganz besonders die so freundlichen Beziehungen mit dem Koenige
Wilhelm und seiner Regierung zu pflegen."

"Ich habe Sie nicht darueber interpelliren wollen, mein lieber
Botschafter," sagte Graf Bismarck, "ich kam auf die Sache nur durch
unser Gespraech und durch die Aeusserungen, welche Lord Loftus mir vorher
gemacht hat. Denn wenn," fuhr er fort, "aehnliche Winke, wie sie an mich
gekommen sind, auch nach London gelangt sein sollten, und wenn man mit
solchen Winken die ganz besondere Thaetigkeit in Verbindung bringt,
welche in Ihrem Militair-Departement herrscht, so wuerde in dieser
Ideenassociation vielleicht ein Grund zu finden sein, warum man von
England aus so dringend wuenscht, neue und concrete Garantieen fuer die
Erhaltung des europaeischen Friedens zu gewinnen. Nur sucht man diese
Garantieen an falscher Stelle; doch," fuhr er abbrechend fort, "ich
glaube, wir haben unsere Ideen ueber den Gegenstand ausgetauscht und
stimmen nunmehr im Wesentlichen ueber denselben ueberein. Besser als durch
die Entwaffnung wird der Friede jedenfalls gesichert sein, wenn alle
Veranlassungen vermieden werden, welche zur Entstehung solcher Geruechte
beitragen koennen, wie ich sie mir so eben zu erwaehnen erlaubte."

"Ganz gewiss," sagte Benedetti. "Es ist merkwuerdig," fuhr er dann fort,
"wie von Zeit zu Zeit immer wieder Fragen auftauchen, welche die glatte
und ruhige Oberflaeche der europaeischen Politik kraeuseln. Sie erwaehnten
so eben der Geruechte ueber geheime Verhandlungen zwischen Wien, Florenz
und Paris; da wir einmal damit das Gebiet der Hypothesen beruehrt haben,
so darf ich vielleicht meinerseits bemerken, dass, wie man mir aus Paris
ganz vertraulich schreibt, dort wieder einzelne Andeutungen vernommen
worden sind ueber einen Plan, den Prinzen von Hohenzollern auf den
spanischen Thron zu bringen, einen Plan, ueber welchen wir ebenfalls
frueher bereits gesprochen haben und welcher, wenn er wirklich bestehen
sollte, ebenfalls geeignet waere, eine gewisse Beunruhigung
hervorzurufen."

Graf Bismarck sah den Botschafter gross und erstaunt an.

"Ich habe neuerdings," sagte er, "Nichts wieder von dieser Idee gehoert,
welche mir, wie ich Ihnen bereits frueher bemerkt habe, im Ganzen ein
wenig abenteuerlich zu sein schien. Ich habe heute noch wie damals die
Ansicht, dass die Regierung des Prinzen Leopold in Spanien nur von sehr
kurzer Dauer sein wuerde und dass sie ihn grossen Gefahren und Taeuschungen
aussetzen muesste. Ich bin fest ueberzeugt, dass der Koenig, wenn die Sache
jemals an ihn herantreten sollte, dem Prinzen gewiss nicht den Rath geben
wuerde, den spanischen Thron anzunehmen, auch wenn die Cortes dort ihm
denselben antragen sollten. Ich weiss auch, dass der Vater des Prinzen,
der Fuerst Anton vollkommen diese Ansicht theilt. Er weiss," fuegte er
laechelnd hinzu, "durch die Erfahrung, die er mit dem Fuersten Karl von
Rumaenien gemacht hat, dass die Souverainetaet zuweilen theuer werden
kann."

"Der Prinz Leopold," sagte Benedetti in gleichgueltig hingeworfenem Ton,
indem ein schneller forschender Blick den Grafen Bismarck traf, "wuerde
ja auch uebrigens, selbst wenn ein Beschluss der Cortes ihm die spanische
Krone anbieten sollte, dieselbe niemals ohne Zustimmung und Erlaubniss
des Koenigs annehmen koennen, da der Koenig als Chef des Hauses bei den
Entschluessen des Prinzen die letzte Entscheidung hat."

"Das ist nicht der Fall," sagte Graf Bismarck, "der Prinz wuerde in
letzter Linie in seinen Entschluessen doch nur von seinem Vater abhaengen,
und der Koenig wuerde sich gewiss enthalten, einen bestimmenden Einfluss
ausueben zu wollen,--ganz gewiss aber wird er, wie ich wiederholen muss,
nach meiner Ueberzeugung dem Prinzen nicht den Rath geben, ein so
gefaehrliches und unsicheres Abenteuer zu wagen. Ich glaube uebrigens
kaum," fuhr er fort, "dass man so bald zur Wahl eines Koenigs in Spanien
gelangen wird; die Personen, welche dort gegenwaertig die Macht in Haenden
halten,--vielleicht Prim noch mehr als Serrano--werden kaum wuenschen,
durch die definitive Wahl eines Koenigs dem gegenwaertigen Zustand, bei
welchem sie die Herren des Landes sind, ein Ende zu machen. Die ganze
Sache hat nach meiner Ueberzeugung gar keine practische Bedeutung. Man
hat ja frueher schon," fuhr er im leichten, gleichgueltigen Ton fort, "den
Namen des Prinzen Friedrich Karl mit der spanischen Krone in Verbindung
gebracht, vielleicht waere dieser Prinz, der ein so tapferer Officier und
ein so energischer Charakter ist, noch eher im Stande dieses Abenteuer
zu bestehen, als es vielleicht der Prinz Leopold sein moechte. Aber alle
diese Dinge sind ja Conjecturen und scheinen mir so recht keinen
eigentlichen Bestand zu haben."

"Ich habe den ganzen Gegenstand auch nur erwaehnt," sagte Benedetti,
"weil wir einmal auf das Gebiet politischer Conjecturen gekommen waren,
zu denen auch die vorhin von Ihnen erwaehnte oesterreichisch-italienische
Negociation gehoert."

Graf Bismarck sah den Botschafter scharf und durchdringend an, dann
neigte er mit hoeflicher Zustimmung den Kopf.

"Ich freue mich also von Neuem constatiren zu koennen," sagte Benedetti,
indem er aufstand, "dass in unsern internationalen Beziehungen kein Punkt
existirt, welcher zu Unruhe oder Besorgniss Veranlassung geben koennte,
und man wird sich," fuegte er laechelnd hinzu, "in London wohl ueberzeugen,
dass auch ohne Entwaffnung zwei grosse Maechte in Frieden und Freundschaft
neben einander leben koennen."

"Das bewaffnete Deutschland," sagte Graf Bismarck, indem er Benedetti
einige Schritte zur Thuer geleitete, "ist wenigstens fuer Niemand eine
Drohung--als fuer Diejenigen, welche sich seiner naturgemaessen freien und
nationalen Kraftentwickelung etwa entgegenstellen moechten."

Benedetti verneigte sich, drueckte die dargebotene Hand des
Minister-Praesidenten und ging hinaus.

Graf Bismarck schritt einige Male langsam im Zimmer auf und nieder.

"Es ist etwas im Werk," sagte er,--"dieser englische
Entwaffnungsvorschlag beweist, dass man in London der Ruhe nicht traut,
man muss dort irgend welche Winke haben, welche Besorgnisse einfloessen,
und diese erneuete Erwaehnung der Candidatur des Prinzen Leopold, einer
Sache, die ich laengst vergessen habe und deren fluechtigem und
voruebergehendem Auftauchen im vorigen Jahre ich niemals eine ernste
Bedeutung beilegen mochte--diese Mittheilungen ueber die geheime
Negociation mit Italien und Oesterreich, welche nicht ganz aus der Luft
gegriffen sein koennen, --es scheint, dass da wieder irgend einer jener
verborgenen Schachzuege im Werke ist, denen ich mich seit 1866
unausgesetzt gegenueber befinde. Nun," sagte er, die Brust weit
ausdehnend, "moegen sie ihre geheimen Combinationen machen, sie werden
diesmal ebenso wenig zu einer ernsten Gefahr fuehren, als bisher. In
Italien wird man sich wohl nicht so leicht entschliessen, die einzige
Stuetze aufzugeben, welche man in Europa findet. Auch der gute Kaiser
Napoleon, der immer aelter wird, moechte mit jedem Jahre immer weniger
geneigt sein, sich den gefaehrlichen Chancen eines Krieges auszusetzen,
den wir, wenn er einmal entbrannt ist," fuegte er mit dem Ausdruck
eiserner Entschlossenheit hinzu, "bis auf's Messer wuerden fuehren muessen.
Freilich," sagte er dann nachsinnend, "je schwaecher und willenloser er
wird, um so leichter moechte es vielleicht der kriegerischen Coterie
werden, ihn in eine unueberlegte Unternehmung hineinzuziehen. Die
Schwaeche des Alters koennte bei ihm zu demselben Resultat fuehren, das bei
Andern durch die Verwegenheit der Jugend hervorgebracht wird. Nun,"
sagte er mit ruhigem Ton, "ich arbeite mit aller Macht daran, den
Frieden zu erhalten--wenn es aber nicht moeglich sein sollte--wir sind
geruestet und koennen jeder Eventualitaet mit dem ruhigen Bewusstsein
entgegensehen, dass wir gethan haben, was an uns ist, um allen Gefahren
zu begegnen. Leider, leider," sagte er nach einer Pause, "kann ich noch
immer nicht dahin kommen, klar und genau zu uebersehen, was unter dieser
glatten Oberflaeche der franzoesischen Politik in den Tiefen gebraut und
vorbereitet wird,--wie traurig, dass man nicht ueberall selbst sein kann
und dass man gezwungen ist, durch fremde Augen zu sehen und mit fremden
Ohren zu hoeren."

Der Kammerdiener trat ein und ueberreichte dem Grafen ein Billet.

"Ein Herr wuenscht Eurer Excellenz dringend angemeldet zu werden, er
behauptet, dass Eure Excellenz ihn anhoeren wuerden, wenn Sie seinen Brief
gelesen, und hat darauf bestanden, denselben sofort zu ueberreichen."

Graf Bismarck oeffnete schnell das Billet. Voller Erstaunen las er die
wenigen Zeilen, welche es enthielt. Dann spielte ein eigentuemliches
Laecheln um seine Lippen und er sagte:

"Fuehren Sie den Herrn herein."

"Herr Salazar-y-Mazarredo, Deputierter in den Cortes," sprach er
halblaut zu sich selbst, nachdem der Kammerdiener wieder hinausgegangen
war, "hat mir einen Brief des Marschall Prim zu uebergeben? Der Name ist
mir vollkommen unbekannt,--es muss eine ganz besondere Angelegenheit
sein, dass der Marschall sich direct an mich ohne Vermittlung der
spanischen Gesandtschaft wendet."--

Die Thuer oeffnete sich Graf Bismarck trat mit artiger Hoeflichkeit, aber
in gemessener, kalter Haltung einem noch jungen, eleganten Mann
entgegen, dessen regelmaessiges Gesicht mit dunklem, schwarzem Haar und
schwarzen lebhaften Augen den Typus der Suedlaender trug.

Der Eintretende verneigte sich tief vor dem Minister und zog einen
versiegelten Brief aus der Tasche seines Fracks.

"Der Marschall Prim," sagte er in franzoesischer Sprache, "hat mir den
ehrenvollen Auftrag ertheilt, Eurer Excellenz dies Schreiben zu
ueberreichen."

Graf Bismarck nahm den Brief, welchen der junge Mann ihm darbot, liess
einen fluechtigen Blick ueber das Siegel und die Aufschrift gleiten und
deutete dann mit der Hand auf den Sessel vor seinem Schreibtisch.

"Sie erlauben," sagte er, indem er sich niederliess,--er oeffnete das
Siegel und las langsam das Schreiben, doch ohne dass in seinem Gesicht
eine Spur des Eindrucks bemerkbar wurde, den der Inhalt auf ihn machte.
Als er zu Ende gelesen, faltete er den Brief wieder zusammen und sah
einen Augenblick den ihm gegenueber sitzenden jungen Mann scharf an.

"Ist Ihnen der Inhalt des Schreibens des Marschalls bekannt, mein Herr?"
fragte er.

"Der Marschall hat die Guete gehabt, mir denselben mitzutheilen,"
erwiderte Herr Salazar-y-Mazarredo. "Er hat geglaubt, in dieser
delicaten Angelegenheit sich zunaechst ganz persoenlich an Eure Excellenz
wenden zu muessen, um Ihre ebenfalls persoenliche Ansicht zu hoeren, bevor
in der Sache officielle Schritte geschehen. Der Marschall ist
ueberzeugt," fuhr er fort, waehrend Graf Bismarck ruhig und unbeweglich
zuhoerte, "dass der Abschluss der Revolution, in welcher sich Spanien
gegenwaertig befindet, nur durch die Wiederherstellung der Monarchie
moeglich ist und zwar unter einem Koenige, welcher durch jugendliche
Kraft und Intelligenz die Schwierigkeiten der Lage zu ueberwinden im
Stande ist und welcher zugleich durch seine persoenliche Stellung die
Achtung und Sympathie des spanischen Volkes gewinnen kann, ohne mit
irgend einer der im Lande bestehenden und mit den verschiedenen
Praetendenten zusammenhaengenden Partheien in irgend welcher Verbindung zu
stehen. Der Marschall hat geglaubt, einen solchen Fuersten, der alle
diese Eigenschaften in sich vereinigt, in der Person des Erbprinzen von
Hohenzollern zu finden und wuerde diese Combination um so lieber zur
Ausfuehrung gebracht sehen, als dadurch die hohe Achtung, welche er fuer
Deutschland, fuer den Koenig Wilhelm und Eure Excellenz hegt, ebenso wie
der Wunsch mit Preussen und Deutschland in freundschaftlichen Beziehungen
zu stehen, thatsaechlichen Ausdruck faende. Der Marschall glaubt, dass es
leicht sein wuerde, die Cortes zur Wahl des Prinzen Leopold zu bestimmen.
Doch wuenscht er nicht eher einen Schritt dazu zu thun, bevor er nicht
die Ueberzeugung gewonnen hat, dass Eure Excellenz diesen Plan billigen
und dass der Koenig demselben seine Zustimmung geben wuerde."

Graf Bismarck blickte einen Augenblick schweigend vor sich hin.

"Es ist eine eigenthuemliche Frage, welche Sie da an mich richten, mein
Herr," sagte er dann. "Ich erkenne dankbar die Gesinnungen des
Marschalls gegen Deutschland und gegen mich an, welche ihn zu dieser
Frage veranlassen, jedoch muss ich aufrichtig gestehen, dass ich um die
Antwort etwas verlegen bin. Es kann ja nur ehrenvoll fuer meine Nation
sein, wenn das spanische Volk einem deutschen Fuersten vertrauungsvoll
die Leitung seiner Geschicke in die Hand legen wollte, indess wird es mir
sehr schwer, darueber namentlich in dem gegenwaertigen Stadium der Sache
irgend eine bestimmte Meinung auszusprechen. Zunaechst wuerde doch der
Entschluss und die Neigung des Prinzen Leopold in erster Linie massgebend
sein. So schmeichelhaft nun auch fuer diesen Prinzen ein solcher Auftrag
sein muss, so werden Sie mir doch auch zugeben, dass er durch ein Eingehen
auf denselben, falls er wirklich gestellt werden sollte, eine ungeheuere
Verantwortlichkeit auf sich ladet und sich moeglicher Weise grossen
Gefahren und Schwierigkeiten aussetzt. Ob er das wagen will, ist seine
Sache, und es wuerde unter Umstaenden darueber von Ihnen mit dem Prinzen
direct verhandelt werden muessen."

"Der Marschall wuenscht aber auch zu gleicher Zeit Eurer Excellenz und
des Koenigs Ansicht darueber zu wissen."

"Was zunaechst die meinige betrifft, so muss ich Ihnen aufrichtig sagen,
dass ich der in Rede stehenden Combination eine politische Bedeutung kaum
beizulegen vermag. Der Prinz Leopold ist ein ritterlicher, ehrenhafter
Charakter--wuerde er je in die Lage kommen, die ihm angebotene Krone
Spaniens anzunehmen. So bin ich fest ueberzeugt, dass er von dem
Augenblick an sich mit allen Interessen der spanischen Nation
identificiren und dass es sein aufrichtiges Bestreben sein wuerde, ganz
und gar Spanier zu werden. Die Wahl des Prinzen wuerde kaum auf die
Beziehungen zwischen Spanien und Deutschland,--von denen ich ebenso wie
der Marschall wuensche, dass sie stets die freundschaftlichsten und besten
bleiben moegen--irgend welchen Einfluss ueben koennen. Ich wuerde also auch
kaum in der Lage mich befinden, als preussischer Minister dem Prinzen
irgend einen Rath nach der einen oder der andern Seite zu geben--

Wenn ich nun schon," fuhr er fort, "mir eine absolute Zurueckhaltung
auflegen zu muessen glaube, so scheint es mir, dass Seine Majestaet der
Koenig, mein allergnaedigster Herr, noch mehr einer jeden Einwirkung auf
die Entschluesse des Prinzen sich zu enthalten Veranlassung hat. Seine
Majestaet ist allerdings der oberste Chef des Gesammthauses
Hohenzollern, indess ist Prinz Leopold nicht preussischer Prinz und mit
der koeniglichen Familie nicht verwandt, in rein persoenlichen
Angelegenheiten wuerde also der Koenig zunaechst dem Prinzen und dessen
Vater die voellig freie Entscheidung ueberlassen muessen. Wenn Seine
Majestaet daher eintretenden Falles keine Veranlassung haben wuerde,
etwaigen Neigungen des Prinzen zur Annahme der ihm anzubietenden
spanischen Krone entgegen zu treten, so kann Seine Majestaet doch noch
viel weniger ihm irgendwie den Rath ertheilen, ein so verantwortungs-
und gefahrvolles Unternehmen zu versuchen. Ich finde mich daher nicht im
Stande, im gegenwaertigen Augenblicke meinerseits die Sache dem Koenige
vorzulegen,--wuerde dieselbe eine festere Gestalt annehmen und an den
Prinzen durch eine spanische Autoritaet herantreten, so wuerde es immer
die Sache des Prinzen selbst und seines Vaters sein, ihre Entschluesse
Seiner Majestaet zu unterbreiten und des Koenigs Meinung darueber
einzuholen."

"Eure Excellenz," sagte Herr Salazar-y-Mazarredo, der durch die ruhige
und bestimmte Erklaerung des Grafen Bismarck ein wenig niedergedrueckt zu
sein schien, "wuerden also der Idee des Marschalls persoenlich Nichts
entgegen zu setzen haben?"

"Wie koennte ich das!" erwiderte Graf Bismarck,--"es kann ja nur, wie
ich wiederhole, ehrenvoll fuer Deutschland und fuer das Haus Hohenzollern
sein, wenn die spanische Nation einen Prinzen dieses Hauses zu ihrem
Koenig erwaehlt. Politische Gruende _dagegen_," fuhr er fort, "kann ich als
preussischer Minister ebenso wenig haben, als ich, wie ich ebenfalls
bestimmt wiederholen muss, mich irgend wie _dafuer_ auszusprechen im
Stande bin. Doch bin ich," fuhr er fort, "dem Marschall sehr dankbar fuer
das persoenliche Vertrauen, welches er mir durch die Mittheilung seiner
Idee zu beweisen die Guete gehabt hat."

Er schwieg. Der spanische Deputirte schien das Gespraech nicht fuer
beendet ansehen zu wollen.

"Wuerden Eure Excellenz die Guete haben," sprach er, "Ihre Ansicht ueber
die Sache--Ihre persoenliche Ansicht dem Marschall in Beantwortung seines
Schreibens mitzutheilen?"

Graf Bismarck spielte einige Augenblicke nachdenklich mit dem Brief, der
vor ihm auf dem Tische lag.

"Ich glaube," sagte er, "dass ich mich deutlich und klar ausgesprochen
habe, und Sie werden gewiss die Guete haben, dem Marschall meine Worte zu
wiederholen."

"Ich glaube, Eurer Excellenz Erklaerung genau und richtig aufgefasst zu
haben," erwiderte Herr Salazar-y-Mazarredo, "doch bin ich ueberzeugt, dass
der Marschall besonderen Werth darauf legen wuerde, meine Mittheilungen
durch ein Antwortschreiben von Eurer Excellenz selbst bestaetigt zu
sehen."

Abermals dachte Graf Bismarck einige Augenblicke nach.

"Sie werden begreifen," sagte er, "dass eine gewisse Schwierigkeit fuer
mich darin liegt, mich ueber eine Angelegenheit, welche, wie ich zu
bemerken mir erlaubte, nach meiner Auffassung mit der Politik Preussens
und Deutschlands Nichts zu thun hat, in einer Weise auszusprechen,
welcher bei meiner Stellung doch immerhin eine Art von offizieller
Bedeutung beigelegt werden koennte. Jedenfalls muesste ich die Sache nach
allen Richtungen hin noch sehr reiflich ueberlegen, bevor ich den Brief
des Marschalls beantworten koennte, und ich muss gestehen, dass ich
dringend wuensche, der ganzen Sache so lange vollkommen fern zu bleiben,
bis dieselbe etwa eine klar fassbare Gestalt annimmt und auf direct
officiellem Wege an mich gelangt. Ich moechte unter diesen Umstaenden,"
fuegte er artig hinzu, "Sie nicht zu einem laengeren Aufenthalt in Berlin
veranlassen und den Marschall bitten, mir zu einer eingehenden
Ueberlegung Zeit zu lassen. Ich bin ueberzeugt, dass der Marschall die
Gruende vollkommen verstehen und billigen wird, welche mich bestimmen
muessen, meine Antwort noch zurueckzuhalten, um so mehr, da bei den
Beziehungen persoenlichen Vertrauens, in denen Sie, mein Herr, jedenfalls
zu ihm stehen, Ihre Mittheilungen ja vollstaendig die Stelle einer
direkten Antwort ersetzen werden."

Er verneigte sich mit einer Miene, welche bestimmt andeutete, dass die
Unterredung zu Ende sei.

Herr Salazar-y-Mazarredo erhob sich, indem auf seinen Zuegen eine
sichtbare Enttaeuschung bemerkbar wurde.

"Ich bitte Sie nochmals," sagte Graf Bismarck, "dem Marschall den
Ausdruck meiner Dankbarkeit fuer sein Vertrauen und die Versicherungen
meiner aufrichtigen Hochachtung und Ergebenheit zu ueberbringen. Ich habe
mich herzlich gefreut," fuegte er mit verbindlicher Artigkeit hinzu, "bei
dieser Gelegenheit Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben."

"Eure Excellenz werden Nichts dagegen haben," sagte Herr
Salazar-y-Mazarredo, "dass ich Schritte thue, um mich ueber die
persoenlichen Ansichten des Prinzen Leopold zu unterrichten."

"Da der persoenliche Entschluss des Prinzen, wie ich schon bemerkt habe,
in erster Linie in Betracht kommt," sagte Graf Bismarck kalt und ruhig,
"so scheint es mir in der Natur der Sache zu liegen, dass Sie nach dieser
Richtung hin sich informiren. Uebrigens," fuegte er hinzu, "wird es ganz
und gar, wie mir scheint, Ihre Aufgabe sein, die Auftraege auszufuehren,
welche der Marschall Ihnen gewiss auch in dieser Beziehung ertheilt hat."

Herr Salazar-y-Mazarredo verliess mit tiefer Verbeugung das Cabinet.

"Es ist also doch Etwas im Gange," sagte Graf Bismarck, indem er sich
wieder vor seinen Schreibtisch setzte,--"aber was kann dieser Sache zu
Grunde liegen--warum diese einseitige und vertrauliche Anfrage des
Marschall Prim? Fast scheint es, als sollte da Etwas hinter dem Ruecken
von Serrano und der uebrigen Regierung gemacht werden, Prim wuerde bei
seinen besonderen Beziehungen zum Kaiser Napoleon kaum eine solche Sache
einfaedeln, wenn er nicht glaubte, demselben dadurch angenehm zu
werden,--der Prinz von Hohenzollern ist mit dem Kaiser verwandt," sagte
er nachsinnend mit leiser Stimme--"die Candidatur des Herzogs von
Montpensier muss dem Kaiser tief verhasst sein,--sie koennte ihm unter
Umstaenden gefaehrlich werden;--sollte die erneuete Anregung dieser
Combination damit zusammenhaengen?

"Nun,"--rief er nach laengerem, schweigendem Nachdenken,--"einmal muss die
grosse Krisis dieser langsam schleichenden Krankheitszustaende doch
ausbrechen,--und wenn ich sie mit noch so grosser Muehe und Vorsicht
fortwaehrend wieder zu beschwoeren versuche!--Vielleicht waere es ein
Glueck, wenn die Entscheidung bald kaeme,"--sagte er ernst,--"wenn sie
kaeme, so lange ich noch in voller Kraft an der Spitze der Geschaefte
stehe,--denn wenn in dieser Krisis mit halben Entschluessen und mit
halben Mitteln operirt wird,--dann muss die Zukunft Deutschlands auf
lange hinaus, vielleicht auf immer verloren sein.--Ich," rief er
flammenden Blickes, indem eine eiserne Energie aus seinen Zuegen
leuchtete--"ich wuerde nicht zurueckweichen, ich wuerde die Aufgabe
erfassen mit der vollen Kraft, deren sie bedarf,--und--ich fuehle
es,--ich wuerde siegen!

"O," sagte er dann schmerzlich, "warum ist die Zukunft unserem Blick
verborgen,--warum koennen wir nicht eine Ecke jenes undurchdringlichen
Schleiers lueften, der das Morgen vor unsern Blicken verbirgt?

"Wie viele ringende und kaempfende Geister," sagte er leise, die
gefalteten Haende leise vor sich auf den Tisch stuetzend, "haben vor mir
diese brennende Frage an die Vorsehung gerichtet,--wie viele werden sie
nach mir aussprechen, um dieselbe Antwort zu erhalten--das ewige
Schweigen!

"Und doch," sprach er, den ruhigen klaren Blick aufschlagend, mit einem
weichen Laecheln, das seinen festen strengen Zuegen einen eigenthuemlichen
Ausdruck gab, dessen man dieses eherne Gesicht kaum fuer faehig gehalten
haette, "doch giebt es eine Antwort, die durch lange Jahrhunderte so
vielen zweifelnden und bangenden Herzen Frieden, Muth und Zuversicht
gebracht hat--einfach, gross und erhaben wie Der, dessen Lippen sie
zuerst sich entrang--Herr, nicht mein sondern Dein Wille geschehe!"

Er neigte einen Augenblick das maechtige Haupt auf die Brust, dann erhob
er sich, immer mit dem Ausdruck laechelnder Ruhe und Klarheit auf seinen
Zuegen, nahm seinen Hut, stieg in den grossen Garten des auswaertigen Amtes
hinab und ging mit grossen Schritten unter den hohen noch winterlich
kahlen Baeumen in tiefen Gedanken und oft leise Worte vor sich
hinsprechend auf und nieder.




Drittes Capitel.


In einem grossen Zimmer des Hotels zur Sonne in St. Dizier waren
dreissig bis vierzig von den hannoeverschen Emigranten versammelt, theils
ganz junge Maenner, theils aeltere Leute, deren Mienen und Haltung man die
gedienten Militairs ansah. Sie Alle standen in Reihen an der einen Seite
des Zimmers und blickten ernst und finster nach dem Tisch hin, an
welchem der Major von Adelebsen, der Ordonnanzofficier des Koenigs Georg,
sass und auf welchem Actenpackete und eine Anzahl von Bankbillets und
Goldrollen lagen.

Neben dem Major von Adelebsen sass der fruehere Lieutenant de Pottere, ein
junger Mann mit dichtem, sorgfaeltig frisirtem Haar, welches tief in die
auffallend niedrige Stirn herabreichte, mit grossen, etwas starr
blickenden Augen und einem starken blonden Schnurrbart auf der
Oberlippe des Mundes, um welchen ein gleichgueltig stereotypes Laecheln
spielte.

Der Lieutenant de Pottere hatte eine Namensliste der Emigranten vor sich
und hielt eine Feder in der Hand bereit, die Proceduren des Majors von
Adelebsen zu protocolliren.

"Unterofficier Ruehlberg!" rief Herr von Adelebsen, indem er den etwas
unsicheren Blick seines Auges ueber die Emigranten hingleiten liess.

In militairischer Haltung trat der Unterofficier an den Tisch heran.

"Ich habe Sie nunmehr aufzufordern," sagte Herr von Adelebsen, "zur
Erklaerung darueber, was Sie ueber Ihre Zukunft beschlossen haben. Ich
mache Sie darauf aufmerksam, dass Sie die Ihnen zustehende Pension von
Seiner Majestaet erhalten koennen oder aber eine einmalige
Abfindungssumme, wenn Sie das vorziehen. Geben Sie mir Ihre Erklaerung,
wohin Sie nachher zu gehen beabsichtigen."

"Ich bitte, mich ein fuer allemal abzufinden, Herr Major," erwiderte der
Unterofficier, "ich will mit einer Anzahl meiner Kameraden nach Algier
gehen, um dort unser Glueck in einer Colonie zu versuchen."

"Sie wollen nach Algier gehen?" fragte Herr von Adelebsen ein
wenig befremdet, "Sie wissen doch, dass Seine Majestaet eine
Niederlassung in Algier nicht fuer zweckmaessig erachten koennen, und dass
Allerhoechstdieselben befohlen haben, den Legionairen von einer
Auswanderung nach Algier abzurathen."

"Zu Befehl, Herr Major," erwiderte der Unterofficier, "Herr Minister von
Muenchhausen hat uns das auseinandergesetzt und uns dabei zugleich
gerathen, nach Hannover zurueckzukehren, und," fuegte er mit einer
gewissen Bitterkeit hinzu, "die Strafe, die man uns vielleicht dictiren
wuerde, ruhig abzusitzen. Ich bin ganz ueberzeugt," fuhr er fort, "dass
Seine Majestaet die besten Absichten mit uns hat, und dass Er nach den
Berichten, die man ihm erstattet hat, ueberzeugt ist, dass eine Colonie in
Algier uns keinen Vortheil bringen koenne. Aber ich muss Ihnen sagen, Herr
Major, dass ich durchaus keine Lust habe, nach der Heimath
zurueckzukehren, um mich dort einsperren zu lassen. Wenn Seine Majestaet
uns eine Amnestie wuerde verschaffen koennen, so waere es etwas Anderes.
Unter diesen Umstaenden muss ich aber dabei bleiben zu versuchen, meine
Zukunft auf meine eigene Kraft zu gruenden; und ich bleibe daher bei
meiner Erklaerung, dass ich nach Algier gehen will und bei meiner Bitte,
mir die Abfindungssumme auszuzahlen."

"Wenn aber doch Seine Majestaet," sagte der Lieutenant de Pottere mit
einer etwas naeselnden Stimme, "eine solche Colonie nicht fuer zweckmaessig
haelt--"

"Der Herr Major," fiel der Unteroffizier ein, "haben uns gesagt, dass wir
die voellig freie Entschliessung haetten, unsere Zukunft einzurichten, wie
wir wollten. Ich habe mir die Sache reiflich ueberlegt und bleibe dabei,
dass ich nach Algier gehen will. Vorzueglich," fuhr er fort, "moechte ich
ein fuer allemal abgefunden sein, wohin ich mich dann wende, kann und
wird ja uebrigens Seiner Majestaet ganz gleichgueltig sein."

"Es ist Seiner Majestaet gewiss nicht gleichgueltig," sagte Herr von
Adelebsen mit sanfter Stimme, "wie sich die Zukunft seiner frueheren
Soldaten gestaltet, und deshalb--"

"Darf ich bitten, Herr Major," fiel der Unterofficier, sich in strammer
Haltung aufrichtend, ein, "meine Erklaerung zu Protocoll nehmen zu
lassen? Mein Entschluss steht unwiderruflich fest."

Herr von Adelebsen gab dem Lieutenant de Pottere einen Wink. Dieser
schrieb die Erklaerung des Unterofficiers nieder und der Major zaehlte die
Abfindungssumme in Banknoten und Zwanzigfrankstuecken ab und haendigte sie
dem Unterofficier ein, der mit vorsichtiger Sorgfalt seinen Namen unter
die ihm vorgelegte Quittung setzte und dann zu den Uebrigen zuruecktrat.

"Dragoner Cappei!" rief Herr von Adelebsen.

Der junge Mann trat heran.

"Ihre Erklaerung?" fragte Herr von Adelebsen.

"Ich wuensche, nach Hannover zurueck zu gehen," sagte Cappei.

"Sie sind militairpflichtig gewesen," sagte Herr von Adelebsen. "Haben
Sie es sich ueberlegt, dass man Sie vielleicht bestrafen und in die
preussische Armee einstellen wird? Es laege vielleicht, wenn Sie sich
dieser Gefahr nicht aussetzen wollen, in Ihrem Interesse, wie sich viele
andere Ihrer Kameraden bereits entschlossen haben, nach Amerika zu
gehen--"

"Ich danke, Herr Major," erwiderte Cappei ruhig, "ich bin entschlossen,
zu tragen, was mir in Hannover widerfahren wird, und will in die Heimath
und zu meiner Familie zurueckkehren."

Er empfing die ihm zukommende Summe Geldes, der Lieutenant de Pottere
protocollirte seine Erklaerung und Cappei trat zurueck.

Einer nach dem Andern aus der Reihe der Emigranten wurde aufgerufen,
Zwei oder Drei erklaerten, dass sie nach Amerika gehen wollten, alle
Uebrigen sprachen den Entschluss aus, mit dem Unterofficier Ruehlberg
nach Algier auszuwandern.

"Ich muss Sie Alle nochmals darauf aufmerksam machen," sagte Herr von
Adelebsen, "dass, wie ich bereits dem Unterofficier bemerkt habe, Seine
Majestaet nicht glauben koenne, dass Sie in Algier Ihre kuenftige Wohlfahrt
finden. Sie werden dort in einem fremden Lande ohne Huelfsmittel und ohne
Unterstuetzung sein und es vielleicht bereuen, dass Sie sich zu einem
solchen Entschluss haben beeinflussen lassen."

"Niemand hat uns beeinflusst!" riefen Mehrere der Emigranten. "Wir haben
selbst schon lange ehe unsere Officiere mit uns ueber die Colonie
gesprochen haben, den Gedanken gefasst, wenn der Koenig uns nicht mehr
erhalten koennte, uns in Algier eine Zukunft zu gruenden."

"Ich muss aber ausdruecklich bemerken," sagte Herr von Adelebsen, "dass
Seine Majestaet mir befohlen haben, ganz bestimmt zu erklaeren, dass
Diejenigen, welche nach Algier gehen, niemals auf irgend eine
Unterstuetzung von seiner Seite zu rechnen haben. Bedenken Sie, was es
heisst, in einem ganz fremden Lande unter unbekannten Verhaeltnissen sich
eine Existenz zu gruenden."

"Wir werden im fremden Lande," rief der Unterofficier Ruehlberg, einen
Schritt vortretend, "immer noch Menschen finden, die uns mit Rath und
That beistehen und Gefuehl fuer Leute haben, welche ihrem Koenig im Unglueck
treu geblieben sind,--wir haben freilich nicht geglaubt, dass es so
kommen wuerde, denn dann wuerden wir wohl kaum die Heimath verlassen
haben, und was die Bemerkung betrifft, die der Herr Major so eben
gemacht haben, so koennen Sie ganz ruhig sein, Niemand von uns wird
kuenftig die Unterstuetzung der Kasse Seiner Majestaet in Anspruch nehmen.
Jedenfalls werden wir immer noch besser in Algier daran sein, wo uns
wenigstens die franzoesische Regierung freundlich entgegenkommt, als wenn
wir ueber das weite Meer nach Amerika hinzoegen, wo wir ohne alle Huelfe
sterben und verderben koennen."

"In Amerika waeren wir freilich weiter fort," rief eine Stimme aus den
Reihen, "und wenn wir Alle dort waeren, so waere man doch sicher, dass
Niemand von uns der koeniglichen Kasse zur Last faellt."

Der Major warf einen schnellen Blick von unten herauf nach der Gegend,
woher diese Stimme erschallt war. Der Lieutenant de Pottere drehte
seinen Schnurrbart und sagte:

"Sie muessen ruhig sein und nicht durcheinander sprechen."

"Ich glaube, wir sind abgefunden," rief es aus den Reihen, "und haben
hier nichts mehr zu thun, gehen wir."

Und sich kurz umwendend, verliessen sie Alle das Zimmer, indem sie den
Refrain des alten hannoeverschen Soldatenliedes anstimmten:

  "Lustige Hannoveraner seien wir."

Herr von Adelebsen und der Lieutenant de Pottere packten die Papiere und
das uebrig gebliebene Geld zusammen und zogen sich stillschweigend in
ihre Zimmer zurueck.

"Nun Cappei," sagte der Unterofficier Ruehlberg zu dem jungen Dragoner,
welcher schweigend und gedankenvoll mit den Uebrigen die Treppe
hinabstieg, "wollt Ihr Euch nicht noch eines Bessern besinnen und mit
uns nach Algier gehen. Denkt doch, wie schoen es ist, wenn wir Alle
zusammen bleiben und unser Dorf nach althannoeverscher Manier einrichten,
da koennen wir es doch noch zu Etwas bringen, ein freies und
selbststaendiges Leben fuehren und an die alte Heimath zurueckdenken, wie
sie frueher war."

"Es thut mir leid, Euch zu verlassen," sagte Cappei,--"aber unsere Sache
ist zu Ende, das alte Hannover ist fuer immer versunken. Was hilft es
dem Einzelnen, gegen den Weltlauf anzukaempfen--ich liebe meine Heimath,
und die Heimath bleibt ja doch dieselbe, mag nun dieser oder jener
Koenig, dieses oder jenes Gesetz herrschen."

"Nun, geht hin," sagte der Unterofficier, "Ihr werdet es noch bereuen,
aber Verliebten ist keine Vernunft zu predigen. Ihr kommt doch heute
Abend noch zu uns, wir wollen noch einmal lustig zusammen sein; in
dieser Nacht noch wollen wir nach Marseilles reisen, um uns nach Algier
einzuschiffen. Wir haben unsere Empfehlung an den Praefecten dort, und
das Comite, welches unsere Officiere in Paris bilden, wird dafuer sorgen,
dass wir von dort aus gut empfohlen werden. Tuechtige und rechtliche
Leute, die arbeiten koennen, kann man ueberall brauchen, und wir werden
unsern Weg schon machen."

Die Emigranten zogen ueber den Marktplatz von St. Dizier, von den ihnen
begegnenden Buergern freundlich begruesst, nach dem Restaurant hin, in
welchem sie sich gewoehnlich zu versammeln pflegten.

Der junge Cappei trennte sich an der Ecke des Marktplatzes von ihnen und
schritt langsam dem Hause des Holzhaendlers Challier zu. Er ging ueber den
grossen Hof und trat durch den Flur in das Wohnzimmer des Hauses, in
welchem er so lange als ein freundlich empfangener Gast aus- und
eingegangen war, und von welchem er sich nun trennen sollte, um den
Kampf mit einer ungewissen Zukunft aufzunehmen.

Der alte Herr Challier sass allein in seinem Lehnstuhl, die so eben
ausgegebene Zeitung des kleinen Orts lesend. Er legte bei dem Eintritt
des jungen Mannes das Blatt aus der Hand, erhob sich und trat ihm mit
herzlichem Gruss entgegen.

"Alles ist abgemacht, Herr Challier," sagte Cappei in ziemlich reinem,
aber im deutschen Accent anklingenden Franzoesisch, "die Legion ist
aufgeloest, wir sind Alle frei und koennen hingehen, wohin wir wollen. Und
alle diese Kameraden, die nun drei Jahre lang Freud und Leid mit
einander getheilt haben, werden sich wohl schwerlich jemals wieder
zusammenfinden."

"Das ist recht traurig," sagte der alte Herr Challier, langsam den Kopf
schuettelnd. "So ist also die Sache Ihres Koenigs aufgegeben,--das thut
mir aufrichtig leid, denn ich habe immer so viel Sympathie fuer sein
Schicksal und fuer Sie Alle gehabt; und wir Buerger von St. Dizier nehmen
gewiss ganz besondern Antheil an Allem, was den Koenig betrifft, seit er
unserer Stadt die Ehre erzeigt hat, der Pathe des Kindes eines unserer
Mitbuerger zu sein. Ich bin ein alter Bragars," sagte er, indem seine
dunklen Augen in lebhaftem Feuer aufleuchteten, "und ich haette mich von
Herzen gefreut, wenn ich Sie haette ausziehen sehen koennen, um fuer Ihren
Koenig und sein Recht zu fechten,--das Schicksal geht seinen eigenen
Weg,--es hat nicht sein sollen. Wir verlieren alle liebe Freunde mit
ihnen," fuhr er fort, "und mir wird es in meinem Hause recht leer
vorkommen, wenn ich Sie nicht mehr sehe. Haben Sie Ihren Entschluss fest
gehalten," fragte er, "nach Ihrem Vaterlande zurueckzukehren?--Ich wuerde
mich kaum dazu entschliessen koennen," sagte er, "wenn ich mich in Ihre
Lage denke, in einem Lande zu leben, in welchem eine fremde Herrschaft
alle Erinnerungen an eine ruhmvolle Vergangenheit begraben hat."

Ernst erwiderte der junge Mann:

"Es liegt fast ein Vorwurf in Ihren Worten fuer mich, Herr Challier, und
doch kann ich nicht anders handeln.--Sie sind Franzose und wenn es
moeglich waere, dass Ihr Vaterland ein Schicksal traefe wie das meinige, so
wuerde Ihr Gefuehl natuerlich sein. Bei mir, da ist es etwas Anderes,
Hannover ist ein kleines Land, ein kleiner Theil jenes grossen
Deutschlands, das ja doch das gemeinsame Vaterland fuer uns Alle ist. Wir
Hannoveraner lieben unsere Eigenart und Selbstaendigkeit, wir haben mit
fester Treue an den Fuersten gehangen, die so lange ueber uns geherrscht
haben. Wir beklagen und empfinden tief den Verlust unserer
Selbststaendigkeit, aber wir sind doch immer nur ein Glied des
Ganzen,--die neue Regierung, welche ueber uns herrscht, ist ja auch eine
deutsche, und Deutsche bleiben wir auch unter den neuen Verhaeltnissen.
Sollen wir uns darum von dem grossen ganzen Vaterlande ausschliessen, weil
wir nicht weiter leben koennen, wie wir es bisher gewohnt waren? Fuer das
Recht unseres Koenigs konnten wir kaempfen, wenn der Koenig aber dies Recht
aufgiebt, wie koennten wir in ungewoehnlichem Hass den andern Deutschen
gegenueber stehen! Uebrigens," fuhr er fort, "werde ich vielleicht nicht
immer in meiner Heimath bleiben, nachdem ich meine Verhaeltnisse dort
geordnet und meine Stellung klar gemacht habe,--und darueber," fuegte er
etwas zoegernd hinzu, "moechte ich mit Ihnen, Herr Challier, bevor ich
scheide, noch ein ernstes Wort sprechen. Sie haben mich mit vaeterlicher
Guete aufgenommen, ich will Ihnen klar und ohne Rueckhalt meine Gedanken
ueber die Zukunft mittheilen. Billigen Sie dieselben nicht," sagte er
seufzend, "so werde ich meine Plaene aendern und Hoffnungen aufgeben,
welche mir die liebsten und schoensten sind."

Herr Challier blickte ihn ein wenig erstaunt an und sagte im herzlichen
Ton:

"Sie wissen, mein junger Freund, dass mein Rath und meine Erfahrung, wenn
ich Ihnen mit denselben nuetzen kann, Ihnen stets zu Gebote stehen."

Er setzte sich in seinen Lehnstuhl und lud den jungen Mann ein, in einem
Sessel neben ihm Platz zu nehmen. Dieser jedoch blieb vor dem alten
Herrn stehen, senkte einen Augenblick nachdenkend den Kopf, wie um seine
Gedanken zu ordnen, und sprach dann mit bewegter Stimme:

"Sie haben mich kennen gelernt, Herr Challier, als heimathlosen
Fluechtling, und dennoch haben Sie mir freundlich Ihr Haus geoeffnet. Sie
haben mich in den Kreis Ihrer Familie aufgenommen und ich darf annehmen,
dass Sie Vertrauen zu mir haben, obgleich Sie nie vorher Etwas von mir
gehoert, obgleich Sie nicht wissen, woher ich stamme und welches meine
Vergangenheit war."

"Ich habe Ihnen vertraut," erwiderte Herr Challier, "weil Sie
hergekommen sind als der Diener eines edlen und ungluecklichen Fuersten.
Man dient dem Unglueck nicht, wenn man nicht ein edles und treues Herz
hat, darum habe ich Sie aufgenommen, wie man einen braven und
rechtschaffenen Mann aufnimmt, und," fuegte er mit der den Franzosen so
eigentuemlichen Hoeflichkeit des Herzens hinzu, "ich habe mich in meinem
Urtheil und meinem Vertrauen nicht getaeuscht, denn nun Sie uns
verlassen, fuehle ich, dass ein Freund von uns scheidet."

"Ich gehe in mein Vaterland zurueck," erwiderte Cappei, "um so bald es
mir moeglich ist, wieder vor Sie hintreten zu koennen, nicht mehr als der
heimathlose Unbekannte, sondern als ein Mann, der Ihnen nachweisen kann,
woher er stammt, was er war und was er ist, als ein Mann, der einen,
wenn auch kleinen, aber sichern Besitz hat, und der es darum wagen kann,
Ihnen eine Bitte auszusprechen, von der sein ganzes Lebensglueck
abhaengt,--die Bitte," fuegte er mit zitternder Stimme hinzu, "mir das
Schicksal Ihrer Tochter Luise anzuvertrauen, welche ich liebe mit aller
Waerme und Treue, die das Erbtheil unseres Stammes sind--deren Glueck ich
alle Kraft meines Lebens widmen werde und ohne welche meine Zukunft oede
und freudlos sein wuerde."

Der alte Herr Challier hatte ruhig und ernst zugehoert. Sein Auge ruhte
einen Augenblick mit liebevoller Theilnahme auf dem jungen Mann; dann
sprach er mit milder freundlicher Stimme:

"Ich habe Ihnen gesagt, Herr Cappei, dass ich volles Vertrauen zu Ihnen
habe, dass ich Sie fuer einen Ehrenmann halte,--daraus folgt, dass ich, was
Ihre Person betrifft, keine Bedenken trage, Ihnen das Glueck meiner
Tochter anzuvertrauen,--ich bin nicht reich," fuhr er fort, "aber ich
habe nur die einzige Tochter und besitze genug, um ihr, auch wenn die
Wahl ihres Herzens auf einen armen Mann faellt, eine sichere Existenz
begruenden zu koennen. Ob Sie Vermoegen besitzen oder nicht, ist deshalb
nicht entscheidend fuer die Beantwortung Ihrer Frage, aber," fuhr er
fort, "die Grundlage einer sorgenfreien Existenz fuer die Zukunft meiner
Tochter liegt in dem Geschaeft, das ich hier betreibe. Wuerde ich es
verkaufen, so wuerde der Kaufpreis in Geld nicht den Werth repraesentiren,
den es in der Hand eines geschickten und fleissigen Mannes hat. Deshalb
habe ich stets den Wunsch gehegt, dass der Mann, den meine Tochter einst
sich zum Gefaehrten ihres Lebens erwaehlt, mein Geschaeft fortsetzt. Ich
fuehle es vollkommen," fuhr er fort, "was es heisst, sein Vaterland zu
verlassen,--aber in Ihrer Heimath sind die Verhaeltnisse so veraendert,
und die jetzigen Zustaende koennen Ihnen so wenig erfreulich sein, dass es
vielleicht Ihren eigenen Wuenschen entsprechen koennte, hierher zurueck zu
kommen. Haben doch auch viele meiner Landsleute Frankreich verlassen
und in Deutschland eine neue Heimath gefunden, warum sollten Sie nicht
in unserer Mitte auch Ihre kuenftige Heimath begruenden koennen? Koennten
Sie diesen meinen sehnlichsten Herzenswunsch erfuellen, so wuerde ich kein
Bedenken hegen, die Zukunft meines Kindes Ihnen anzuvertrauen,
vorausgesetzt, dass meine Tochter die Gefuehle theilt, welche Sie fuer sie
hegen,--worueber Sie," fuegte er laechelnd hinzu, "vielleicht ein wenig
unterrichtet sind."

"Ich glaube," sagte Cappei mit leiser Stimme, "dass Fraeulein Luise mir
nicht abgeneigt ist--"

Die Thuer oeffnete sich, die Tochter des Herrn Challier trat ein. Sie
hatte eine Freundin besucht und trug einen einfachen kleinen Hut, mit
Rosenknospen garnirt, und ein leichtes Tuch um die Schultern. Ihr
frisches Gesicht war vom Gang leicht geroethet, ihre glaenzenden Augen
richteten sich einen Augenblick wie fragend auf ihren Vater und auf den
jungen Hannoveraner. Sie eilte auf den alten Herrn zu, bot ihm mit
anmuthiger Bewegung ihre Wange zum Kuss dar und reichte dann Cappei mit
freundlichem Gruss die Hand.

"Du kommst eben recht," sagte Herr Challier, "um eine Frage zu
beantworten, welche ich soeben an unsern jungen Freund hier richtete,
und ueber welche er sich ganz klar auszusprechen zu scheuen schien."

Luise blickte zuerst verwundert auf, ihr Auge suchte das ihres
Geliebten,--sie schien zu verstehen, um was es sich handelte, und senkte
tief erroethend den Kopf auf die Brust nieder.

"Herr Cappei," sagte der alte Herr, "hat mir soeben mitgetheilt, dass er,
wenn seine Angelegenheiten in seiner Heimath geordnet sein werden, zu
uns zurueckkommen will, um Dir seine Hand anzutragen, nachdem Du, wie es
scheint, bereits in dem Besitz seines Herzens bist. Ich habe die
Entscheidung darueber von Deiner Entschliessung abhaengig gemacht,--was
wuerdest Du sagen, wenn unser junger Freund hier seinen Antrag nunmehr
auch an Dich richtetet?"

Einen Augenblick blieb das junge Maedchen mit gesenktem Kopf stehen, ein
fluechtiger, halb scheuer, halb vertrauensvoller Blick traf den jungen
Mann, dann richtete sie sich empor, trat mit festem Schritt an die Seite
des jungen Mannes und sprach:

"Ich bin eine Tochter der Bragars von St. Dizier, mein Vater, ich
verstehe nicht, meine Gefuehle zu verbergen,--moegen Andere es fuer
schicklich halten, zu verhuellen, was ihr Herz bewegt,--ich sage offen,
was ich empfinde,--ich liebe ihn," fuhr sie mit strahlenden Blicken
fort, "mein Herz gehoert ihm und wird ihm ewig gehoeren. Und Du, mein
Vater, weisst, dass ich meine Liebe keinem Unwuerdigen schenke."

Der Alte blickte mit stolzer Freude auf seine Tochter.

"Brav, mein Kind," sagte er, "das ist recht und tapfer gesprochen, und
ebenso offen will ich Dir ohne Umschweife antworten. Ich gebe dem Bunde
Eurer Herzen mit Freuden meinen Segen."

Cappei breitete die Arme aus, das junge Maedchen sank an seine Brust und
er drueckte seine Lippen auf ihr glaenzendes Haar.

"Gehen Sie nach Ihrer Heimath zurueck, ordnen Sie Ihre Angelegenheiten
und," fuegte er hinzu, "kommen Sie bald zurueck,--ich verlange nicht als
unerlaessliche Bedingung, dass Sie Ihre kuenftige Heimath hier in unserm
Frankreich waehlen; ein Mann muss am besten wissen, was er zu thun hat,
und ein Weib muss dem Manne ihres Herzens folgen. Ich muss es mir ja
gefallen lassen, mein Kind von mir gehen zu sehen,--das ist der Lauf der
Natur, aber," fuhr er fort, indem seine Lippen bebten und seine Stimme
leicht zitterte, "Sie kennen den Wunsch meines Herzens, Sie wissen, wie
gluecklich es mich machen wuerde, zu denken, dass mein Kind einst an meinem
Sterbebette stehen wird, und dass ich ihr und meinen Enkeln das alte Haus
ueberlassen kann, in welchem so viele meiner Vorfahren seit einer Reihe
von Generationen gelebt haben."

Luise sagte Nichts, langsam hob sie den Kopf von der Brust ihres
Geliebten empor und sah den jungen Mann mit ihren grossen glaenzenden
Augen fragend und bittend an.

"Ich kehre zurueck," sagte dieser rasch mit entschlossenem Ton, "um meine
Heimath da zu begruenden, wo ich das Glueck meines Herzens gefunden habe.
Ich wuerde wahrlich lieber garnicht fortgehen, aber ich muss in die
Heimath, um meine Angelegenheiten zu ordnen, und mein kleines Vermoegen
zu sichern. Denn," fuegte er mit fester Stimme hinzu, "nicht dem
heimathlosen Bettler soll Ihre Tochter ihre Hand reichen."

Ein glueckliches Laecheln erhellte das Gesicht des alten Herrn, er
streckte seine beiden Haende aus,--die jungen Leute ergriffen sie und
beugten sich zaertlich zu ihm herab.

Einen Augenblick blieben alle Drei in inniger Umarmung, sie hoerten
nicht, dass die Thuere sich oeffnete, und erst der Ton rascher Schritte
liess sie aufblicken.

Herr Vergier war eingetreten,--starr und bleich stand er in der Mitte
des Zimmers, seine Lippen bebten, seine scharfen, stechenden Augen
blickten mit unheimlich spaehendem Feuer auf die Gruppe vor ihm.

Die beiden jungen Leute waren zur Seite getreten, der alte Herr erhob
sich, ging Herrn Vergier entgegen und sprach, indem er ihn mit kraeftigem
Haendedruck begruesste:

"Sie sind ein alter Freund meines Hauses, und als solchen will ich Ihnen
vor allen Andern zuerst sagen, welches fuer meine Familie so wichtige
Ereigniss hier so eben sich vollzogen hat."

Er theilte mit kurzen Worten Herrn Vergier, dessen blitzende Augen mit
hoehnischen, feindlichen Blicken auf den beiden jungen Leuten ruhten,
welche Hand in Hand hinter ihrem Vater standen, die Verlobung seiner
Tochter mit.

"Sie wissen," sagte Herr Vergier, als der Alte geendet, mit zitternder,
rauh klingender Stimme, indem seine Gesichtszuege vor heftiger Aufregung
zuckten, "wie tiefen Antheil ich an Allem nehme, was Ihr Haus
betrifft,--aber die Gefuehle, welche mich bei der Mittheilung erfuellen,
die Sie mir so eben gemacht, koennen nicht erfreulich sein," fuegte er mit
bitterm Ton hinzu. "Ich hatte Hoffnungen gehegt, welche durch das, was
Sie mir sagen, auf immer zerstoert worden sind. Fraeulein Luise," fuhr er
mit brennendem Blick fort, "kannte diese Hoffnungen, sie hat mir
dieselben bisher nicht genommen. Sie hatte ein Jahr verlangt, um mir
eine bestimmte Antwort zu geben, und nun sehe ich, dass sie nur eine so
kurze Frist gebraucht hat, um sich ueber die Wahl ihres Herzens zu
entscheiden."

Muehsam nach Fassung ringend, stuetzte er sich auf die Lehne eines Stuhls.

Luise sah ihn mit einem weichen Blick aus ihren offenen klaren Augen an.
Rasch trat sie zu ihm und reichte ihm die Hand.

"Niemand ist Herr der Gefuehle seines Herzens," sagte sie--"Sie waren der
Freund meiner Kindheit, bleiben Sie mein Freund fuer mein kuenftiges Leben
und verzeihen Sie mir, wenn ich die Gefuehle nicht erwidern konnte, die
Sie mir entgegen trugen,--Sie werden das vergessen," fuegte sie
freundlich hinzu,--"Sie werden gewiss, wie ich es Ihnen von ganzem Herzen
wuensche, bei einer andern Wahl mehr Glueck finden, als ich Ihnen haette
bieten koennen."

Herr Vergier hatte nur zoegernd die Hand des jungen Maedchens einen
Augenblick ergriffen.

"Es ist nicht nur der Schmerz um den Verlust meiner Liebe," sagte er
mit einer noch immer vor Aufregung halb erstickten und unsichern Stimme,
"welche mich bewegt, aber ich bin Franzose, und es schneidet mir in's
Herz, dass ich die Tochter meines Freundes, deren Glueck mir theuer ist,
wie mein eigenes, sich ihrem Vaterlande entfremden sehe. Der Krieg mit
diesem Preussen, das drohend an unsern Grenzen steht, ist nur eine Frage
der Zeit. Er wird vorbereitet von beiden Seiten, er muss kommen,
Jedermann in Frankreich fuehlt das, man hat schon mehrfach deutsche
Spione bei uns entdeckt. Und schon sind Stimmen laut geworden," fuhr er
immer eifriger fort, indem sein Gesicht vor Aufregung zuckte, und seine
Blicke sich wie Dolchspitzen auf den jungen Emigranten richteten--"schon
sind Stimmen laut geworden, welche behaupten wollen, dass diese
hannoeversche Legion, welche so ploetzlich auseinandergeht, nur der
Deckmantel gewesen sei, um genaue Kundschaft ueber die inneren
Verhaeltnisse unseres Landes zu erhalten.--Und wenn ich denken sollte,"
rief er, seiner nicht mehr maechtig, indem ein leichter Schaum auf seine
Lippen trat,--"dass meine Geliebte ein Werkzeug werden sollte in der Hand
eines Feindes Frankreichs----"

Eine helle Zornroethe flammte aus dem Gesicht des jungen Hannoveraners
auf, mit einem raschen Schritt trat er zu Herrn Vergier hin, mit einer
drohenden Bewegung erhob er die Hand--

Luise warf sich ihm entgegen; bittend faltete sie die Haende, ihre Augen
richteten sich mit magnetischer Gewalt auf ihren Geliebten.

Dieser liess langsam den Arm sinken, der Ausdruck seines Gesichts wurde
ruhig, beinahe sanft und milde.

"Ich habe Ihnen, ohne es zu wollen, wehe gethan, mein Herr," sagte er,
"ich bin stoerend eingetreten in die Hoffnungen Ihres Herzens, ich
verstehe Ihren Schmerz und Ihre Aufregung,--ich muss Ihnen viel
vergeben,--aber Worte, wie Sie so eben ausgesprochen, sollte niemals ein
Mann von Ehre einem Andern sagen. Ich bin nach Frankreich gekommen,"
fuhr er fort, "im Dienst meines Koenigs und als ein Feind jener Macht,
welche wie Sie glauben, mit Ihrem Vaterland in Kampf treten soll. Dies
allein sollte mich vor einem so elenden und niedrigen Verdacht schuetzen,
wie Sie ihn gegen mich ausgesprochen, aber ich glaube, Herr Challier und
Fraeulein Luise kennen mich genug, und auch Sie sollten mich genug
kennen, um zu glauben, dass auch wenn ich nicht als Hannoveraner und als
Legionair des Koenigs Georg hergekommen waere, ich doch unfaehig sein
wuerde, in solcher Weise Vertrauen und Gastfreundschaft zu taeuschen.
Wenn Sie ruhig darueber nachdenken, werden Sie mir Gerechtigkeit
widerfahren lassen und," fuegte er mit offener Herzlichkeit hinzu, "ich
hoffe, Sie werden vergessen, was ich Ihnen, ohne es zu wollen, Boeses
gethan und dahin kommen, die Freundschaft, welche Sie fuer Herrn Challier
und seine Tochter gehegt, auch mir zu schenken; seien Sie ueberzeugt, dass
ich Alles thun werde, um mich derselben wuerdig zu machen."

Luise dankte mit einem innigen Blick ihrem Geliebten fuer seine Worte.

Herr Vergier hatte mit gewaltiger Anstrengung seine tiefe Aufregung
bemeistert. Er zwang seine zuckenden Lippen zu einem freundlichen
Laecheln, er schlug seine Augen nieder und reichte Cappei die Hand.

"Verzeihen Sie mir," sagte er mit tonloser Stimme, indem seine Worte nur
einzeln und abgebrochen hervordrangen, "verzeihen Sie mir meine
kraenkende Aeusserung. Mein augenblickliches Gefuehl riss mich hin,--ich bin
Franzose und misstrauisch gegen alle Fremden. Ich will die Vergangenheit
und die Taeuschung meiner Hoffnungen zu vergessen suchen; vielleicht wird
die Zeit uns in Freundschaft zusammenfuehren."

Cappei ergriff Herrn Vergiers dargebotene Hand.

Diese Hand war feucht und kalt wie Eis, sie erwiderte den Druck des
Hannoveraners nicht und erschrocken liess dieser sie wieder los.

"Erlauben Sie, dass ich mich zurueckziehe," sagte Herr Vergier, "ich passe
in diesem Augenblick nicht in Ihre Gesellschaft."

Und mit einer fluechtigen Verbeugung sich empfehlend, eilte er hinaus.

"Der Arme thut mir leid," sagte der alte Herr Challier, ihm
nachblickend, "er ist eine so heftige, leicht erregbare Natur, er wird
sehr leiden--"

"Ich haette ihn doch nicht lieben koennen," sagte Luise, indem sie mit
leichtem Kopfschuetteln vor sich niederblickte. "Wenn mein Herz nicht
gesprochen haette," fuegte sie, ihrem Geliebten die Hand reichend, hinzu,
"wenn ich ihm vielleicht ohne Liebe meine Hand gegeben haette, so waeren
wir Beide ungluecklich geworden."--

Lange noch sassen die beiden jungen Leute beisammen. Freundlich hoerte der
alte Herr ihr Geplauder und ihre Plaene fuer die Zukunft an. Es wurde
beschlossen, dass der junge Cappei schon am naechsten Morgen abreisen
sollte.--

Luise erhob keine Einwendungen gegen diesen Beschluss.

"Je schneller er fortgeht," sagte sie laechelnd, "um so schneller wird
er wiederkehren, und um so schneller werden wir zu einem ruhigen und
dauernden Glueck kommen, das dann Nichts mehr stoeren wird."----

Am spaeten Abend brach der junge Mann auf, um noch einmal seine
Landsleute, welche um Mitternacht abreisen wollten, zu sehen und mit
ihnen die letzten Augenblicke zu verleben.

Sinnend und gedankenvoll schritt er durch die lange Hauptstrasse der
Stadt nach dem Marktplatz hin. An der Ecke desselben befand sich der
Restaurant, in dessen Saal die Legionaire versammelt waren. Die
Hannoveraner sassen hier um einen grossen Tisch--zahlreiche Freunde aus
der Stadt waren bei ihnen, um die letzten Augenblicke mit den ihnen lieb
gewordenen Gaesten zu verbringen, die so lange unter ihnen geweilt
hatten.

Auf dem Tische stand eine grosse Punschbowle, welcher jedoch heute nur
sehr maessig zugesprochen wurde,--alle Gesichter waren ernst und oft
stockte die Unterhaltung. Alle diese einfachen Leute, welche die grossen
Erschuetterungen der Zeit hier im fremden Lande zusammengefuehrt hatten,
fuehlten, dass heute die Vergangenheit, welche sie in liebevoller
Erinnerung im Herzen trugen, fuer immer abgeschlossen werde, dass das
letzte Band, welches sie hier in der gemeinsamen Verbannung mit der
alten Heimath und Allem, was sie Liebes in sich schloss, noch verband,
nun fuer immer zerriss und dass sie nun als Fremde allein und vereinsamt
hinaustreten muessten in ein schweres feindliches Leben, um auf ihre
eigene Kraft die Zukunft zu erbauen in muehevoller Arbeit.

Der junge Cappei trat ein.--Traurig ueberblickte er diese Versammlung
seiner Kameraden, welche so oft hier heiter und froehlich beisammen
gewesen waren und welche nun auseinander gehen sollten, um sich
schwerlich jemals in dieser Welt vereinigt wieder zu begegnen.

Er setzte sich schweigend neben den Unterofficier Ruehlberg.

"Was koenntet Ihr Euch fuer eine schoene Zukunft machen," sagte dieser,
indem er dem jungen Manne ein Glas Punsch reichte,--"wenn Ihr mit uns
gingt,--Ihr seid noch jung und kraeftig,--geschickt zu aller Arbeit und
habt mehr gelernt, als wir Alle,--Ihr wuerdet ein schoenes Vermoegen in
Algier erwerben,--das Euch hundertmal den kleinen Hof daheim ersetzen
wuerde,--von dem Ihr noch gar nicht einmal wisst, ob Ihr ihn
erhaltet,--ich sage Euch noch einmal,--geht mit uns,--lasst die Phantasie
im Stich, die Ihr Euch in den Kopf gesetzt habt,--es hat noch nie zu
etwas Gutem gefuehrt, wenn junge Leute von der Liebe sich den Kopf
verdrehen lassen."

"Ich bitte Euch, Ruehlberg," sagte Cappei sanft aber bestimmt--"lasst
mich,--mein Entschluss ist gefasst,--versprecht mir," fuhr er abbrechend
fort, "Nachricht zu geben, wie es Euch und den Andern geht--ich muss Euch
sagen, dass ich nicht viel Vertrauen zu Eurem Unternehmen habe,--haette
der _Koenig_ die Sache gemacht durch einen Vertrag mit der franzoesischen
Regierung, so waere es etwas Anderes gewesen,--aber so,--Ihr werdet
vielleicht spaeter einsehen, dass es besser gewesen waere, gleich nach der
Heimath zurueckzukehren.--Doch Jeder hat seinen Entschluss gefasst und muss
ihm folgen."

Er wendete sich zu seinem Nachbar auf der anderen Seite.

Es verging noch eine halbe Stunde,--dann zog der Unterofficier die Uhr
und sagte tief aufathmend:

"Es ist Zeit, Leute,--wir muessen aufbrechen!"

Alle erhoben sich.

Ruehlberg ergriff sein Glas.

"Wir sind heute zum letzten Male beisammen," sprach er mit etwas
unsicher klingender Stimme,--"und wir wollen auch dies letzte Mal von
der alten Sitte hannoeverscher Soldaten nicht abweichen,--ein Glas auf
das Wohl unseres Koenigs zu leeren. Sonst haben wir das mit lautem Hurrah
gethan,--das wird uns heute nicht mehr frei aus der Brust herauskommen,
heute ist unsere Vergangenheit, unsere alte Heimath, unser Koenig fuer uns
gestorben--leeren wir ein stilles Glas zum Andenken an unsern
Kriegsherrn, an unsre Armee, an unsere Heimath."

Alle tranken schweigend und so manches ehrliche treu blickende blaue
Auge verschleierte sich mit feuchtem Schimmer,--mancher blinkende
Thraenentropfen fiel in die Glaeser, welche die treuen Soehne
Niedersachsens in dieser Stunde des letzten Abschieds von der
Vergangenheit dem Andenken ihres Koenigs weihten.

Dann brach man auf.

Jeder nahm sein kleines Gepaeck,--viel hatten sie nicht, diese armen
Soldaten des Exils--und in schweigendem Zug ging man durch die dunkeln,
leeren Strassen der Stadt nach dem kleinen Bahnhofe. Die letzten
Augenblicke vergingen unter Abschiednehmen der Soldaten unter einander
und von ihren franzoesischen Freunden, deren sich noch mehrere am Bahnhof
eingefunden hatten,--auch Herr Vergier war gekommen und stand bleich und
finster unter den Uebrigen auf dem Perron, schweigend die Haendedruecke
der Scheidenden erwidernd.

Da begann in der kleinen Kirche von der baumbekraenzten Anhoehe ueber der
Stadt her eine Glocke zu laeuten.

Es war die Sterbeglocke, welche die Gebete begleitete, die die Priester
fuer einen aus dem Leben geschiedenen Buerger der Stadt zum Himmel
sendeten.

Die einfachen durch die Nacht her klingenden Toene ergriffen maechtig alle
diese ernst und traurig gestimmten Menschen. Die Franzosen nahmen die
Huete ab und sprachen ein stilles Gebet fuer die Seele des
Gestorbenen,--auch die Hannoveraner falteten die Haende--Niemand wusste,
welchem Todten dies Gelaeut galt,--aber auch ihnen starb ja heute fuer
immer, was sie so lange im Herzen getragen und so sehr geliebt
hatten,--ihre Heimath und ihr Koenig.

Der Zug brauste heran,--noch ein Haendedruck,--ein letztes
Abschiedswort--und die Hannoveraner stiegen ein in die Waggons, welche
sie ihrer neuen unbekannten Zukunft entgegenfuehren sollten.

--"Adieu--adieu--bonne chance!" toente es aus den Gruppen der Buerger von
St. Dizier--Cappei mit den wenigen Emigranten, welche sich zur
Ueberfahrt nach Amerika entschlossen hatten, standen schweigend, mit
feuchten Blicken schauten sie auf die Scheidenden hin,--fast zog es den
jungen Mann einen Augenblick denen nach, deren Schicksal so lange mit
dem seinigen verbunden gewesen war, und die nun ohne ihn hinauszogen zu
einem Leben voll Abenteuer und Gefahren--da trat das Bild Luisens mit
ihren sanften und liebevollen Augen vor seine Seele--rasch naeherte er
sich noch einmal dem Waggon und streckte dem Unterofficier Ruehlberg, der
am Schlage sass, die Hand hin.

"Gott befohlen!" sagte er mit erstickter Stimme,--"und--auf froehliches
Wiedersehn!"

"Das wird schon kommen," erwiderte der Unterofficier mit einem etwas
gezwungenen Lachen, hinter dem er seine innere Bewegung zu verbergen
trachtete, "Ihr werdet zur Einsicht kommen--wir werden Euch einen Platz
offen halten."

Die Schaffner eilten an den Zug,--die Locomotive pfiff und langsam
begannen die Raeder zu rollen.

Noch einmal winkten die Zurueckblickenden mit den Haenden, mit leisem aber
klar durch die naechtliche Stille dringenden Ton schallte das
Sterbegloecklein von der alten Kirche herueber,--die Legionaire auf dem
abfahrenden Zug begannen ihr traditionelles Soldatenlied:

  "Wir lustigen Hannoveraner sind alle beisammen--"

aber die Toene erklangen in langsamerem Rhythmus als sonst und wie der
Zug so immer mehr sich entfernend in die Nacht hinausfuhr, vom klagenden
Glockenton begleitet,--da klang das Lied, das sonst so froehlich in Lager
und Feld erschallt war, wie ein Grabgesang an der Bahre eines Todten,
den man zur letzten Ruhe hinausfuehrt.

Noch einige Augenblicke und Alles war in der dunkeln Ferne
verschwunden,--weithin verklang das Schnauben der Maschine und das
Rollen der Raeder.

Cappei trennte sich von den Uebrigen und ging langsam zur Stadt zurueck.

In einer ziemlichen Entfernung folgte ihm Herr Vergier, der sich
ebenfalls sogleich nach der Abfahrt des Zuges isolirt hatte. Seine
Blicke hefteten sich unbeweglich auf den jungen Mann vor ihm und seine
Augen schienen in gruenlichem Feuer durch die Nacht zu leuchten, waehrend
seine Zuege von Grimm und Hass entstellt waren.

Cappei machte einen Umweg und ging an Herrn Challiers Haus vorbei, das
in tiefer Ruhe und Dunkelheit da lag.

Einen Augenblick blieb er dort vor dem grossen geschlossenen Thor
stehen,--er drueckte beide Haende an die Lippen und warf einen Kuss nach
dem Hause hin.

"Gute Nacht, meine suesse Geliebte," fluesterte er,--und schritt dann rasch
weiter nach seiner in der Naehe des Marktplatzes belegenen Wohnung.

Herr Vergier war ihm langsam folgend ebenfalls bis in die Naehe des
Challier'schen Hauses gekommen.

Hier blieb er stehen und blickte dem jungen Hannoveraner, der bereits in
der Dunkelheit verschwand, nach.

"Haette ich eine Waffe bei mir," fluesterte er mit zischender Stimme, "so
koennte ein Druck meines Fingers diesen Feind meines Landes,--diesen
Raeuber meiner Liebe vernichten!"

--"Aber geh' nur hin," sagte er, die geballte Faust zum naechtlichen
Himmel erhebend,--"es giebt noch andere Waffen als die Kugel und den
Stahl,--ich werde Dich vielleicht besser und sicherer treffen, geh' nur
hin,--Du sollst nicht hierher zurueckkehren auf den heiligen Boden
Frankreichs,--den Du als Verraether betreten,--Du sollst nicht
zurueckkehren, um eine holde Blume meines Vaterlandes zu pfluecken und
mir das Glueck meines Lebens zu stehlen."

Noch einmal sah er mit flammendem Blick dem gehassten Fremden nach,--dann
wendete er sich um und schritt durch die stille Nacht seinem Hause zu.




Viertes Capitel


Die schoene Tochter des Commerzienraths Cohnheim hatte seit dem Ball
bei ihren Eltern still und traurig ihre Tage verbracht. Sie sass in
tiefen Gedanken versunken an ihrem Fenster, oft sank die Stickerei, mit
welcher sie sich beschaeftigte, auf ihren Schooss, waehrend sie auf die
noch winterlichen Baeume des Thiergartens hinausblickte.

Doch war sie nicht traurig, oft umspielte ein stilles, glueckliches
Laecheln ihren Mund, und hoher Muth und freudige Hoffnungen leuchteten
aus ihren Augen.

Ihre Mutter liess keine Gelegenheit voruebergehen, um sie in trockner und
wenig liebevoller Weise darauf aufmerksam zu machen, wie unpassend es
sei, wenn sie, die Tochter des reichen Commerzienraths, der zu den
ersten Finanzgroessen der Residenz gehoere, mit Nichts bedeutenden
untergeordneten Officieren von der Linie den Cotillon tanze und Herren
von Stellung und Distinction zurueckweise. Ihre Mutter betrachtete das
Alles nur als eine Frage der aeusseren Ruecksichten auf die Stellung des
Commerzienraths. Aus ihren Reden ging hervor, dass sie sich nicht die
entfernteste Moeglichkeit traeumen liesse, ihre Tochter koenne wirklich in
einem armen und unbedeutenden Offizier etwas Anderes finden, als einen
guten angenehmen Taenzer.

Und Fraeulein Anna, hoerte alle muetterlichen Ermahnungen ruhig mit
gleichgueltigem Laecheln an--sie wartete ihre Zeit ab und wusste, dass, wenn
dieselbe gekommen, sie die Kraft und Willen genug haben wuerde, dem Zorn
ihrer Mutter zu trotzen.

Der Commerzienrath hatte viel mit dem Baron Rantow verkehrt und oft
hatte er bei Tische erzaehlt, wie vortrefflich das Geschaeft sei, welches
er in Gemeinschaft mit dem Baron zu machen im Begriff stehe. Er hatte
seiner Frau, welche aufmerksam, mit grossem Interesse seinen
Mittheilungen folgte, auseinandergesetzt wie hoch der Gewinn sein wuerde,
welchen die Gesellschaft, welche er gegruendet, aus der auf den Guetern
des Barons eingefuehrten Industrie ziehen muesse und um wieviel sich
zugleich durch diese Combination das Vermoegens des Barons und das
dereinstige Erbtheil seines einzigen Sohnes vergroessern werde. Er hatte
dabei die persoenliche Liebenswuerdigkeit des jungen Herrn von Rantow und
seine Aussichten auf eine brillante Carriere ganz besonders
hervorgehoben, indem er mit listigem Schmunzeln einen forschenden Blick
auf seine Tochter warf. Aber jedesmal, wenn es geschehen war, hatte
Fraeulein Anna ihn so kalt und streng zurueckweisend angesehen, hatte
seine Bemerkungen mit einem so unverbruechlichen eisigen Schweigen
aufgenommen, dass der alte Herr, welcher seine Tochter abgoettisch liebte
und ihr gegenueber stets nur schwache Versuche machte, seinen Willen
durchzusetzen, schnell auf ein anderes Gespraechsthema uebergegangen war.

Dann war die ganze Familie einmal bei dem Baron von Rantow zum Thee
eingeladen worden. Man hatte dort einige aeltere Herren, Freunde des
Barons, gefunden, welche sehr vornehme Namen trugen und sehr vornehme
Manieren hatten, und die Commerzienraethin hatte in diesen Kreisen noch
steifer, noch wuerdevoller als je dagesessen und mit einem unzerstoerbaren
Laecheln auf den Lippen an der Unterhaltung nur durch kurze
sentenzenhafte Bemerkungen Theil genommen, welche die strengsten
aristokratischen Grundsaetze aussprachen.

Der Commerzienrath war lebendiger, beweglicher und gespraechiger als je
gewesen, er hatte den Baron mehrere Male "mein verehrter Freund", einmal
sogar "mein lieber Freund" genannt. Er hatte seine finanziellen Ideen
unter grosser Aufmerksamkeit der Zuhoerer entwickelt, er hatte von den
Hunderttausenden erzaehlt, die er in diesem und in jenem Geschaeft
engagirt habe; er hatte die Bezugsquellen seiner vortrefflichen Weine
mitgetheilt, und ein alter Graf hatte ihn sogar freundlich auf die
Schulter geklopft und ihm versprochen, ihn einmal zu besuchen, um seinen
Chateau Lafitte zu probiren.

Kurz Herr und Frau Cohnheim waren gluecklich und befriedigt ueber diese
intime Soiree bei dem Baron.

Der Referendarius von Rantow hatte seine ganze Aufmerksamkeit Fraeulein
Anna gewidmet, ohne indess etwas Anderes erreichen zu koennen als einige
hingeworfene, gleichgueltige, oft sogar etwas sarkastische Bemerkungen.

Als man wieder nach Hause gekommen, hatte die Frau Commerzienraethin
ihrer Tochter abermals eine Vorlesung ueber ihr abstossendes Benehmen
gegen den jungen Rantow gehalten, ohne etwas Anderes zu erzielen, als
ein tiefes Schweigen ihrer Tochter.

Der Commerzienrath hatte einen schwachen Versuch gemacht, seine Frau zu
unterstuetzen, er hatte einige Andeutungen fallen lassen, was der junge
Herr von Rantow fuer eine gute Partie sei, und wie die Damen der hoechsten
Aristokratie gluecklich sein wuerden, wenn seine Wahl auf sie fallen
sollte, aber schnell hatte er sich vor dem ernsten abweisenden Blick
seines Lieblings zurueckgezogen und seiner Frau allein die Sorge
ueberlassen, eine Idee, welche er mit besonderer Liebe in sich trug, dem
jungen Maedchen annehmbar zu machen.

Fraeulein Anna hatte nach dieser Soiree eine schlaflose Nacht zugebracht,
sie hatte seit jenem Ball von dem Lieutenant von Buechenfeld Nichts
wieder gehoert. Er hatte in dem Hause des Commerzienraths einen Besuch
gemacht zu einer Zeit, wo er gewiss war, Niemand zu Hause zu treffen;
obgleich Anna fast den ganzen Tag an ihrem Fenster sass und auf die
lebhafte Thiergartenpromenade herabsah, hatte sie doch niemals den
erblickt, den ihre Augen suchten, nach dem ihr Herz sich sehnte.

Sie sass nachdenkend auf dem Divan in ihrem eleganten Schlafzimmer, das
durch eine Haengelampe mit dunkelblauem Schirm erleuchtet war. Ihr
schoener Kopf war auf ihre zarte, schlanke Hand gestuetzt und ihre
aufgeloesten Haare fielen ueber den weissen Arm nieder, von welchem der
weite Aermel ihres faltigen Schlafrockes von grauer Seide herabgesunken
war.

"Er liebt mich," fluesterte sie leise vor sich hin,--"das hat mein Herz
lange empfunden, er hat es mir gesagt, und wenn er das sagt, so ist es
wahr, denn fuer ihn ist die Liebe kein Spiel, und seine Worte sind ein
Felsen, dem ich unbedingt vertraue. Aber warum ist er verschwunden,"
fuhr sie fort, "warum hat er seit jenem Tage, der alle fremden Schranken
zwischen uns haette hinwegraeumen sollen, der uns gegenseitig unsere
Herzen geoeffnet hat, Nichts mehr von sich hoeren lassen? Warum hat er
einen ceremoniellen Besuch gemacht, als er wusste, dass er uns nicht
finden konnte? Ich kann das nicht ertragen," rief sie, leicht mit dem
zierlichen Fuss auf den Boden tretend, "diese unklare, peinliche Lage muss
ein Ende nehmen. Meine Mutter verfolgt mich mit diesem Herrn von
Rantow,--es ist ein Plan vorhanden, in den ich nicht einwilligen werde!
Auch mein Vater scheint aehnliche Gedanken zu haben. Nun," sagte sie
trotzig die Lippen aufwerfend--"das beunruhigt mich nicht, mein Vater
wird mir gegenueber nicht den Tyrannen spielen,--aber ein Ende muss das
nehmen, klar muss Alles werden! Doch wie," sprach sie sinnend, "was soll
ich meinen Eltern sagen, wenn sie mit directen Vorschlaegen an mich
herantreten? Soll ich ihnen sagen, ich liebe einen Mann, der es nicht
der Muehe werth haelt, sich mir zu naehern?"

Sie sann lange nach.

"Sollte ich ihn gekraenkt haben," fluesterte sie leise--"er ist
empfindlich und leicht verletzt. Doch nein, nein," rief sie dann, "ich
erinnere mich jedes Wortes das ich ihm gesagt habe, und alle meine Worte
sprachen deutlicher vielleicht, als ich es haette thun sollen, meine
Liebe zu ihm aus. Nein," rief sie, "er kann nicht zweifeln, dass mein
Herz ihm gehoert. Es ist nur sein Stolz, sein harter unbeugsamer Sinn,
der ihn von mir zurueckhaelt. Und hat er," fuhr sie fort, indem ihre Augen
sanft und weich vor sich hinblickten, "hat er nicht Recht, so stolz zu
sein, er ist arm und die Macht des Geldes beherrscht die Welt, und doch
fuehlt er seinen eigenen Werth. Und darum gerade," rief sie
leidenschaftlich, "darum liebe ich ihn--aber soll ich ihn verlieren,
weil mein Vater reich und er arm ist, darf ich ihn so vielleicht fuer
immer von mir gehen lassen--es klang wie ein Abschied in seinen letzten
Worten. Fuerchtet er, mich wieder zu sehen, um sich selbst nicht untreu
zu werden? Ich muss ihn sehen," sagte sie aufspringend, "ich muss ihn
sprechen, ich muss mit ihm Hand in Hand vor meinen Vater hintreten und
laut das Gefuehl meines Herzens bekennen. Oh," sagte sie, sich hoch
aufrichtend, "diesem Baron von Rantow gegenueber und all den Herren
gegenueber, die mich umschwaermen, die da glauben, dass sie gestuetzt auf
ihre grossen Namen und ihre Stellung nur die Hand ausstrecken duerfen, um
mit der Tochter des reichen Commerzienraths ein grosses Vermoegen zu
erwerben,--ihnen gegenueber fuehle ich den Stolz einer Koenigin in mir, es
reizt mich, ihnen zu zeigen, dass ich mich hoeher achte, als sie Alle.
Aber ihm gegenueber, ihm, den ich liebe, diesem edlen, reichen und treuen
Herzen gegenueber will ich demuethig sein. Er soll sehen, wie ich Alles,
was ich ihm bieten kann, fuer Nichts achte und wie ich gluecklich bin, dass
er mich seiner Liebe werth gefunden, ihn will ich bitten, mich nicht zu
verlassen, ihm gegenueber will ich keinen Stolz haben, und so will ich
ihn zwingen, auch seinen Stolz aufzugeben."

Sie oeffnete ein zierliches Etui von rothem Leder, nahm einen kleinen
Bogen goldgeraendertes Briefpapier aus demselben und schrieb hastig,
waehrend ihre Wangen sich mit dunklem Purpur faerbten, einige Zeilen.

Dann las sie dieselben durch.

"Es ist etwas Ungewoehnliches, was ich da thue," sagte sie, "jedem
andern Manne gegenueber wuerde es eine Selbsterniedrigung sein--aber er
wird mich verstehen, er wird fuehlen, dass er kein Recht mehr hat, seinem
stolzen Eigenwillen zu folgen, wenn ich mich so vor ihm beuge, wenn ich
mich so in seine Haende gebe."

Rasch faltete sie den geschriebenen Brief zusammen verschloss ihn in eine
Enveloppe und setzte die Adresse auf dieselbe.

"Es wird Licht werden," sagte sie dann, "ich werde den Brief zur Post
tragen, Niemand wird etwas davon erfahren und er wird sicher meiner
Bitte folgen."

Die bange Unruhe verschwand aus ihrem Gesicht, langsam entkleidete sie
sich, die Gedanken an den Geliebten begleiteten sie in ihren Schlummer
und gestalteten sich zu schoenen und lieblichen Traeumen kuenftigen
Glueckes.

       *       *       *       *       *

Der Lieutenant von Buechenfeld hatte seit seiner Erklaerung mit Fraeulein
Cohnheim viel mit sich selbst gekaempft. Er war nach einer ziemlich
einsamen Jugend im stillen Hause seines Vaters bei seiner Anwesenheit in
Berlin zum ersten Mal in die groessern Kreise der Welt eingetreten, und
die Liebe zu dem jungen Maedchen hatte mit uebermaechtiger Kraft sein tief
empfindendes, in sich selbst zurueckgezogenes Herz erfuellt, ein ganz
neues Leben war ihm aufgegangen, und sein ganzes Wesen war durchdrungen
von dem tiefen Gefuehl, das ihn erfuellte. Die starren Begriffe von Ehre
und maennlicher Wuerde, welche die Erziehung seines Vaters in ihn gelegt,
kaempften gegen diese Liebe an, und sein Blut empoerte sich bei dem
Gedanken, dass man seiner Bewerbung um die Tochter des reichen
Commerzienraths materielle Motive unterlegen koennte, sein Stolz baeumte
sich auf, wenn er sich die Moeglichkeit dachte, dass er kalt und
hochmuethig zurueckgewiesen werden koennte, und selbst wenn es ihm gelingen
wuerde, seine Geliebte zu erringen, so schauderte er vor dem Gedanken
zurueck, seine Lebensstellung auf das Vermoegen seiner Frau zu begruenden.

Er hatte sich eine Zeit lang von seinen Gefuehlen hinreissen lassen, er
war dem jungen Maedchen naeher und naeher getreten, endlich aber hatte er
mit dem festen Entschluss sich von allen Illusionen zu trennen sich gegen
sie aussprechen wollen, um zugleich fuer immer von ihr Abschied zu
nehmen.

Da hatte sie in wunderbarer Offenheit ihm ihr Herz geoeffnet, er hatte
mit Entzuecken, aber fast auch mit Schrecken gesehen, dass seine Gefuehle
so stark und so warm erwiedert wuerden.

Im ersten Augenblick hatte der Glanz dieses Glueckes ihn geblendet, aber
am anderen Tage war der Stolz wieder in ihm maechtig geworden, er hatte
den festen Entschluss gefasst, einsam durch das Leben zu gehen und nur auf
seine eigene Kraft seine Zukunft zu begruenden, und er wollte, um den
Kampf siegreich zu bestehen, Fraeulein Cohnheim nicht wiedersehen, so
lange sein Commando in Berlin noch dauerte.

Oft zog es ihn nach dem Thiergarten hin, um wenigstens von ferne die
geliebten Zuege zu erblicken, die so tief in sein Herz gegraben waren,
aber mit eiserner Willenskraft hielt er sich zurueck und vermied
sorgfaeltig alle Kreise, in denen er Fraeulein Cohnheim haette begegnen
koennen. Nur am spaeten Abend ging er hinaus und blickte aus der tiefen
Dunkelheit zu dem erleuchteten Fenster, durch welches er zuweilen die
Umrisse der schlanken Gestalt seiner Geliebten entdecken konnte. Lange
stand er dort an einen Baum gelehnt, in schmerzliche Traeumerei
versunken, aber sein Entschluss blieb fest, am Tage betrat er niemals die
Gegend, in welcher er so oft seine schmerzlichen Seufzer zum naechtlichen
Himmel sandte.

Er wurde in seiner stolzen Zurueckhaltung noch bestaerkt durch die
Bemerkungen, welche sein Vater ihm ueber sein Gespraech mit dem Baron von
Rantow gemacht hatte. Der alte Herr hatte sich sehr zornig gegen seinen
Sohn darueber geaeussert, dass sein Jugendfreund, ein alter Edelmann aus
bester Familie sich zu industriellen Geschaeften mit dem Commerzienrath
associirt habe, und dass er, wie es schien, sogar die Idee nicht als
unmoeglich verwerfe, die beiden durch das gemeinsame Unternehmen noch
immer weiter zu vermehrenden Vermoegen durch eine Heirath seines Sohnes
mit dem Fraeulein Cohnheim mit einander zu verbinden.

Mit traurig bitterm Laecheln hatte der junge Mann den unwilligen Worten
seines Vaters zugehoert.

Der alte Herr hatte in diesem Laecheln eine Zustimmung zu seinem so
missfaelligen Urtheil ueber die moderne Handlungsweise seines Freundes zu
finden geglaubt und, indem er seinen Sohn auf die Schulter klopfte, laut
ausgerufen:

"Wir wuerden so Etwas nicht thun, die Buechenfelds moegen kein so vornehmes
und kein so beguetertes Geschlecht sein, wie die Freiherren von Rantow,
aber mit den Boersenspeculanten wuerden wir weder unsere Geschaefte, noch
unser Blut vermischen."

Unbeschreibliche Gefuehle hatten das Herz des jungen Mannes bei diesen
Worten seines Vaters zusammengeschnuert, ohne zu antworten, war er
aufgestanden und hatte das Zimmer verlassen.

Einige Tage spaeter hatte ihm der alte Herr nach einem Besuch bei dem
Herrn von Rantow in hoechster Entruestung mitgetheilt, dass nicht nur das
Geschaeft zwischen dem Baron und dem Commerzienrath zur industriellen
Ausbeutung der Rantow'schen Erbgueter beschlossen sei, sondern dass er nun
auch schon die Verbindung des jungen Rantow mit dem Fraeulein Cohnheim zu
seinem tiefen Schmerz als gewiss ansaehe.

Immer fester war nach solchen Mittheilungen der Entschluss des jungen
Mannes geworden, das junge Maedchen nicht wieder zu sehen, der alle
Regungen seines Herzens gehoerten und welche doch von ihm durch alle
Hemmnisse und Schranken getrennt war, welche die Verhaeltnisse der Welt
zwischen zwei Menschenherzen aufzurichten im Stande sind.

Immer eifriger hatte er sich in seine Studien vertieft,--er suchte durch
die Arbeit den Schmerz zu besiegen, der so verzehrend sein ganzes Wesen
durchdrang, er suchte mit aller Kraft seines Geistes, mit aller
Anstrengung seines Willens sich durch eine unausgesetzte Thaetigkeit fuer
eine grosse und wirkungsvolle Carriere vorzubereiten. Er wollte durch den
Ehrgeiz die Liebe toedten, denn einer grossen und maechtigen, Alles
beherrschenden Regung bedurfte er fuer sein inneres Leben, dem das
gleichgueltige Einerlei eines zwecklosen Vegetirens nicht genuegte.

An dem Tage, an dessen Vorabend Fraeulein Anna in naechtlicher Stille den
Entschluss gefasst hatte, alle Zweifel ihres Herzens einer entscheidenden
Loesung zuzufuehren, war der junge Officier um die Mittagsstunde von der
Kriegsschule zurueckgekehrt und trat in das Zimmer seines Vaters, in
welchem der alte Diener des Oberstlieutenants, der lange Jahre sein
Bursche gewesen und nach dem Abschied seines Herrn in dessen
Privatdienst geblieben war, so eben das bescheidene Diner servirte,
welches der alte Herr fuer sich und seinen Sohn aus einem nahe gelegenen
kleinen Hotel holen liess.

"Du siehst bleich aus," sagte der alte Herr, indem er seinen Sohn mit
sorgenvoller Theilnahme ansah, "ich fuerchte, Du arbeitest zu viel. Es
ist zwar sehr gut, wenn man etwas recht Tuechtiges lernt, aber man darf
darum kein Kopfhaenger werden. Du gehst nicht mehr aus, Du bist fast
jeden Abend zu Hause, Du besuchst keine Gesellschaften mehr--Du darfst
Dich nicht zu sehr anstrengen. Zu meiner Zeit," sagte er, sich den
Schnurrbart streichend, "waren wir jungen Officiere anders, wenn es
keine Gesellschaften gab, so gingen wir wenigstens in die Natur hinaus
und machten froehliche Streifzuege durch Wald und Feld. Damals haetten wir
es nicht fuer die Aufgabe des Soldaten gehalten, hinter den Buechern zu
sitzen und zu lesen und zu arbeiten wie ein Student."

"Sei ruhig, lieber Vater," sagte der Lieutenant mit einem etwas
gezwungenen Laecheln, "ich werde gewiss nicht ueber meine Kraefte arbeiten;
wenn ich viel zu Hause geblieben bin, so liegt es nur daran, dass ich
keine Freude in dem hiesigen weitlaeufigen Gesellschaftsleben finde. Wenn
ich erst wieder in meiner Garnison sein werde unter meinen Kameraden,
unter den alt gewohnten Verhaeltnissen, so wird es anders werden."

"Nun," sagte der alte Oberstlieutenant, seinem frueheren Gedankengang
folgend, "es treten ja jetzt auch ganz andere Aufgaben an einen Officier
heran. Die heutige Tactik ist eine viel complicirtere, und man muss heute
die Kriege ebenso sehr mit dem Kopfe als mit dem Arm fuehren. Das ist
Alles ganz gut, aber zum Kopfhaenger darf darum der Soldat doch nicht
werden.--Dass Dir uebrigens das Gesellschaftsleben hier in Berlin nicht
gefaellt," fuhr er fort, "verstehe ich, und dass Du gluecklicher in den
einfachen Verhaeltnissen Deiner kleinen Garnison bist--freilich," sagte
er dann wehmuethig seufzend, "wird dann Dein alter Vater hier wieder ganz
allein sein, doch das ist ja das Loos des Alters--Ihr marschirt in die
Welt hinein, wir gehen aus derselben hinaus. Da koennen ja unsere Wege
nicht zusammenlaufen."

Er setzte sich zu Tisch, sein Sohn nahm ihm gegenueber Platz, und der
alte Diener servirte in militairischer Haltung die etwas blasse und
duenne Bouillon.

Der Oberstlieutenant fuellte die Weinglaeser fuer sich und seinen Sohn aus
einer bereits angebrochenen Flasche St. Julien und stiess mit dem
Lieutenant, wie er das stets zu thun pflegte, auf den kuenftigen
Feldmarschallstab an. Waehrend der junge Mann schweigend seinem Vater
zuhoerte, welcher von alten Zeiten erzaehlte und manche schon oft
wiederholte Geschichte noch einmal ausfuehrlich vortrug, hoerte man ein
starkes Klingeln an der aeussern Eingangsthuer der kleinen einfachen
Wohnung.

Der alte Diener ging hinaus und kehrte nach einigen Augenblicken mit
einem kleinen zierlichen Brief in der Hand zurueck.

"Ein Brief fuer den Herrn Lieutenant," sagte er, indem er in
dienstlicher Haltung das Billet dem jungen Mann ueberreichte.

Dieser nahm es mit gleichgueltiger Miene, oeffnete es, und liess die Augen
ueber den Inhalt gleiten. Eine dunkle Roethe flog ueber sein Gesicht, mit
starrem Erstaunen, fast mit dem Ausdruck eines jaehen Schreckens las er
die wenigen Zeilen, langsam sank seine Hand mit dem Papier auf seinen
Schooss herab, indem seine Augen fortwaehrend unbeweglich auf den Worten
ruhten, die er so eben gelesen.

"Mein Gott," rief der alte Oberstlieutenant unruhig, "was ist das? Du
hast doch keine boese Nachricht bekommen--doch nicht etwa eine
Ehrensache?"

Mit gewaltiger Anstrengung suchte der junge Mann seine Fassung wieder zu
gewinnen.

"Es ist Nichts," sagte er, das Papier zusammenfaltend und es in seine
Uniform steckend, indem er mit einer gewissen Muehe die Worte
hervorbrachte, "ein Bekannter ladet mich ein, mit ihm den Abend zu
verbringen."

"Aber Du bist doch so erschrocken," sagte der alte Herr forschend, "Du
bist ja ganz roth geworden, Du zitterst."

"Ich habe den ganzen Vormittag ueber Nichts gegessen," sagte der
Lieutenant, "die warme Suppe und das Glas Rothwein haben mich ein wenig
echauffirt,--es ist wirklich nichts, gar Nichts Unangenehmes. Es war ein
leichter Schwindel, der bereits vorueber ist."--

Der alte Herr sah ihn ein wenig enttaeuscht an.

Der Lieutenant, welcher bisher schweigend dagesessen hatte, begann mit
einer etwas gewaltsamen Heiterkeit auf seine Erzaehlungen einzugehen,
Erinnerungen anzuregen, von denen er wusste, dass sie seinem Vater lieb
waeren, so dass dieser bald den kleinen Vorfall vergass und in aeusserst
zufriedener Stimmung noch eine zweite Flasche St. Julien bringen liess,
sehr vergnuegt darueber, dass sein Sohn so lebendig wie lange nicht an
seinen Gespraechen Theil nahm.

Als das Diner beendet, und das einfache Gedeck von dem Diener abgeraeumt
war, setzte sich der Oberstlieutenant in einen grossen altmodischen
Lehnstuhl, plauderte noch ein wenig, immer langsamer und langsamer
sprechend mit seinem Sohn, deckte ein grosses seidenes Tuch ueber seinen
Kopf und versank in seinen gewohnten Nachmittagsschlaf, welcher heute
tiefer war als sonst und ihm in freundlichen aber verworrenen Bildern
die Zukunft seines Sohnes zeigte, wie dieser mit militairischen Wuerden
und Auszeichnungen geschmueckt den Namen derer von Buechenfeld zu immer
hoehern Ehren brachte.

Als der alte Herr eingeschlafen war, zog sich der Lieutenant in sein
kleines Zimmer zurueck, setzte sich vor seinen grossen Tisch von weissem
Holz, der mit Buechern, Plaenen und Karten bedeckt war, zog das kleine
Billet aus seiner Uniform hervor und versenkte sich abermals in die
Lectuere desselben.

"Mein Gott," sagte er endlich mit tief bewegtem, fast schmerzlichem Ton,
"mein Entschluss stand so fest, ich glaubte Alles ueberwunden, ich glaubte
mit der Vergangenheit und all ihren suessen Lockungen abgeschlossen zu
haben,--da dringt diese Botschaft zu mir, welche alle meine Entschluesse
wieder umwirft, welche mich von Neuem in Kampf, in Unruhe und Zweifel
versenkt--

"Mein lieber Freund."

Las er, die Augen starr auf das Papier gerichtet.

"Nach unserm letzten Gespraech glaube ich es mir und Ihnen schuldig zu
sein, volle Klarheit zwischen uns zu schaffen. Die Verhaeltnisse machen
eine Erklaerung zwischen uns nothwendig. Ich muss Sie sehen und
sprechen,--gehen Sie heute Nachmittag fuenf Uhr in der Naehe unseres
Hauses auf der Thiergartenpromenade auf und nieder. Ich werde Ihnen
dort begegnen und Nichts wird uns verhindern, uns in hellem Tageslicht
und vor den Augen aller Welt gegen einander auszusprechen."

"Ein angefangenes Wort ist ausgestrichen," sagte er, immerfort sinnend
das Papier betrachtend,--"ein einfaches A. ist die Unterschrift.--Ich
habe niemals Anna's Handschrift gesehen," fuhr er fort, "aber es ist
kein Zweifel, dieser Brief muss von ihr kommen. Was kann sie mir sagen
wollen? Nach den Mittheilungen meines Vaters soll ihre Verbindung mit
dem jungen Rantow so gut wie abgemacht sein--nach ihren letzten Worten
freilich," sagte er, den Kopf in die Hand stuetzend, "musste ich glauben,
dass ihr Herz sich mir zuneigte. Sie wollte das Opfer meiner Liebe nicht
annehmen, sie gab mir Hoffnung,--oh, eine so suesse Hoffnung, welche ich
mit so schwerer Ueberwindung aus meinem Herzen gerissen habe.

Waere es moeglich"--ein Schimmer von Glueck und Freude erleuchtete sein
Gesicht, in einer unwillkuerlichen Bewegung hob er das Papier empor,
drueckte seine Lippen auf die Schriftzuege, dann sprang er auf und ging in
heftiger Erregung in seinem Zimmer auf und nieder.--

"Sei es, was es will," rief er, "es waere unritterlich und feige, der
Aufforderung einer Dame nicht zu folgen, einer Dame, der ich gesagt
habe, dass ich sie liebe--und welche dieses Gestaendniss so guetig und
freundlich aufgenommen, wie sie es gethan.--

Aber," fuhr er dann mit finsterm Ausdruck und dumpfer Stimme fort, "wenn
sie mir sagen will, dass Alles zu Ende sei, wenn sie den Traum beenden
will, von dem ich ihr voreilig und unvorsichtig vielleicht gesprochen?

Nun," fuhr er mit entschlossenem Ton nach einem langen Schweigen fort,
"auch das waere ein Zeichen, dass ich mich nicht in ihr getaeuscht habe,
ein Zeichen, dass sie meiner Liebe werth war, und dass sie es auch
verdient, dass ich diese Liebe ihrer Ruhe und ihrem Glueck opfere.
Jedenfalls muss ich hingehen, soll es ein letzter Abschied sein, so wird
ja nur das geschehen, wozu ich selbst fest entschlossen war, und dieser
schoene Traum wird einen um so schoenern Abschluss finden, und," sagte er
leise mit weichem Blick, dessen Ausdruck zwischen Schmerz und Glueck die
Mitte hielt, "sollte der Kampf meiner Pflicht und meines Stolzes gegen
meine Liebe sich erneuern--ich will und darf keinen Kampf scheuen! Das
waere ein Misstrauen auf die eigene Kraft,--ich muss hingehen und werde
stark genug sein, um Alles zu ertragen, was dieser verhaengnissvolle
Augenblick mir bringen kann."

Er blickte auf seine Uhr.

"Noch ueber eine Stunde," sagte er,--"dass doch die Zeit oft so langsam
vergeht, wenn man ihr Fluegel wuenscht und so rasch dahin schwindet, wenn
man sie fesseln moechte."

Er ergriff ein Buch und begann zu lesen, aber seine Gedanken waren nicht
bei seiner Lectuere, in kurzen Zwischenraeumen sah er nach der Uhr, deren
Zeiger kaum vorzuruecken schien; in zitternder Unruhe bewegte er sich hin
und her; in schnellem Wechsel wurde sein Gesicht bald tief blass, bald
gluehend roth; ein leichter Schweiss perlte an der Wurzel seiner Haare;
und trotz aller Willenskraft, die er aufwendete, um ruhig zu bleiben,
fand er sich nach Ablauf einer Stunde in jenem Zustand fieberhafter
Aufregung, welchen der innere Kampf der Gefuehle und Gedanken bei aeusserer
Unthaetigkeit stets hervorruft und welcher bei kraeftigen und nervoesen
Naturen immer eine Folge des Wartens ist, dieses unertraeglichsten
Zustandes unter allen Leiden, an denen das arme gequaelte Menschenleben
so reich ist.

Endlich war der Augenblick gekommen, er steckte den Degen ein, setzte
die Muetze auf und verliess, ohne das Zimmer seines Vaters noch einmal zu
betreten, das Haus.

       *       *       *       *       *

Fraeulein Anna hatte in nicht geringerer Unruhe und Aufregung den Tag
verbracht. Es war ihr nicht schwer geworden, einen Vorwand zu finden um
zu der Stunde, welche sie ihrem Geliebten angegeben, allein auszugehen.
Sie war ueberhaupt gewohnt, stets ganz nach den Eingebungen ihres eigenen
Willens zu handeln, welchen ihre Mutter aus ueberlegener
Gleichgueltigkeit, ihr Vater aus Zaertlichkeit selten ein Hinderniss in den
Weg gelegt hatten.

Noch einmal hatte sie sich Alles ueberdacht, was sie dem jungen Manne
sagen wollte. Ihr Herz schlug in ungeduldiger Sehnsucht dem Augenblick
entgegen, in welchem sie ihn wiedersehen wuerden. Es war ja unmoeglich,
dass sein harter Sinn ihrer Liebe widerstehen koennte, da sie doch wusste,
dass sein Herz ihr gehoerte.

Mit bangem Zittern, aber mit einem gluecklichen, hoffnungsvollen Laecheln
auf den Lippen verliess sie kurze Zeit vor der festgesetzten Stunde ihre
Wohnung und begann auf der Thiergartenpromenade vor dem Hause ihrer
Eltern auf- und abzugehen, wie sie es oefter um diese Zeit zu thun
pflegte um frische Luft zu schoepfen.

Unruhig forschend tauchte sich ihr Blick in die Ferne, aber unter all
den alten Damen mit kleinen Huendchen in zierlichen blauen oder rothen
Maenteln, unter all den Herren, welche in dem regelmaessig abgemessenen
Spaziergang Erholung fuer die im Staub der Bureaus aller Arten
verbrachten Morgenstunden suchten, entdeckte sie Denjenigen nicht, dem
ihr Herz entgegenflog.

Langsam, in tiefe Gedanken versunken, schritt sie weiter.

"Guten Tag, Fraeulein Anna," ertoente ploetzlich eine Stimme unmittelbar
neben ihr, und rasch aufblickend sah sie den Referendarius von Rantow,
welcher sein Lorgnon vor den Augen, den Hut abnahm und sie zwar mit
einer tiefen und artigen Verbeugung, aber doch mit der Vertraulichkeit
eines alten Bekannten begruesste, welche sie um so unangenehmer beruehrte,
als ihr diese Begegnung gerade im gegenwaertigen Augenblick ungemein
unerwuenscht war.

Mit einer kalten und abweisenden Miene erwiderte sie den Gruss des jungen
Mannes, und wollte ihren Weg fortsetzen.

Herr von Rantow blieb an ihrer Seite.

"Ich habe Sie in den letzten Tagen in mehreren Gesellschaften vergeblich
gesucht, mein gnaediges Fraeulein," sagte er, "in denen ich Ihnen sonst zu
begegnen gewohnt war. Ich hoffe, Sie sind nicht leidend gewesen, Ihre
bluehende Farbe sollte mich beruhigen. Wo solche Rosen auf den Wangen
bluehen und solches Feuer aus den Augen leuchtet, kann Krankheit und
Leiden keinen Platz finden," fuegte er mit hoeflich gleichgueltigem Ton
hinzu, indem sein Blick oberflaechlich ueber das Gesicht und die Gestalt
des jungen Maedchen hinglitt.

"Ich danke, Herr von Rantow," sagte Anna mit dem Ton einer gewissen
Verlegenheit, "ich befinde mich ganz wohl und war nur etwas nervoes
verstimmt,--deshalb bin ich nicht in Gesellschaft gegangen und moechte
jetzt einen kleinen Gang in der freien Natur machen, um _einsam_ meinen
Gedanken nachzuhaengen."

"Das sollten Sie nicht thun," erwiderte Herr von Rantow, ohne den
ziemlich deutlichen Wink der Entlassung zu bemerken, welcher ebenso sehr
in ihren Mienen, als in ihren Worten lag. "Die Einsamkeit ist kein
Heilmittel fuer angegriffene Nerven, eine heitere gemuethliche Plauderei
leistet viel bessere Dienste, ich will ein wenig versuchen, Ihr Arzt zu
sein."

"Sie sind zu guetig," erwiderte sie in leicht gereiztem Ton, "Jeder muss
am besten wissen, was seiner Natur bei nervoesen Verstimmungen gut thut,
und fuer mich ist ein _einsamer_ Spaziergang in der freien Luft," fuegte
sie mit noch schaerferer Betonung hinzu, "das beste Heilmittel."

"Fast darf ich Ihnen nach diesen Worten," erwiderte Herr von Rantow mit
einem leichten Laecheln, waehrend er durch sein Glas in eine Seitenallee
hinabsah, "meine Begleitung nicht weiter aufdraengen, und doch wird es
mir schwer Sie zu verlassen. Wenn es aber Ihr Ernst ist, durchaus allein
sein zu wollen--"

"Mein voller Ernst," rief Anna schnell, indem eine dunkle Roethe ihr
Gesicht ueberflog,--sie hatte wenige Schritte vor sich den Lieutenant von
Buechenfeld bemerkt und machte eine unwillkuerliche Bewegung, als wolle
sie ihm entgegen eilen.

Herr von Rantow sah sie etwas befremdet an und folgte dann der Richtung
ihres Blickes.

"Ah, da ist Herr von Buechenfeld, ich habe ihn lange nicht gesehen! Auch
ein Einsamer," fuegte er mit einem schnellen Seitenblick auf das junge
Maedchen hinzu. "Waere die Einsamkeit ein Ding, das man theilen koennte, so
wuerde ich vorschlagen, dass wir uns zu Dreien ihrem Genuss hingeben."

Anna hoerte nicht, was er sprach, ihre Blicke waren unverwandt auf den
jungen Officier gerichtet. Peinliche Verlegenheit malte sich in ihren
Zuegen, unschluessig hielt sie ihre Schritte an, so dass sie fast neben
Herrn von Rantow stehen blieb.

Der Lieutenant von Buechenfeld hatte bei ihrem Anblick zunaechst in
freudiger Bewegung einen Schritt vorwaerts gemacht, dann bemerkte er den
jungen Herrn von Rantow, welcher in anscheinend vertraulichem Gespraech
neben Fraeulein Anna herging.

Eine tiefe Blaesse bedeckte ploetzlich seine Zuege, seine Augen oeffneten
sich weit und blickten starr auf das Paar hin, welches vor ihm stehen
blieb,--ein bitteres hoehnisches Laecheln verzog seine fest verschlossenen
Lippen zu fast krampfhafter Entstellung, ein tiefer Athemzug hob seine
Brust, schnell wandte er sich seitwaerts, und mit raschen Schritten ging
er an den beiden jungen Leuten vorbei, mit kalter Hoeflichkeit Fraeulein
Cohnheim militairisch gruessend.

Das junge Maedchen zitterte in heftiger Bewegung, ihre Augen richteten
sich mit magnetischem Glanz auf den schnell vorueberschreitenden jungen
Officier; ein tiefer Seufzer, fast wie ein leiser angstvoller Schrei,
rang sich aus ihrem Munde hervor, sie machte eine Bewegung, als wolle
sie die Haende ausstrecken.

"Um Gottes Willen Herr von Buechenfeld!" rief sie.

Aber ihre Stimme war von tiefer, innerer Erregung so zusammengepresst,
dass ihre Worte kaum vernehmbar nur zu dem Ohr des unmittelbar neben ihr
stehenden Herrn von Rantow drangen. Im hoeflichen Diensteifer wandte sich
dieser um.

"Buechenfeld!" rief er, "so hoere doch,--wie unhoeflich, so vorbei zu
laufen,--Fraeulein Cohnheim ruft Dich."

Er hatte den jungen Officier eingeholt, legte die Hand auf seinen Arm
und zwang ihn, still zu stehen. Mit starrem Blick, immer jenes
hoehnische, bittere Laecheln auf den Lippen, kehrte er, von Herrn von
Rantow gefuehrt, zu dem jungen Maedchen zurueck, das ihn zitternd
erwartete.

"Ich habe Sie so lange nicht gesehen, Herr von Buechenfeld," stammelte
sie mit unsicherm Ton, "ich wollte Ihnen sagen,--dass--" sie blickte auf
Herrn von Rantow, der mit einem artigen Laecheln auf den Lippen neben ihr
stand, und dann schlug sie die Augen nieder,--sie schien nach Worten zu
suchen, zornig biss sie ihre glaenzenden Zaehne auf die Lippen und trat
heftig mit dem Fuss auf den Boden.

"Es ist sehr freundlich, dass Sie sich meiner erinnern," sagte der
Lieutenant von Buechenfeld mit kalter, schneidender Hoeflichkeit. "Ich
bin unendlich erfreut, Ihnen hier begegnet zu sein, zu meinem tiefen
Bedauern muss ich aber um Verzeihung bitten, dass ich mich keinen
Augenblick aufhalten kann,--der unerbittliche Dienst ruft mich."

Er gruesste militairisch, neigte leicht den Kopf gegen Herrn von Rantow,
und eilte dann mit schnellen Schritten davon.

Anna athmete tief auf, sie machte eine Bewegung, als wolle sie ihm
nacheilen, doch das waere vergeblich gewesen, er entfernte sich in immer
schnellerem Gang, sie--sah ihm mit brennendem Blick nach.

Ein Zug tiefer schmerzlicher Trauer erschien auf ihrem Gesicht.

"Ich begreife nicht," sagte Herr von Rantow, "was er haben kann, er sah
ja ganz verstoert aus. Sollte er dienstliche Unannehmlichkeiten gehabt
haben?"

Fraeulein Anna sah ihn mit zornfunkelnden Augen an, in ihren Wimpern
zeigte sich ein feuchter Thraenenschimmer.

"Ich bedaure sehr, Herr von Rantow," sagte sie mit kaltem Ton, "dass ich
nicht laenger das Vergnuegen Ihrer Gesellschaft haben kann, die Luft
greift mich an, ich will nach Hause zurueckkehren."

Bevor der junge Mann antworten konnte, hatte sie sich mit einem
leichten Gruss abgewendet und schritt schnell dem Hause ihrer Eltern zu.

"Wir gehen denselben Weg," sagte er ganz erstaunt, "ich will so eben zu
meinen Eltern."

Aber bereits war sie weit entfernt, ohne seine Worte zu hoeren. Erstaunt
blickte er ihr nach.

"Was geht denn da vor!" sprach er kopfschuettelnd vor sich hin. "Sollte
da eine ernste Herzensangelegenheit spielen,--das wuerde mir nicht zu
meinen Absichten passen, ich kann kaum eine bessere Partie finden, das
Alles fuegt sich so vortrefflich,--nun, ich glaube kaum, dass es ein
ernstes Hinderniss sein wird," sagte er dann, sich leicht den Schnurrbart
streichend, "dieser Buechenfeld mit seinen altfraenkischen Anschauungen
wird kaum an eine ernste Bewerbung denken, und der alte Cohnheim wird
auch wenig Lust haben, sein einziges Kind einem Officier zu geben, der
Nichts weiter besitzt als seinen Degen."

Langsam schritt er dem weit vorausgeeilten jungen Maedchen nach und trat
einige Zeit spaeter als sie in das Haus des Commerzienraths, dessen
Parterre seine Eltern bewohnten.

Der Lieutenant von Buechenfeld war in schmerzlicher Erregung dem
Brandenburger Thor zugeschritten. Er blickte starr vor sich hin, kaum
die Voruebergehenden beachtend und nur mit seinen finstern Gedanken
beschaeftigt.

"Das also ist es gewesen," fluesterte er, "sie hat mir zeigen wollen, dass
Alles zwischen uns aus sein soll, dass Alles fuer sie nur das fluechtige
Spiel einer augenblicklichen Laune war. Ein Abschied hat es sein sollen,
aber nicht ein freundlicher Abschied, welcher mit seinem sanften Strahl
das kuenftige Leben erleuchtet und den Schmerz der Trennung verklaert.
Nein, dieser Abschied war fast ein Hohn auf die Vergangenheit, sie
wollte sich mir auf meinem einsamen Wege an der Seite Desjenigen zeigen,
der das Glueck besitzen soll, das ich vergeblich ersehnte.--

"Das Glueck?" sagte er, indem er die Augen fragend emporschlug,--"kann es
ein Glueck geben an der Seite eines Wesens, das so herzlos mit den
edelsten Gefuehlen spielt, das auf solche Weise eine Liebe von sich
weisen kann, deren Tiefen sie kaum zu ermessen verstehen mag,--und sie
haette es ja nicht noethig gehabt," sprach er, grimmig die Lippen auf
einander pressend, "sie haette es nicht noethig gehabt, mir so meinen
Abschied zu geben. Ich habe sie doch wahrlich mit meiner Liebe nicht
verfolgt, ich habe mich still und schweigend zurueckgezogen. Warum hat
sie mich nicht ruhig meiner Wege gehen lassen? Ach, wie tief habe ich
mich in ihr getaeuscht! Wie Recht hatte mein Vater, dass in diesen Kreisen
der reich gewordenen Parvenus es kein Herz und kein Gefuehl giebt."

Er sah sich ploetzlich von mehreren Kameraden umringt, deren Annaeherung
er nicht bemerkt hatte, und welche ihm lachend den Weg vertraten.

"Endlich trifft man ihn einmal, diesen verkoerperten Fleiss," rief ein
junger Dragonerofficier.

"Er bereitet sich zum Chef des grossen Generalstabs vor und macht Tag und
Nacht die Plaene zu den Schlachten, die er kuenftig gewinnen will. Aber
jetzt haben wir ihn, jetzt soll er mit uns kommen. Es ist heute
Hohensteins Geburtstag," sagte er, auf einen Husarenofficier deutend,
"wir sind es ihm aus Freundschaft schuldig, diesen wichtigen Tag zu
feiern. Buechenfeld darf sich nicht zurueckziehen, wenn er nicht ein
schlechter Kamerad ist. Wir wollen zu Borchard gehen, dort ist ein
vortrefflicher Romanee mousseux, dessen Bekanntschaft er machen soll.
Ein ganz ausgezeichneter Stoff, etwas schwer,--aber wo man den
Geburtstag eines guten Freundes feiert, darf man ja nicht ganz kalt und
nuechtern bleiben."

Er ergriff den Arm des Lieutenants von Buechenfeld und zog ihn fort. Die
Andern folgten.

"Es ist wahr," rief Buechenfeld flammenden Blickes, "ich habe zu viel
gearbeitet, zu viel nachgedacht und gegruebelt, ich will mir einmal den
Kopf frei machen von allen Gedanken. Koennte ich Vergessenheit trinken,"
sagte er leise vor sich hin,--"wie die Alten mit dem Wasser des Flusses
der Unterwelt alle Erinnerungen an die Leiden des Lebens aus ihrer Seele
fortspuelten!"

Unter heitern und froehlichen Gespraechen schritten die Officiere die
Linden entlang und begaben sich in das elegante, altbewaehrte Local von
Borchard in der Franzoesischen Strasse.

Der alte Kellner mit dem kraenklichen, klug blickenden Gesicht, welcher
so genau seine Gaeste zu classificiren verstand und den Geschmack und die
Gewohnheiten eines Jeden stets scharf im Gedaechtniss behielt, brachte die
dickbaeuchigen Flaschen in den eisgefuellten Kuehlern. Die Pfropfen wurden
entfernt, und das edle, dunkelrothe Getraenk mit dem weissen Schaum ergoss
sich in die zierlichen Krystallkelche.

Der Lieutenant von Buechenfeld, welcher ernst und mit finsterm Schweigen
sich der Gesellschaft der Uebrigen angeschlossen hatte, stuerzte ein Glas
des purpurnen Getraenkes nach dem andern hinunter,--eine wilde Heiterkeit
schien sich seiner zu bemaechtigen, seine Augen flammten, seine Wangen
gluehten, ganz seiner sonstigen Gewohnheit entgegen begann er mit
spruehendem Witz an der Unterhaltung Theil zu nehmen.

Aber dieser Witz war nicht wohlthuend, belebend und erheiternd,--er war
scharf, schneidend, Alles in den Staub herabziehend, was dem ernsten
Sinn des jungen Mannes sonst unantastbar gewesen war.

Seine Freunde sahen sich ganz erstaunt an.

"Buechenfeld muss etwas sehr Glueckliches passirt sein," sagte der
Dragonerofficier, "so habe ich ihn noch nie gesehen."

"Oder," sagte der Husar lachend, "er steht im Begriff, sich
todtzuschiessen. Das ist ja der reine Galgenhumor, der aus ihm spricht."

"Weder das Eine noch das Andere," meinte ein Dritter, "es ist einfach
dieser ausgezeichnete Rebensaft von Burgund, der unsern stillen Freund
so gespraechig macht."

"Oder sollte er etwa verliebt sein," sagte der Dragoner, "das waere ja
das Allermerkwuerdigste, das man erleben koennte,--er, der bis jetzt gar
keine Augen fuer ein weibliches Wesen zu haben schien und nur seinen
Studien gelebt hat."

"Ja, ja," rief der Lieutenant von Buechenfeld laut lachend, "Du hast es
getroffen, ich bin verliebt. Das ist doch wahrlich werth," sagte er,
ein neues Glas herunterstuerzend, "aus seiner gewohnten Ruhe
herauszutreten. Nein, nein," fuhr er dann mit schneidendem Hohn fort,
"wenn ich verliebt waere, dann waere mir doch wirklich besser, dass ich
mich auf ein Pulverfass setzte und in die Luft sprengte. Denn was ist die
Liebe?" sagte er ploetzlich duester;--"die unwuerdige Fessel, welche den
Willen, den Muth und die Kraft eines Mannes an die fluechtige Laune einer
Frau kettet und den hohen Flug edler Seelen herabzieht in den Staub und
sie zum Spott Derer werden laesst, die sie nicht begreifen koennen!"

Immer lauter, immer lustiger wurde die Unterhaltung; immer hoeher gluehten
die Wangen des Herrn von Buechenfeld, und bereits begannen seine Freunde
mit einiger Besorgniss zuzusehen, wie er fortwaehrend sein Glas fuellte, um
es augenblicklich wieder zu leeren.

Es war dunkel geworden, die Gasflammen waren angezuendet. Einige einzelne
Herren hatten an kleinen Tischen in dem vordern Theil des Zimmers Platz
genommen, in dessen Hintergrunde die jungen Officiere sich befanden.

Der Referendar von Rantow trat herein, liess durch sein Lorgnon den Blick
durch das grosse Zimmer gleiten und naeherte sich dann der Gruppe der
Officiere, die ihm saemmtlich bekannt waren. Er wurde von Allen
freundlich begruesst, rasch reichte man ihm einen gefuellten Kelch und
stellte einen Sessel fuer ihn in den Kreis der Uebrigen.

Der Lieutenant von Buechenfeld war in die Ecke eines Divans
zurueckgesunken, sein etwas starrer Blick ruhte mit unbeschreiblichem
Ausdruck auf dem Baron von Rantow, ein veraechtliches Laecheln zuckte um
seine Lippen.

"Sieh da, Buechenfeld," sagte der Referendarius, ihm freundlich
zunickend, "ist Deine Dienstzeit zu Ende? Du warst vorhin ja so wild und
unzugaenglich nicht nur gegen mich, sondern auch gegen eine Dame, die
Dich rief und gern mit Dir sprechen wollte,--das war nicht hoeflich."

"Ihm muss ueberhaupt etwas ganz Ausserordentliches passirt sein," sagte der
Husarenofficier,--"er ist heute in einer Laune, wie ich ihn noch nie
gesehen habe. Sehr amuesant freilich, aber ich moechte ihn so nicht in
fremde Gesellschaft gehen lassen, sonst koennte wohl morgen Einer von uns
das Vergnuegen haben, ihm zu secundiren."

Herr von Buechenfeld warf dem Sprechenden einen fluechtigen Blick zu,
stuerzte abermals ein Glas hinunter und sagte mit etwas unsicherer
Stimme:

"Das wuerde nicht zu besorgen sein,--ich bin im Gegentheil in sehr
friedlicher Stimmung,--sehr friedlich--und sehr vergnuegt.--Du hast
Recht, mir ist etwas sehr Gutes, ein grosses Glueck widerfahren, ich bin
einer grossen Gefahr entronnen,--ich stand im Begriff einen tiefen Fall
zu thun,--einen tiefen, tiefen Fall," sagte er mit dumpfem, allmaelig
immer leiser und leiser verklingendem Ton;--dann sank sein Haupt auf die
Brust nieder, er schwieg und schien nun in Gedanken seinen Satz zu
beenden.

Die Officiere wechselten bedeutungsvolle Blicke unter einander.

"Ich fuerchtete schon," sagte Herr von Rantow laechelnd, "dass Du mir boese
sein wuerdest, und dass ich die Ursache Deines schnellen Fortlaufens
gewesen sei. Ich habe neulich schon so Etwas bemerkt,--sollten wir
Nebenbuhler sein? Das waere nicht huebsch," fuegte er hinzu, "gute Freunde
muessen sich ueber so Etwas verstaendigen."

"Nebenbuhler?" riefen die Officiere neugierig,--"so haben wir doch
Recht, so ist er doch verliebt. Es musste ja auch etwas ganz
Ausserordentliches sein, was ihn so veraendern konnte."

Herr von Buechenfeld richtete langsam den Kopf empor, seine mueden
geschlossenen Augen oeffneten sich weit und blickten mit sonderbarem
Ausdruck im Kreise umher.

"Nebenbuhler," rief er dann mit lautem Lachen, sich zu Herrn von Rantow
wendend, "waeren wir jemals Nebenbuhler gewesen, jetzt kannst Du ganz
ruhig sein, ich trete Dir wahrhaftig nicht in den Weg. Ich schaetze
dieses kindische Gefuehl, das man die Liebe nennt, nach ihrem wahren
Werth; und ihr Werth ist sehr gering," fuegte er achselzuckend
hinzu,--"ueber Dergleichen duerfen sich Maenner nicht entzweien. Wahrlich,"
fuhr er mit einer Stimme fort, die bald hoch anschwoll, die bald wieder
zu leisem Ton herabsank, "staende hier eine Roulette zwischen uns, ich
wuerde kaum einen Louisd'or gegen alle Liebeshoffnungen und
Liebesansprueche der Welt setzen."

"Das ist ein guter Gedanke," rief der Dragonerofficier, der ebenso wie
die ganze Gesellschaft sich bereits unter dem Einfluss der Wirkung des
feurigen Weines befand, "ein guter Gedanke, wenn Ihr Nebenbuhler seid,
setzt Eure Chancen gegen einander. Das ist ein viel besserer Weg, zur
Klarheit zu kommen, als sich die Haelse zu brechen. Eine Roulette ist
nicht hier, spielt eine Partie Ecarte um Eure Schoene--"

"Vortrefflich, vortrefflich!" riefen die Andern jubelnd,--"ein
ausgezeichneter Gedanke!"

"Unglueck im Spiel, Glueck in der Liebe!" rief der Husarenofficier.

"Wer das Spiel gewinnt, muss seine Liebesansprueche aufgeben--"

"Warum nicht," rief Herr von Buechenfeld, dessen Blicke sich immer
verschleierten, "gebt die Karten her!"

Herr von Rantow schien ein wenig verlegen zu sein, er wollte einige
Bemerkungen machen, die Uebrigen liessen ihn nicht zu Worte kommen.

Bereits hatte Einer von ihnen zwei Spiele Ecartekarten gebracht, man
raeumte eine Ecke des Tisches vor Herrn von Buechenfeld leer und zog Herrn
von Rantow zu dem jungen Officier hin.

"Ich setze hundert Louisd'or," sagte dieser, indem er den Blick
forschend auf Herrn von Buechenfeld richtete, wie es schien in der
Hoffnung, durch diesen hohen Einsatz den jungen Mann zum Nachdenken zu
bringen.

"Ich nehme an," sagte dieser, starr vor sich hinblickend, und schnell
leerte er noch ein Glas.

"Wer gewinnt," rief der Dragonerofficier, "zahlt also hundert Louisd'or
und hat das alleinige Recht der Dame, um die es sich handelt, die Cour
zu machen. Der Andere darf auf sein Ehrenwort nie wieder mit ihr
sprechen."

Fragend blickte Herr von Rantow, welcher die Karten noch immer nicht
ergriffen hatte, auf Herrn von Buechenfeld.

"Angenommen," sagte Dieser, griff mit einer etwas unsicheren Bewegung
nach dem Spiel und hob ab.

"Drei," sagte Herr von Rantow,--dann coupirte und zeigte ein Ass.

"Du giebst," sagte der Lieutenant immer in demselben dumpfen Ton.

Das Spiel begann. In rascher Folge legte Herr von Rantow mehrere Male
den Koenig auf, und nach wenigen Abzuegen hatte er die Partie gewonnen.

Hoehnisch lachte Herr von Buechenfeld laut auf.

"Du hast das schoene Fraeulein Cohnheim gewonnen!" rief er, die Karten
durcheinander werfend,--"ich gratulire Dir!"--er sank auf seinen Stuhl
zurueck, sein Haupt fiel muede auf die Brust nieder.

Herr von Rantow zuckte zusammen.

Trotz der mehr als heiteren Stimmung, die in dem ganzen Kreise
herrschte, trat ein tiefes Schweigen ein. Die Officiere sahen sich mit
verlegenen Blicken an.

"Ich habe gewonnen, nach der Verabredung muss ich den Einsatz bezahlen,"
sagte Herr von Rantow mit einer Miene, welche ausdrueckte, dass er dieser
peinlichen Scene so schnell als moeglich ein Ende machen wollte.

Er zog einige Goldstuecke aus seinem Portemonnaie, fuegte aus seinem
Portefeuille einige Bankbillets dazu, legte das Geld vor Herrn von
Buechenfeld auf den Tisch und erhob sich.

Der Lieutenant von Buechenfeld richtete den Kopf auf, streckte die Hand
aus und streute das Geld auf dem Tisch umher.

"Der Einsatz ist zu hoch," sagte er mit rauher Stimme in abgebrochenen
Worten, "Du bist betrogen, der Gegenstand ist so hohen Spiels nicht
werth, ich kann das nicht annehmen."

Und abermals sank er in seinen Stuhl zurueck, seine Augen schlossen sich,
sein Haupt fiel matt gegen die Lehne.

Rasch wurde an einem der Seitentische ein Stuhl zurueckgeschoben. Einer
der dort sitzenden Herren erhob sich, ergriff seinen Hut und rief den
Kellner. Herr von Rantow blickte hin und erkannte den Commerzienrath,
der Alles mit angehoert hatte.

"Wie peinlich, wie unangenehm," sagte er, waehrend die ernst gewordenen
Officiere schweigend um ihn her standen.

"Meine Herren," fuhr er fort, "ich glaube nicht, dass es moeglich ist, mit
Herrn von Buechenfeld heute noch ein Wort zu sprechen. Sie werden ihm
einen grossen Dienst leisten, wenn Sie dafuer sorgen, dass er so bald wie
moeglich nach Hause zurueckkehrt. Leben Sie wohl, morgen wollen wir weiter
darueber reden."

Und schnell ging er dem Commerzienrath nach, welcher bereits seine
Rechnung bezahlt und das Zimmer verlassen hatte.

Die heitere und uebermuethige Weinlaune der Officiere war verschwunden,
sie Alle fuehlten, dass hier etwas Ernstes sich vollzogen habe, das
schwere Folgen nach sich ziehen muesse.

Sie brachen auf, der Lieutenant von Buechenfeld liess sich ruhig und ohne
weiter ein Wort zu sprechen nach einer herbeigeholten Droschke fuehren.
Zwei seiner Kameraden begleiteten ihn nach Hause und erzaehlten dem alten
Oberstlieutenant, dass sein Sohn in einer kleinen Gesellschaft ein wenig
von der allgemeinen Heiterkeit mit fortgerissen sei.

Der alte Herr laechelte ganz vergnuegt darueber und freute sich im Stillen,
dass die jugendliche Lebenslust bei seinem Sohne einmal den Sieg ueber
seine Neigung zu einsamem Gruebeln davon getragen habe.




Fuenftes Capitel.


Fraeulein Anna war in einem Sturm widersprechender Gefuehle nach Hause
zurueckgekehrt, sie hatte in das Verhaeltniss zu ihrem Geliebten Licht und
Klarheit bringen wollen, statt dessen war durch ein unglueckseliges und
verhaengnissvolles Zusammentreffen der Umstaende eine neue und noch groessere
Verwirrung entstanden.

Unmuthig warf sie ihren Hut von sich und riss hastig die Handschuhe von
den zitternden Haenden.

"Welch ein unglueckseliges Zusammentreffen," rief sie heftig, "ich haette
daran denken sollen. Aber wie ist es moeglich, dass er mich nicht einmal
anhoeren wollte. Einige Worte haetten Alles aufgeklaert. Es ist ja schon
ganz widersinnig, dass er von einer so eifersuechtigen Leidenschaft erfasst
werden kann, nachdem ich ihm gestern geschrieben."

Sie warf sich auf ihren Divan und blickte in rathloser Unschluessigkeit
zu der Decke des Zimmers empor. Sie zuernte sich selbst, sie zuernte ihrem
Geliebten, der so hart und ruecksichtslos ihr jede Erklaerung
abgeschnitten hatte, vor Allem aber zuernte sie dem Herrn von Rantow,
welcher so unberufen und stoerend in ihre Combinationen eingegriffen
hatte.

"Es ist unerhoert," rief sie, "wenn er mir zutrauen kann, dass ich mit dem
jungen Baron in irgend welchen Beziehungen staende--aber," fuhr sie fort,
"sein Charakter ist so misstrauisch, er ist so geneigt, Alles schwarz zu
sehen. Es ist unmoeglich, eine andere Erklaerung fuer sein Benehmen zu
finden. Was soll ich thun?--Ihm noch einmal schreiben?--Er wuerde mir
nicht glauben! Er wuerde nicht noch einmal zu mir kommen, nachdem er im
Stande gewesen, trotz meiner Bitte, trotz der Bekuemmerniss und der
Unruhe, die er in meinen Blicken hat lesen muessen, mir das Gehoer zu
versagen!

Er ist hart wie Stein," rief sie, in heftiger Erregung die Bandschleifen
ihres Kleides zerknitternd, "aber gerade darum liebe ich ihn! Er ist
nicht wie all' die andern jungen Herren, die weich und elastisch wie
Gummi sich hin und her ziehen lassen; hinter dieser harten Schale liegt
ein edler und weicher Kern. Aber wie zu ihm gelangen? Wie den Weg
finden zu diesem mit siebenfachem Erz umguerteten Herzen?"

Sie dachte lange nach. In fieberhafter Unruhe bildete sie Plaene auf
Plaene, um sie alle wieder zu verwerfen.

"Es giebt nur einen Weg," rief sie endlich mit festem entschlossenen
Ton, "Licht in all dieses Dunkel zu bringen. Ich will mit meinem Vater
sprechen. Er kann," fuegte sie unwillkuerlich laechelnd hinzu, "meinen
ernsten Bitten auf die Dauer nicht widerstehen. Er muss es uebernehmen,
diesem unerbittlichen Stolz Genugthuung zu geben. Er wird mir das Glueck
meines Lebens nicht versagen, wenn er sich auch mit anderen Plaenen
tragen sollte."

Dieser Entschluss schien sie zu beruhigen; nachdem sie noch laengere Zeit
ueber die Ausfuehrung desselben nachgedacht hatte, ging sie in den Salon
ihrer Eltern, wo ihre Mutter sie bereits am Theetisch erwartete.

Die Frau Commerzienraethin ergriff abermals die Gelegenheit, ihrer
Tochter eine kleine Vorlesung darueber zu halten, was sie der Stellung
ihres Vaters schuldig sei, und wie sie ihrerseits stets daran denke, fuer
sie eine passende Verbindung zu finden, so muesse auch Anna darauf
bedacht sein, in ihrem Verkehr mit der jungen Herrenwelt nur solchen
Personen eine Annaeherung zu erlauben, welche durch ihr Vermoegen und
ihre gesellschaftliche Stellung im Stande waeren, sich in die Reihe der
Bewerber um die Tochter des grossen Finanzmannes zu stellen, welcher
bestimmt sei, noch weit hoehere Stufen auf der Leiter der Gesellschaft zu
ersteigen.

Fraeulein Anna hoerte schweigend die Auseinandersetzungen ihrer Mutter an,
an welche sie sich seit einiger Zeit als etwas Unabaenderliches gewoehnt
hatte, und welche ihr, da sie darauf zu erwidern nicht fuer noethig hielt,
die erwuenschte Gelegenheit gaben, ihren Gedanken nachzuhaengen.

Dies tete-a-tete zwischen Tochter und Mutter hatte bereits laengere Zeit
gedauert, als der Commerzienrath in grosser Aufregung in das Zimmer trat.
Er vergass, was er sonst stets mit einer etwas forcirten Galanterie zu
thun pflegte, seiner Frau die Hand zu kuessen, und beachtete auch den
freundlichen Gruss seiner Tochter kaum, welche ihm entgegen gegangen war
und ihm Hut und Stock abgenommen hatte. Er ging mit kurzen unruhigen
Schritten auf und ab, bewegte die Haende in lebhaften Gesticulationen und
fluesterte abgebrochene Worte vor sich hin.

Erstaunt sah ihm die Commerzienraethin eine Zeit lang zu, dann sagte sie
in etwas vorwurfsvollem Ton, in dem sich jedoch ein Anklang unruhiger
Besorgniss beimischte:

"Du scheinst unsere Gesellschaft nicht zu beachten und vollstaendig in
Deinen geschaeftlichen Combinationen vertieft zu sein. Vielleicht waere es
besser, die Berechnungen ueber Deine Geschaefte in Deinem Zimmer
vorzunehmen und hier Dich ein wenig der Unterhaltung mit Deiner Familie
zu widmen--oder," fuhr sie fort, "hast Du so peinliche und unangenehme
Nachrichten erhalten, dass Dich ernste Sorgen selbst hierher verfolgen?"

"Es ist unerhoert," sprach der Commerzienrath halb zu sich selber, "es
ist eine sehr unangenehme Geschichte,--es waren noch verschiedene
Personen dabei; morgen wird vielleicht ganz Berlin davon sprechen! Was
kann man thun? Wie kann man dem Scandal vorbeugen?"

"Aber ich bitte Dich," sagte die Commerzienraethin, welche jetzt
ernstlich beunruhigt zu sein schien, "so sage uns doch endlich, was Dich
so aufregt--wovon kann morgen ganz Berlin sprechen? Deine Unternehmungen
und Deine financielle Stellung sind doch nicht auf den Zufall begruendet?
Es kann doch keine Katastrophe Dein Haus und Dein Geschaeft vernichtend
treffen?"

"Haus und Geschaeft," rief der Commerzienrath achselzuckend, indem er
noch immer unruhig und hastig auf- und niederschritt, "das kommt nicht
in Betracht--aber meine gesellschaftliche Stellung, der Name meiner
Tochter--was wird man dazu sagen? Wie werden alle meine Feinde mich
verhoehnen!"

Jetzt wurde auch Fraeulein Anna aufmerksam.

"Du hast von mir gesprochen, lieber Papa," sagte sie. "Ich bitte Dich,
was giebt es--so erzaehle uns doch."

"Ich muss Dich jetzt sehr ernstlich bitten," sagte die Commerzienraethin
im strengen Ton, "uns mitzutheilen, was Dich so sehr in Unruhe versetzt,
denn nach Deinen letzten Worten geht es mich doch ebenso sehr an als
Dich, ja vielleicht mehr, denn unsere gesellschaftliche Stellung
aufrecht zu erhalten," sagte sie, den Kopf erhebend, "und ueber den Ruf
meiner Tochter zu wachen, das ist doch vorzugsweise meine Aufgabe."

"Was es giebt," rief der Commerzienrath, indem er an den Theetisch
herantrat,--"etwas sehr Unangenehmes, etwas sehr Boeses, meine Tochter
ist beleidigt,--oeffentlich beleidigt, verhoehnt im Restaurationszimmer
bei Borchard vor einer Menge von Officieren, vor verschiedenen
unbekannten Herren, welche die Geschichte natuerlich so schnell als
moeglich weiter tragen werden. Wie werden alle meine Feinde triumphiren,
welche mich schon so lange beneidet haben und gewiss so sehnlich
wuenschen, endlich einmal Gelegenheit zu finden, um sich an mir raechen zu
koennen."

"Was ist geschehen," fragte jetzt auch Fraeulein Anna ernst und dringend,
"wer hat mich beleidigt und wie? Ich muss es wissen."

"Wer?" sagte der Commerzienrath, "Du wirst ihn kaum kennen, ein ganz
unbedeutender, junger Officier von irgend einem Linienregiment, dem ich
die Ehre erwiesen habe, ihn in mein Haus einzuladen, eigentlich nur,
weil ich ihn bei meinem Freunde, dem Baron von Rantow, einmal begegnete,
ein kleiner Lieutenant von Buechenfeld."

Anna wurde bleich wie der Tod, ihre grossen Augen starrten mit entsetztem
Ausdruck auf ihren Vater. Sie stuetzte die Hand auf den Tisch, ihre ganze
Gestalt schwankte unsicher hin und her.

"Lieutenant von Buechenfeld," sprach sie leise mit fast tonloser Stimme,
waehrend ihre Mutter einen schnellen forschenden Blick auf sie warf,
indem ein leichtes hoehnisches Laecheln um ihren hochmuethig aufgeworfenen
Mund zuckte.

"Er war," sprach der Commerzienrath eifrig,--"Du musst es ja doch
wissen, damit Du danach Dein Benehmen einrichten kannst,--er war in
Gesellschaft mehrerer Officiere und schien mir schon, als ich in das
Zimmer trat und von Jenen unbemerkt in der Naehe an einem Tische Platz
nahm, um eine kleine Erfrischung zu mir zu nehmen, sehr aufgeregt,--die
Herren mochten wohl schon lange bei einander gesessen und viel getrunken
haben. Der junge Herr von Rantow kam ebenfalls zu ihnen, und es fielen
zwischen ihm und Herrn von Buechenfeld einige anzuegliche Redensarten von
Nebenbuhlerschaft, von einer Dame und so weiter, auf die ich nicht
besonders Acht gab. Der Lieutenant von Buechenfeld machte einige sehr
wegwerfende Bemerkungen ueber die fragliche Dame und sagte, er wuerde ihre
Liebe im Ecarte gegen einen Louisd'or versetzen. Die heitere
Gesellschaft griff diesen Gedanken auf, man brachte Karten, Herr von
Rantow, der ein vortrefflicher Cavalier ist, gab sich die groesste Muehe,
das Spiel zu verhindern und schien nur darauf einzugehen, um in der sehr
erregten Gesellschaft nicht noch groesseren Eclat herbeizufuehren. Herr von
Buechenfeld, welcher kaum noch seiner Sinne maechtig schien, verspielte
das Recht seiner Bewerbung um die fragliche Dame gegen hundert
Louisd'or,--ich ahnte noch immer nichts Boeses,--dann warf er die Karten
mit den lauten Worten hin:--Du hast das schoene Fraeulein Cohnheim
gewonnen, ich wuensche Dir Glueck dazu, aber der Einsatz ist zu hoch, ich
kann ihn nicht annehmen.--Ich war wie vom Schlage getroffen, ich wusste
kaum, was ich sagen und was ich thun sollte, nur mit Muehe behielt ich
die Fassung, um mit einigem Anstand das Zimmer zu verlassen."

Anna schwankte wie gebrochen zu einem Sessel und sank auf denselben
nieder, das Gesicht mit den Haenden bedeckend und krampfhaft schluchzend.
Der Commerzienrath eilte zu ihr hin und streichelte mit besorgter Miene
ihr schoenes glaenzendes Haar.

"Ja, es ist schrecklich, mein armes Kind, so ganz unschuldig beleidigt
und gekraenkt zu werden. Aber troeste Dich, rege Dich nicht zu sehr auf.
Verschweigen konnte ich es ihr ja doch nicht," sagte er, zu seiner Frau
gewendet, "sie musste es ja doch erfahren."

"Das kommt davon," sagte die Commerzienraethin, indem sie mit kaltem
strengem Blick zu ihrer Tochter hinuebersah, "wenn man nicht vorsichtig
in der Auswahl der Personen ist, die man in seiner Gesellschaft
zulaesst,--der Lieutenant von Buechenfeld, glaube ich, war der junge, mir
unbekannte Officier, mit welchem Du neulich den Cotillon tanztest, den
Du Herrn von Rantow abgeschlagen hattest, das kommt davon; solche Leute
setzen sich dann Dinge in den Kopf, fassen Hoffnungen, und da ihnen der
Takt der vornehmen Gesellschaft mangelt, so begehen sie schliesslich
irgend eine Niedrigkeit zum Dank fuer Wohlwollen und Freundlichkeit."

"O, wie waere es moeglich gewesen," rief Fraeulein Anna, ohne die Worte
ihrer Mutter zu beachten und nur mit ihren eigenen Gedanken beschaeftigt,
"wie waere es moeglich gewesen, so Etwas zu denken, an eine solche
Schlechtigkeit und Erbaermlichkeit zu glauben,--und das, nachdem--" sie
bedeckte abermals das Gesicht mit den Haenden und sank still weinend in
sich zusammen.

"Nun, mein Kind," sagte der alte Commerzienrath, den die heftige
Erregung seiner Tochter tief zu beunruhigen begann, "so uebermaessig
ernsthaft muss man die Sache auch nicht nehmen. Es laesst sich immer noch
ein Weg finden, das Alles auszugleichen, und vielleicht ein sehr guter,
ein sehr ehrenvoller Weg. Ich bin," fuhr er fort, "mit dem Herrn von
Rantow nach Hause gegangen, welcher mir gleich nachfolgte, als ich das
Lokal verlassen hatte. Wir haben ein sehr ernstes Gespraech mit einander
gefuehrt, das sich auf den Fall bezog, und das ich Dir eigentlich erst
morgen mittheilen wollte," sprach er weiter,--"indess, da ich mich nun
einmal habe hinreissen lassen, die ganze Sache zu erzaehlen, so ist es
besser, wenn wir darueber auch heute gleich sprechen."

Fraeulein Anna blickte erwartungsvoll ihren Vater an, der einige Male
rasch im Zimmer auf- und niederging; dann vor einem Tische stehen
bleibend und mit einem schnellen Seitenblicke auf seine Frau, welche
sich in einen Lehnstuhl gesetzt hatte und grade aufgerichtet, mit
strenger Miene die weitere Entwickelung dieser Scene erwartete, begann
er, eine gewisse wuerdevolle Wichtigkeit in seinen Ton legend:

"Der junge Herr von Rantow, der ein ganz vortrefflicher Cavalier ist,
und der ganz genau weiss, was in der grossen Welt und in der feinsten
Gesellschaft sich schickt und passt--"

"Besser als andere Leute," fiel die Commerzienraethin ein, "welche sich
in die Gesellschaft eindraengen, und welche man nie haette aufnehmen
sollen--"

"Der Herr von Rantow," fuhr der Commerzienrath fort, indem er die Brust
hervorstreckte und versuchte, durch einen imponirenden Blick die
Zwischenreden seiner Frau abzuschneiden, "hat mir gesagt, wie leid es
ihm thaete, dass diese Scene stattgefunden habe,--er habe alles Moegliche
gethan, um sie zu vermeiden, und habe es schliesslich fuer das Beste
gehalten, auf den Scherz der aufgeregten Gesellschaft einzugehen, um so
schnell als moeglich von der ganzen Sache abzukommen. Er habe natuerlich
nicht im Entferntesten ahnen koennen, dass der Herr von Buechenfeld in so
unglaublicher Weise den Namen einer Dame unter solchen Umgebungen und
solchen Verhaeltnissen nennen wuerde. Nachdem das vorgefallen, hat er mir
gesagt," fuhr der Commerzienrath mit etwas gedaempfter Stimme fort,
"werde ihm Nichts uebrig bleiben koennen, als fuer die Ehre der Dame, die
in seiner Gegenwart und in Beziehungen auf ihn so unerhoert beleidigt
sei, persoenlich einzutreten."

Die Commerzienraethin lehnte sich steif zurueck, indem ein befriedigtes
Laecheln auf ihrem Gesicht erschien.

Anna richtete flammenden Blickes den Kopf empor.

"Warum bedarf es eines fremden Armes, um uns zu vertheidigen,--oh," fuhr
sie fort, indem ihre Lippen bebten und ihre Haende sich krampfhaft
verschlangen, "warum ist man wehrlos gegen solche Niedrigkeit und
Erbaermlichkeit?"

"Du bist nicht wehrlos, mein Kind," sagte der Commerzienrath, indem er
zu ihr herantrat und ihr leicht mit der Hand ueber den Kopf strich, "der
junge Herr von Rantow wird morgen schon, wenn dieser Lieutenant von
Buechenfeld wieder fuer vernuenftige Worte zugaenglich ist, ihn zu einer
oeffentlichen und bestimmten Ehrenerklaerung auffordern, und, wenn er sich
weigert, so wird er ihn zwingen," sagte er mit stolzem und wichtigem
Ausdruck, "ihm mit den Waffen in der Hand Rechenschaft zu geben."

"Damit er womoeglich noch verwundet oder erschossen wird," rief Fraeulein
Anna, veraechtlich die Achseln zuckend, "und ich noch mehr der Gegenstand
des oeffentlichen Gespraeches und des oeffentlichen Spottes werde."

"Des Spottes niemals, mein Kind," sagte die Commerzienraethin mit einem
ruhigen kalten Ton, "wenn ein Cavalier wie Herr von Rantow zu Deiner
Vertheidigung auftritt, so wird es Niemand wagen, Dich zu verspotten."

"Nun," rief Anna, "mag es sein, wie es will, ich bin Herrn von Rantow
dankbar, dass er mich in Schutz nimmt gegen diese elende, niedrige
Beleidigung, ich bin, weiss Gott, unschuldig an dem, was daraus entstehen
kann."

"Herr von Rantow hat sich benommen als ein ganz vortrefflicher junger
Mann von der besten Erziehung und dem feinsten Gefuehl. Er hat mir weiter
gesagt, dass es fuer eine junge Dame immer peinlich sei und unangenehm,
wenn zwei Herren ihretwegen eine Ehrensache miteinander haetten, und wenn
sie namentlich von Jemand vertheidigt werden muesste, der in keinen
weiteren Beziehungen zu ihr staende--das braechte sie immer in eine
schiefe Stellung dem Publikum gegenueber und gebe Anlass zu allen
moeglichen Voraussetzungen und Gespraechen. Er habe nun,--hat er mir
weiter gesagt,--schon seit laengerer Zeit den Wunsch in sich getragen, in
naehere Beziehung mit meiner Familie zu treten, nachdem sein Vater mit
mir so nahe geschaeftliche Verbindungen eingegangen sei und unsere
Interessen auf Jahre hinaus sich verbunden haetten. Er habe Dir, mein
Kind, aber erst Gelegenheit geben wollen, ihn genauer kennen zu lernen,
bevor er es habe wagen wollen, bei mir um Deine Hand anzuhalten. Dieses
zufaellige und ploetzliche, so unangenehme Ereigniss aber mache ihm den
Muth und lege ihm fast die Pflicht auf, jetzt mit seinen Wuenschen
hervorzutreten. Man werde ueber die Sache viel sprechen und wenn er zu
einem Rencontre mit Herrn von Buechenfeld gezwungen werden sollte, so
werde die Welt seinen Namen ohnehin mit dem Deinigen in Verbindung
bringen. Wenn Du deshalb nach Deiner kurzen Bekanntschaft mit ihm Dich
entschliessen koenntest, ihm Dein Leben und Deine Zukunft anzuvertrauen,
so glaubt er, dass Alles sich besser gestalten und allen peinlichen
Eroerterungen die Spitze abgebrochen werden koenne, da er dann auch
vollkommen berufen und berechtigt sei, fuer Dich gegen Deinen Beleidiger
aufzutreten."

"Der junge Mann," sagte die Commerzienraethin, "hat wirklich ein feines
und richtiges Gefuehl, und ich theile ganz seine Ansicht, dass unter
diesen Verhaeltnissen eine schnelle Erledigung einer Sache, die uns ja
nicht ganz unerwartet kommt, am besten sei."

"Das ist ja ganz wie in alten Ritterromanen," sagte Anna mit
schneidendem Hohn, "der Baron von Rantow will sich seine Dame mit dem
Degen in der Hand erobern--aber" fuhr sie fort "das ist doch wenigstens
ritterlicher Sinn, wenigstens ist es wahrlich besser, als auf so plumpe
Weise ein wehrloses Maedchen zu beleidigen. Wenn Herr von Rantow diesen
Preis fuer seine Vertheidigung verlangt,--so soll er ihn haben--er ist ja
eine vortreffliche Partie" fuhr sie bitter fort, "und ich muss ja
gluecklich sein, dass ich aus dieser ganzen traurigen Geschichte noch mit
einem so guten Abschluss davon komme. Sage dem Baron," sprach sie in
kaltem Ton zu ihrem Vater gewendet, "dass ich seine Bewerbung annehme,
da er so muthig und selbstverleugnend meine Vertheidigung uebernommen
hat."

Mit befriedigtem Ausdruck neigte die Commerzienraethin den Kopf.

Herr Cohnheim eilte auf seine Tochter zu und kuesste sie zaertlich auf die
Stirn. Anna stand auf.

"Doch muss ich," sprach sie, "bitten, dass er mich einige Tage von seinen
Besuchen dispensirt. Diese ganze Sache hat mich natuerlich angegriffen
und aufgeregt, und ich wuensche, mich zu sammeln. Auch bin ich nicht im
Stande ihn zu sehen, bevor diese Angelegenheit mit Herrn von
Buechenfeld"--sie sprach diesen Namen mit unendlicher Verachtung
aus--"geordnet ist, ich kann doch unmoeglich meinen kuenftigen Gemahl
selbst in den Kampf mit seinem Gegner schicken."

Ohne eine Antwort abzuwarten, verliess sie schnell das Zimmer.

"Ich bin sehr erfreut," sagte die Commerzienraethin, "dass diese so
aeusserst unangenehme Sache doch einen so befriedigenden Ausgang nimmt.
Ich fuerchtete schon, dass die romantischen Grillen, zu welchen Anna so
viel Neigung zeigt, unsern Plaenen Schwierigkeiten entgegenstellen
wuerden. So wird sich ja aber Alles ganz vortrefflich ordnen, und wenn
sie, wie ich einen Augenblick besorgte, eine thoerichte Neigung fuer
diesen jungen unbedeutenden Officier gehabt haben sollte, so ist ja
jetzt Alles auf's Beste geordnet. Hoffentlich wird auch die Affaire
keine ernsten Folgen haben," fuegte sie nachlaessig hinzu.

"So etwas kommt ja so oft zwischen diesen jungen Herren vor," sagte der
Commerzienrath, "und wie selten hoert man, dass es wirklich
lebensgefaehrlich wird. Es laesst sich ja auch jetzt gar nicht aendern, und
wir muessen das Beste hoffen. Ich glaube uebrigens nicht," fuegte er hinzu,
"dass dieser junge Buechenfeld es wirklich zum Aeussersten kommen lassen
wird. Die anderen Officiere schienen mir ebenfalls durch sein Betragen
sehr unangenehm beruehrt, ich glaube, dass die Sache mit einer
Ehrenerklaerung erledigt werden wird--der alte Herr von Rantow ist, so
viel ich weiss, ein Freund von dem Vater des Lieutenants und wird
ebenfalls darauf hinwirken koennen. Damit ist ja denn Alles gut, und alle
boshaften Gespraeche ueber uns und unsere Tochter, welche dieser Vorfall
hervorrufen wird, werden auf der Stelle niederschlagen, wenn wir ihre
Verlobung mit Herrn von Rantow sogleich proclamiren."

Er setzte sich behaglich in seinen Lehnstuhl und nahm eine Tasse Thee.

Noch lange sass das Ehepaar beisammen, Plaene fuer die Zukunft
besprechend, welche sich durch die Verbindung mit dem vornehmen Hause so
glaenzend gestalten wuerden.

Fraeulein Anna war ruhig und gefasst in ihr Zimmer gegangen, als sie die
Thuer hinter sich geschlossen, sank sie wie gebrochen in sich
zusammen,--lange stand sie schweigend, die Haende in einander gefaltet,
die Blicke starr auf den Boden geheftet.

"Wie schnell," sprach sie mit dumpfer Stimme, "sind die Traeume
verflogen, die mich hier gestern noch so suess umgaukelten, wie schnell
sind all die Liebesbluethen meines Herzens geknickt, aus denen ich einen
reichen Kranz fuer mein Leben zu winden hoffte."

Sie blickte um sich her, als ob ihr der gewohnte Raum, in dem sie sich
befand, fremd sei, als ob sie ihre Gedanken sammeln muesse, um sich klar
zu werden, wo sie sich befaende, und was mit ihr vorgegangen sei. Dann
zuckte wieder gluehender Zorn ueber ihr Gesicht.

"Oh, dass es so enden muss! Haette ich ihn verloren, haette sich selbst
seine Liebe von mir abgewendet, es waere ein edler Schmerz gewesen, ein
Schmerz, der die Seele haette beugen, aber nicht erniedrigen koennen. Aber
das Bewusstsein, dass ich das edelste und reinste Gefuehl meines Herzens
unwuerdig weggeworfen habe, dass ich der Gegenstand des Spottes, des
Hohnes, der Verachtung habe sein koennen,--und warum?"--rief sie, die
Haende ringend,--"weil ich einen Schritt gethan habe, der nicht
gewoehnlich ist, weil ich mich vor seinem Stolz habe demuethigen wollen,
weil ich geglaubt habe, dass er einen solchen Schritt verstehen und
wuerdigen koenne. Oh, das ist hart, sehr hart! Ich kann alle meine
Hoffnungen auf Lebensglueck vergessen, ich werde es zu tragen wissen, wie
so viele Frauen eine glaenzende Existenz fuehren, beneidet von der Menge,
aber kalt und oede in ihrem Innern. Aber das werde ich nie ueberwinden,
dass meine Liebe verachtet, verhoehnt und mit Fuessen getreten ist, dass Der,
dem ich den letzten Tropfen meines Blutes haette opfern moegen, mich
oeffentlich hat beleidigen koennen zum Ergoetzen seiner Kameraden in ihrer
Weinlaune."

Mit einer raschen Bewegung trat sie an einen kleinen Tisch von antik
geschnitztem Eichenholz und oeffnete mit einem zierlichen goldenen
Schluessel, den sie an ihrer venetianischen Uhrkette trug, eine mit
Elfenbein und Gold incrustrirte Cassette.

"Da liegen die Reliquien meiner Traeume," sprach sie mit dumpfem
traurigem Ton, aus ihren grossem brennenden Augen fiel eine Thraene auf
den Inhalt des kleinen Kaestchens.

"Hier ist das erste Bouquet, das er mir gegeben," sagte sie leise, indem
sie einen kleinen vertrockneten Blumenstrauss emporhob, "vertrocknet wie
diese Blumen sind meine Gefuehle, welche gestern noch so schoen und
hoffnungsreich erbluehten,--wie oft haben meine Lippen auf diesen Blumen
geruht! Vorbei! Vorbei!"

Und wie vor der Beruehrung des kleinen Bouquets zurueckschaudernd, warf
sie dasselbe mit einer raschen Wendung in den Kamin, dessen Feuer
langsam in Kohlengluth zusammenzusinken begann. Die trockenen Blumen
flammten hoch auf und blieben dann als ein Haeuflein dunkler Asche auf
den gluehenden Kohlen liegen.

Sie presste die Haende auf ihr Herz und sah starr diesem Zerstoerungswerk
zu. Dann nahm sie den ganzen uebrigen Inhalt der Cassette, ebenfalls
kleine Bouquets, mehr oder weniger verwelkt, verschiedene andere
Cotillongeschenke und warf Alles in die Gluth, welche einen Augenblick
aufflackernd, mit hellem Schein das Zimmer erhellte.

"Die Vergangenheit ist vorbei," sagte sie schmerzlich, "meine Zukunft
wird wie diese Kohlen mehr und mehr Licht und Waerme verlieren, bis
endlich Alles in todte Asche zusammensinkt. Oh, koennte ich mein Herz
ebenfalls zu Asche werden lassen! Aber wenn auch seine Liebe gestorben
ist, fuer das Leiden wird es immer noch Gefuehle der Empfindung behalten."

Sie sank auf ihren Divan nieder, drueckte den Kopf in die Haende, und ihr
starrer Jammer loeste sich in einem Strom wohltaetiger Thraenen.--

--Auch der Lieutenant von Buechenfeld hatte fast in starrer
Bewusstlosigkeit die Nacht zugebracht. Seine heftige, innere Erregung,
die unnatuerliche Spannung aller seiner Gefuehle, und die Wirkung des
schweren Weines hatten ihn bis zum Morgen in einem Zustand gehalten,
welcher weder Schlaf noch Wachen war, und in welchem die Bilder der
Erinnerungen wild durch einander wogten, ohne sich selbst auch nur in
den unklaren Gestalten des Traumes festhalten zu lassen.

Langsam erwachte er aus diesem lethargischen Zustande am andern Morgen,
und allmaelig begann es ihm mehr und mehr klar zu werden, was am Tage
vorher mit ihm vorgegangen. Das erste Gefuehl, dessen er sich vollkommen
bewusst wurde, war ein tiefer, bitterer Schmerz ueber die Taeuschung seiner
Liebe, welche trotz seines lange gefassten Entschlusses gestern bei der
Botschaft seiner Geliebten wieder einen Augenblick mit frischen
Hoffnungen sich bekraenzt hatte.

"Warum hat sie mir nicht gleich Alles geschrieben," fluesterte er, ohne
von seinem Lager sich zu erheben--"oder warum ist sie nicht allein
gekommen, warum hat sie mir in Gegenwart des Mannes, dem sie das
Andenken an mich geopfert, den Abschied geben wollen? Sollte das eine
absichtliche Kraenkung, ein absichtlicher Hohn sein, oder bin ich ihr so
gleichgueltig gewesen, dass sie nach der Kaelte ihrer Gefuehle die meinigen
bemessen hat?"

Lange lag er schweigend da unter dem Eindruck dieses schmerzlichen
Gedankens, dann tauchte die Erinnerung der weiteren Ereignisse des Tages
deutlicher in ihm auf. Er entsann sich des Spiels, das er gemacht, er
entsann sich, dass er den Namen des Fraeulein Cohnheim laut und mit
bitteren Bemerkungen genannt habe. Ein Gefuehl der Scham und Reue ueberkam
ihn.

"Das war nicht wuerdig, nicht maennlich, nicht edel!" rief er, indem er
sich auf sein Lager aufsetzte und mit beiden Haenden seinen schmerzenden
Kopf hielt. "Das haette ich nicht thun muessen, ich haette in meiner
heftigen Erregung die Gesellschaft fliehen und Nichts trinken
duerfen.--Oh," rief er nach einer Pause, "welch' ein elendes,
jaemmerliches Ding ist diese so viel gepriesene Liebe! Erst laesst sie so
schwer und so bitter leiden, und dann treibt sie zu unwuerdigen, zu
niedrigen Handlungen. Oh, ich schwoere es," rief er die Hand erhebend,
"ich schwoere, dass ich dieses Gefuehl fliehen will wie die Suende, und dass
nie wieder das Bild eines Weibes mein Herz erfuellen soll! Ich will frei
sein, stark und ruhig und meiner wuerdig bleiben!"

Der alte Diener trat ein und meldete, dass das Fruehstueck im Zimmer des
Oberstlieutenants bereit sei, zugleich zeigte er dem Lieutenant an, dass
zwei Officiere ihn zu sprechen wuenschten und ihn bei seinem Vater
erwarteten.

Der Lieutenant sprang empor, kuehlte seinen brennenden Kopf mit frischem
Wasser und machte in hastiger Eile seine Toilette.

Als er in das Zimmer seines Vaters trat, welcher ihn bereits voellig
angekleidet, frisch und munter erwartete, fand er dort die beiden
Officiere von den Dragonern und den Husaren, welche Zeugen des gestrigen
Abends gewesen waren, in ruhiger Unterhaltung mit dem alten Herrn
begriffen.

Beide Officiere traten dem Lieutenant nicht mit der sonst gewohnten
herzlichen Unbefangenheit und Vertraulichkeit entgegen, sondern
begruessten ihn mit einer gewissen kalten und gezwungenen Hoeflichkeit.

"Du hast lange geschlafen," sagte der Oberstlieutenant heiter, "es war
wohl eine scharfe Sitzung gestern Abend,--die Herren hier sind ja auch
dabei gewesen, aber das hat sie nicht verhindert, schon fruehe auf zu
sein. Das ist Recht, man muss sich niemals aus der Ordnung bringen
lassen, und fast muss ich mich meines Sohnes schaemen, dass er ein solcher
Weichling ist, der am andern Morgen noch spuert, wenn er am Abend vorher
ein paar Flaschen den Hals gebrochen. Habt Ihr etwa heute Morgen schon
wieder eine Partie vor?" fragte er, den Schnurrbart drehend, "damit
wuerde ich nicht einverstanden sein,--erst der Dienst und dann das
Vergnuegen."

Die beiden Officiere standen in einiger Verlegenheit schweigend da.

"Wir haben mit Dir zu sprechen," sagte der Dragoner mit einem
Seitenblick auf den alten Herrn, "und moechten es sogleich."

"Geniren Sie sich nicht vor mir," sagte der Oberstlieutenant mit heiterm
Laecheln, "ich bin nicht mehr im Dienst, ich bin ja nur ein alter
gutmuethiger Herr," fuegte er mit einem leichten Anflug von Wehmuth hinzu,
"der auch jung war und weiss, was man in der Jugend treibt."

"Wir moechten aber," sagte der Husarenofficier--"Dich einen Augenblick
allein sprechen. Es handelt sich um eine Ehrensache," fuegte er mit
gedaempftem Ton hinzu, doch nicht so leise, dass es der Oberstlieutenant
nicht verstanden.

Der alte Herr wurde ernst, warf einen forschenden Blick auf seinen Sohn
und die beiden Officiere und sagte dann:

"Ich lasse Dich mit den Herren einen Augenblick allein."

"Halt, lieber Vater," rief der Lieutenant von Buechenfeld, "ich bitte
Dich, zu bleiben. Ihr erlaubt," sagte er, "dass ich Euch bitte, vor
meinem Vater zu sprechen. Er ist Officier wie wir, und ich weiss kein
kompetenteres Urtheil in allen Ehrensachen, als das seinige. Er wird es
mir nicht abschlagen, vorlaeufig mein Zeuge zu sein und sein Urtheil
darueber abzugeben, was ich zu thun habe."

Die beiden Officiere gruessten den Oberstlieutenant militairisch.

"Es wird uns eine grosse Ehre sein," sagte der Husar, "wenn der Herr
Oberstlieutenant als Dein Zeuge unsere Erklaerung mit anhoeren will."

Der alte Herr bat die Officiere mit einer stummen Handbewegung Platz zu
nehmen und setzte sich dann grade und aufrecht neben seinen Sohn.

"Ich bitte Sie also, meine Herren," sagte er mit ernster, fast
feierlicher Stimme, "zu sagen, um was es sich handelt."

Der Dragonerofficier erzaehlte mit kurzen Worten den Vorgang, welcher am
Abend vorher in dem Restaurationslokal von Borchard stattgefunden hatte.

Schweigend hoerte der Oberstlieutenant zu, finstere Falten legten sich
auf seine Stirn.

"Hat sich der Fall so zugetragen, wie die Herren erzaehlen? Erinnerst Du
Dich, gethan und gesprochen zu haben, was sie so eben mittheilen?"

"Ja," sagte der Lieutenant.

Sein Vater schuettelte langsam den Kopf.

"Der Referendarius von Rantow", fuhr der Dragonerofficier zu dem
Lieutenant von Buechenfeld gewendet fort, "hat uns als Augenzeugen des
Vorfalls aufgetragen, von Dir eine buendige Ehrenerklaerung zu
verlangen."--

Eine dunkle Roethe flammte auf dem Gesicht des Lieutenants auf, sein Auge
blickte stolz zu seinen Kameraden hinueber, seine Lippen zuckten
hoehnisch.--"Oder wenn Du dieselbe verweigerst,"--sprach der
Dragoneroffizier weiter,--"Dir seine Forderung auf fuenf Schritt Barriere
mit gezogenen Pistolen zu ueberbringen."

"Angenommen," sagte der Lieutenant, "ich werde in einer Stunde meine
Secundanten zu Euch senden."

Die Officiere erhoben sich und wollten gruessend das Zimmer verlassen. Der
Oberstlieutenant trat ihnen in den Weg.

"Ich bitte Sie, einen Augenblick zu bleiben, meine Herren," sagte er.
"Mein Sohn hat gewuenscht, dass ich sein vorlaeufiger Zeuge in dieser Sache
sei, und Sie haben mich als solchen angenommen. Nicht nur in dieser
Eigenschaft, sondern auch als sein Vater muss ich darauf sehen, dass Alles
genau so zugehe, wie es seine Ehre als Officier und als Traeger meines
Namens erfordert. Sie erlauben daher, dass ich meine Meinung ausspreche."

Die beiden Herren verneigten sich schweigend.

Der Lieutenant sah seinen Vater etwas erstaunt und erwartungsvoll an.
Dieser richtete ernst und streng seinen Blick auf ihn und sprach: "Hat
die junge Dame, um welche es sich handelt, Dir jemals durch ihr Benehmen
gegen Dich irgend welche Veranlassung gegeben, in solchem Ton, wie Du es
gethan, von ihr zu sprechen? Bist Du berechtigt, ihr irgend einen
Vorwurf zu machen?"

Der Lieutenant wurde bleich, im heftigen inneren Kampf presste er die
Lippen aufeinander, sein Auge senkte sich zu Boden, einige Augenblicke
stand er schweigend, ein leises Beben erschuetterte seine Gestalt, dann
schlug er den Blick zu seinem Vater wieder auf, er schien seiner
kaempfenden Gefuehle Herr geworden zu sein und mit fester entschlossener
Stimme sagte er: "Nein, niemals!"

"Dann," sagte sein Vater, "ist es Deine Pflicht als Ehrenmann, die
Erklaerung zu geben, welche man von Dir verlangt, insofern die Ausdruecke
derselben Nichts gegen Deine eigene Ehre enthalten. Wenn Du," fuhr er
fort, "was ich tief beklage, Dich hast hinreissen lassen, eine Dame, der
Du keinen Vorwurf zu machen hast, oeffentlich zu beleidigen, so hast Du
nicht das Recht, ihrem Ruf durch den Eclat eines Duells noch mehr zu
nahe zu treten, Du hast nicht das Recht, Demjenigen das Leben zu nehmen,
der berechtigt ist oder sich verpflichtet fuehlt, als der Vertheidiger
jener Dame aufzutreten."

"Herr von Rantow ist der Verlobte des Fraeulein Cohnheim," sagte der
Dragonerofficier, "also ihr natuerlicher und berufener Vertheidiger."

"Um so weniger," sagte der alte Herr, waehrend der Lieutenant abermals
tief erbleichend die Hand einen Augenblick auf sein Herz drueckte, "darf
diese Sache ernste und gefaehrliche Folgen haben. Haette die Dame Dir
jemals einen Grund zu Deinen Aeusserungen gegeben, so waerst Du berechtigt,
die Waffen zu ergreifen gegen Denjenigen, der von Dir Rechenschaft
darueber fordert--so aber darfst Du es nicht, Du bist verpflichtet, durch
Deine eigene Erklaerung die Beleidigung zurueckzunehmen--um so mehr,"
sagte er mit ernstem Blick auf seinen Sohn, "da man eigentlich niemals
das Recht hat, eine Dame zu beleidigen. Du bist frei," fuhr er fort, "Du
bist erwachsen, Du bist Officier, Du wirst thun, was Du verantworten
kannst. Ich aber sage Dir als Dein Vater, als Edelmann und Officier, der
stets auf das schaerfste die feinsten Grenzen der Ehre beobachtet hat,
dass Du nach meiner innigsten Ueberzeugung verpflichtet bist, die
verlangte Ehrenerklaerung zu geben."

"Wir haben dieselbe aufgeschrieben," sagte der Dragoner, indem er ein
Blatt Papier aus der Uniform hervorzog und es dem Lieutenant uebergab.

Dieser reichte es schweigend, ohne einen Blick darauf zu werfen, seinem
Vater.

Der Oberstlieutenant ueberlas das Blatt langsam und sorgfaeltig mehrere
Male; dann reichte er es seinem Sohn zurueck.

"Diese Erklaerung ist in wuerdiger Form abgefasst," sagte er, "sie enthaelt
nur dasselbe Anerkenntniss, das Du so eben vor mir und vor diesen Herren
ausgesprochen hast und spricht das Bedauern aus, dass Du in der Erregung
in einer bewegten Gesellschaft Dich zu Deinen Aeusserungen hast hinreissen
lassen. Du kannst dieselbe unterzeichnen,--nach meiner Ueberzeugung musst
Du sie unterzeichnen. Ich hoffe, dass die beiden Herren meiner Meinung
sein werden."

"Es ist eigentlich nicht unsere Sache," erwiderte der Dragonerofficier,
"hier eine solche Meinung auszusprechen oder zu discutiren, indessen
nehme ich in diesem besonderen Fall keinen Anstand, es auszusprechen,
dass nach meiner Ueberzeugung durch die Unterzeichnung dieser Erklaerung
die Sache auf eine fuer alle Theile befriedigende und ehrenvolle Weise
beigelegt sein wird."

Der Husarenofficier stimmte der Ansicht seines Kameraden bei.

"Ich werde unterzeichnen," sagte der Lieutenant von Buechenfeld, nahm das
Papier und begab sich in sein Zimmer.

"Ob ich ihr einen Vorwurf zu machen habe," fluesterte er vor sich hin,
waehrend er sich an seinen Schreibtisch setzte und die Feder
eintauchte,--"oh, wenn er wuesste,"--ein schneller zorniger Blick
leuchtete in seinem Auge auf, rasch oeffnete er das Schubfach des Tisches
und zog aus demselben das kleine Blatt hervor, welches er am Tage vorher
von Fraeulein Anna erhalten hatte.

Mit einem raschen Zuge setzte er seinen Namen unter die Ehrenerklaerung,
faltete dieselbe zusammen, legte das Billet dazu und erhob sich, in das
Zimmer seines Vaters zurueckkehrend.

"Nein," sagte er dann, indem er ploetzlich sinnend stehen blieb--"das
waere unedel,--mag sie ruhig ihrer Wege gehen, sie ist todt fuer mich,
meine Augen werden sie nie wieder sehen, und mein Herz wird das Leid
vergessen, das sie mir angethan."

Er nahm das kleine Billet, riss es in tausend kleine Stuecke und streute
dieselben in die Luft, dann kehrte er ruhigen festen Schrittes in das
Zimmer seines Vaters zurueck und uebergab das Papier den beiden
Officieren.

"Gott sei Dank," sagte der Dragoner, indem er dem Lieutenant von
Buechenfeld herzlich die Hand schuettelte, "dass die Sache so gut zu Ende
gefuehrt ist. Ich habe sonst Nichts gegen einen kleinen Kugelwechsel,
wenn ein vernuenftiger Grund dazu vorhanden ist, aber in diesem Falle
haette es mir doch wahrhaftig wehe gethan, wenn wegen dieser Geschichte,
zu der wir halb und halb Veranlassung gegeben haben, Blut haette fliessen
sollen."

Die beiden Officiere gruessten ehrerbietig den Oberstlieutenant und
entfernten sich augenscheinlich leichtern und froehlichern Herzens, als
sie gekommen waren.

"Ich bin nicht mit Dir zufrieden mein Sohn," sagte der Oberstlieutenant
in ernstem, aber mehr traurigem, als strengem Ton, "Du hast Dich
hinreissen lassen, Etwas zu thun, was ein wahrer Edelmann niemals thun
soll."

Der Lieutenant warf sich im Ausdruck eines lang unterdrueckten Gefuehls in
die Arme seines Vaters.

"Verzeihe mir, mein Vater," sagte er mit erstickter Stimme, "verzeihe
mir, ich habe Unrecht gehabt, aber ich habe es auch hart gebuesst."

Der alte Herr schuettelte verwundert den Kopf.

"Nun, nun," sagte er, "Jeder macht einmal einen dummen Streich, nimm
Dich kuenftig mehr in Acht und thu so Etwas nicht wieder."

"Da ist Etwas nicht klar, die Sache ist nicht in Ordnung," sprach er
dann leise vor sich hin, indem er von einem Seitentisch eine frisch
gestopfte Pfeife nahm und dieselbe anzuendete. "Ich fuerchte, ich bin in
Gefahr gewesen, Etwas zu erleben, was ich neulich bei meinem Freunde
Rantow so scharf getadelt habe. Vielleicht muss ich Gott danken, dass die
Sache so gekommen ist."

Er setzte sich an den Fruehstueckstisch und schenkte den duftenden Kaffee
aus der spiegelblank geputzten messingenen Sturzmaschine in seine grosse
Mundtasse.




Sechstes Capitel.


In der Zwischenzeit, waehrend der Berathungen ueber zwei verschiedene
Gegenstaende in dem franzoesischen Gesetzgebenden Koerper, war die Salle
des Pas perdus in dem Gebaeude des Corps legislativ, woselbst sich die
Deputirten zu begegnen und in Privatgespraechen miteinander zu
verstaendigen pflegten, mit zahlreichen lebhaft sich unterhaltenden
Gruppen angefuellt.

So eben war die Nachricht verbreitet worden, dass das Plebiscit eine
beschlossene Sache sei, und dass die liberalen Minister Chevandier de
Valdrome, der Graf Daru, der Finanzminister Buffet und der Marquis von
Talhouet ihre Entlassung gegeben haetten.

Allgemein war die Bewegung und mit der lauten Lebhaftigkeit, welche dem
franzoesischen Charakter eigenthuemlich ist, aeusserten die Deputirten ihre
Meinungen ueber dieses Ereigniss, welches die seit einiger Zeit von dem
Kaiser eingeschlagene Richtung des oeffentlichen Lebens wieder
vollstaendig veraenderte.

In der Mitte einer Gruppe stand der Graf von Keratry, eine schlanke
Gestalt mit einem charakteristischen Kopf, dessen unruhig umher
blickende Augen einen beweglichen feurigen, aber nicht sehr geordneten
Geist verriethen.

"Es ist Alles bereits vorbereitet," sagte er, "so eben habe ich
erfahren, dass den Praefecten befohlen worden ist, ihre ganze Thaetigkeit
auf die Vorbereitungen fuer das Plebiscit zu richten, und dass sie
zugleich ermaechtigt sind, den Gemeinden zu erklaeren, dass die
Executivgewalt die Maires kuenftig stets den Vorschlaegen der
Gemeinderaethe entsprechend auswaehlen werde."

"Das ist unerhoert," rief der Deputirte Picard, ein Mann mit einem
blassen, scharfen und ein wenig verbissenem Gesicht, "das ist eine
vollstaendige Corruption des oeffentlichen Votums. Will man eine
Volksabstimmung, so soll man wenigstens sie frei sich vollziehen lassen.
Auf diese Weise aber wird die Sache eine reine Comoedie. Wenn die
Praefecten mit der ganzen Autoritaet ihrer Stellung in die Sache
eingreifen, wenn man den Gemeinden zugleich Versprechungen macht, von
denen man," fuegte er hoehnisch hinzu, "gewiss nicht die Absicht hat, sie
je zu erfuellen, so macht man sich einer moralischen Bestechung schuldig.
Man wird die oeffentliche Meinung Frankreichs vor den Augen von ganz
Europa faelschen, um sich dann auf diese oeffentliche Meinung stuetzen zu
koennen, wenn man beginnen wird, die abenteuerlichsten Massregeln des
Absolutismus durchzufuehren."

Jules Favre trat hinzu, seine grosse volle Gestalt hatte eine etwas
schwerfaellige Haltung, und seine Bewegungen zeigten ein wenig jene
stereotype theatralische Wuerde, welche die Advokaten vor den
Gerichtshoefen anzunehmen pflegen, wenn sie mit dem Aplomb tiefer
Ueberzeugung durch den persoenlichen Eindruck das Gewicht ihrer Gruende zu
verstaerken trachten. Sein starkes Gesicht mit den regelmaessigen,
angenehmen Zuegen, den grossen, geistvollen und klar blickenden Augen, dem
langen, ueberhaengenden zurueckgestrichenen Haar und vollen Bart, der sich
an einzelnen Stellen fast weiss faerbte, zeigte ein gewisses
selbstzufriedenes ueberlegenes Laecheln, und mit seiner vollen und tiefen
Stimme sprach er:

"Wir muessen uns organisiren, meine Herren, wir muessen unsererseits
Comites bilden, welche dafuer wirken, dass dem ganzen Volk klar gemacht
werde, wie die freiheitliche Entwickelung nur gesichert werden koenne,
wenn man sich massenhaft von der Theilnahme am Plebiscit enthaelt--, wenn
wir es erreichen koennen, die abgegebenen Stimmen auf ein Minimum zu
reduciren, so wird der moralische Eindruck der Volksabstimmung
vollstaendig verschwinden, der sonst nicht nur im Auslande, sondern auch
in Frankreich selbst zu einer bedeutenden Verstaerkung der moralischen
Macht des Kaiserreiches beitragen muss. Lassen Sie uns heute
zusammentreten und an die Bildung dieses Comites denken."

"Das ist sehr gut," rief Herr Picard, "allein wie sollen wir, die wir
doch erst einen Organismus schaffen muessen und nur langsam vorgehen
koennen, die wir allen Hemmungen und Hindernissen ausgesetzt sind, welche
die Macht uns bereiten wird, wie sollen wir dem concentrirten und wohl
geleiteten Einfluss der Praefecten gegenueber etwas ausrichten?"

"Nein," rief der Graf von Keratry, "wir muessen laut unsere Stimmen
erheben, um gegen diese ungesetzliche Einwirkung der Regierungsautoritaet
auf die freie Abstimmung des Volkes zu protestiren. Das scheint mir
sicherer, als in die Wahlagitation einzutreten, bei welcher wir zu spaet
kommen muessten. Koennen wir nachweisen, dass die Abstimmungen durch die
Praefecten gemacht sind, so wird das Plebiscit ebenfalls seine Bedeutung
vor der liberalen oeffentlichen Meinung Europas vollstaendig verlieren."

"Es giebt noch ein Mittel," sagte Herr Barthelemy St. Hilaire, ein
schlanker Mann von elegantem Aeussern, dessen Mienen und Haltung ein wenig
an den gelehrten Professor erinnerten, "wir muessen darauf dringen, dass
das Plebiscit nur einen Tag dauert, das wird eine grosse
Massenbetheiligung unmoeglich machen. Ich werde einen solchen Antrag
stellen, und bitte Sie, meine Herren, ihn zu unterstuetzen."

Der Advokat Gambetta, eine kleine schmaechtige Gestalt, mit leicht
gekruemmten Schultern, wenig elegant, fast ein wenig unsauber in seiner
Erscheinung, hatte schweigend die verschiedenen Aeusserungen mit angehoert.

Er stand da, das ausdrucksvolle, haessliche Gesicht mit dem schlecht
gepflegten Haar und Bart, mit dem kalt und hoehnisch laechelnden Munde,
leicht auf die Seite geneigt, sein sehendes Auge richtete sich mit einem
duestern, fast unheimlich drohenden Ausdruck auf eine Gruppe von Herren,
welche in der Naehe standen, waehrend das andere des Lichts beraubte Auge
unter dem herabhaengenden Lide verborgen war.

"Dort steht ja," sagte er mit einer rauhen, etwas schwerfaellig
klingenden Stimme, "der grosse Regenerator des Kaiserreichs, unser alter
Freund Ollivier, dem es so leicht wird, taeglich eine andere Gestalt
anzunehmen, und neben ihm Herr Chevandier de Valdrome. Fragen wir ein
wenig diese Herren, es wird immerhin gut sein, wenn wir uns vorher etwas
orientiren, um genau zu wissen, was wir bei den oeffentlichen Debatten zu
thun haben."

Er naeherte sich den Ministern und begruesste sie mit einer artigen, aber
ein wenig linkischen Verbeugung, die uebrigen folgten ihm und umgaben die
beiden Minister, um welche sich sehr bald noch mehrere der im Saale
anwesenden Deputirten gruppirten.

"Es scheint, dass das Plebiscit beschlossen ist," sagte Herr Gambetta zu
Ollivier gewendet, der in etwas gezierter, an die gesuchte saubere
Einfachheit Robespierres erinnernder Haltung da stand, und dessen
eigenthuemlich geformtes Gesicht, mit der schmalen Stirn, den stark
schielenden von einer feinen Brille beschatteten Augen und dem grossen,
ueber dem zurueckstehenden Kinn stark hervortretenden Munde, in lebhafter
Bewegung zitterte.

"Ich habe keinen Grund," erwiderte der Grosssiegelbewahrer des
Kaiserreiches, indem er die Begruessung des Herrn Gambetta mit kalter,
abwehrender Hoeflichkeit erwiderte, "mich nicht ueber die Situation
auszusprechen. Ja, meine Herren," fuhr er fort, "das Plebiscit ist
beschlossen, und ich begreife nicht, wie Sie und Ihre Freunde," fuegte er
hinzu, indem sein unsicherer Blick leicht ueber die Gruppe hinglitt,
welche ihn umgab, "ich begreife nicht, wie Sie Alle gegen diesen
Gedanken sein koennen. Die unmittelbare Berufung des Volkes in wichtigen
Verfassungsangelegenheiten des Landes entspricht ja so vollkommen den
Grundsaetzen einer wahren und vernuenftigen Demokratie, zu welcher Sie
sich bekennen, welchen ich meinerseits stets treu geblieben bin, und
welchen auch diese neue Massregel einen verstaerkten Ausdruck geben wird."

Ein hoehnisches Laecheln umzuckte die Lippen Gambetta's.

"Darf ich Sie vielleicht fragen," fuhr er fort, "wie lange die
Volksabstimmung dauern soll und ob bei derselben das Vereinsrecht zur
Ausuebung kommen werde, welches der Bevoelkerung gestattet, sich vorher
ueber die der Frage gegenueber einzunehmende Haltung zu verstaendigen."

"Zweifellos," erwiderte Herr Ollivier, "werden oeffentliche
Versammlungen Statt finden duerfen, und das Volk wird von allen seinen
verfassungsmaessigen Rechten Gebrauch machen koennen--doch," fuhr er fort,
"liegt es in der Natur der Sache, dass solche Versammlungen, da es sich
ja hier nur um die ganz einfache Beantwortung einer einfachen Frage
handeln wird, nicht so lange werden dauern koennen, als dies zum Beispiel
bei den Wahlen zum Gesetzgebenden Koerper erlaubt ist. Jeder soll nach
seiner freien Ueberzeugung eine sehr klar gestellte Frage beantworten,
und dazu sind in der That keine langen Debatten und keine langen
Vorbereitungen erforderlich."

"Aber die Regierung, meine Herren," rief der Graf Keratry in heftigem
und gereiztem Ton, "haelt es nicht fuer unnuetz, solche Vorbereitungen in
dem ausgedehntesten Masse zu treffen. So eben habe ich den Herren hier
mitgetheilt, dass ich erfahren, die Praefecten seien angewiesen, mit
aeusserster Energie das Plebiscit vorzubereiten und sogar den Gemeinden
Versprechungen in Betreff der Maires zu machen--es scheint also doch,
dass man es fuer wichtig haelt, die Autoritaet der Macht in die Wagschale zu
werfen, wenn die Mittheilungen," fuegte er hinzu, den scharfen
stechenden Blick auf Herrn Chevandier de Valdrome richtend, "die mir
gemacht, richtig sind."

Der Minister des Innern, ein vornehm aussehender, etwas gleichgueltig
blickender Mann von matten, nervoesen Gesichtszuegen, liess seinen Blick
von oben herab ueber den Grafen Keratry hingleiten, ein kaltes,
feindliches Laecheln spielte um seine Lippen und in kurzem, wenig
verbindlichem Ton erwiderte er:

"Ja, ich habe die Praefecten instruirt, wie ich das fuer mein Recht und
meine Pflicht halte, ich habe ihnen befohlen, die aeusserste Thaetigkeit zu
entwickeln, um die Enthaltung von der Abstimmung zu verhindern. Ich
trage die persoenliche Verantwortlichkeit fuer meine Anweisungen,--welche
uebrigens ganz und gar Verwaltungsmassregeln sind."

"Ich begreife nicht," rief Picard, "wie der Herr Minister des Innern das
Plebiscit als die freie Abstimmung des Volkes ueber die wichtigsten
Fragen, die sein oeffentliches Leben betreffen, eine Verwaltungsmassregel
nennen kann. Wenn es jedoch nun," fuegte er mit ironischem Laecheln hinzu,
"eine Verwaltungsmassregel sein soll, so wuerde es fuer uns gewiss von
grossem Interesse sein, den Inhalt der Schreiben kennen zu lernen, welche
in dieser Beziehung an die Praefecten erlassen worden sind."

"Die innern Massregeln der Verwaltung," erwiderte Herr Chevandier de
Valdrome in kurzem Ton, "sind kein Gegenstand von Diskussionen mit der
Vertretung des Landes, sie sind ein ausschliessliches und unbestreitbares
Recht der Regierung."

Rasch fiel Herr Ollivier ein, indem er ein wenig die Hand erhob und
jenen etwas salbungsvollen Ton annahm, der seiner Rede auf der Tribuene
so oft die unmittelbare Wirksamkeit nahm:

"Und wenn Sie auch nicht das formelle Recht dazu haben, so will ich
Ihnen doch am wenigsten die moralische Berechtigung bestreiten, unsere
Anweisungen kennen zu lernen. Interpelliren Sie mich in der Sitzung, und
ich werde von der Tribune Ihnen unsere Instructionen mittheilen."

"Wenn der Herr Minister der Justiz statt meiner spricht," sagte Herr
Chevandier de Valdrome in trockenem Ton, indem er sich gegen seinen
Collegen verbeugte, "so habe ich ja nicht noethig, mich laenger an dieser
Unterhaltung zu betheiligen," und rasch sich abwendend, entfernte er
sich von der Gruppe.

"Ich habe keinen Grund," fuhr Herr Ollivier fort, "unsern Standpunkt und
unsere Massregeln zu verhuellen, wir haben den Praefecten einfach
geschrieben: "Sichern Sie die Freiheit der Abstimmungen, wenden Sie
weder Drohungen, noch Druck, noch Versprechungen an, vergessen Sie aber
nicht, dass Sie den Umtrieben der Wahlenthaltung gegenueber stehen und
wenden Sie die verzehrendste Thaetigkeit an, nur jeden Buerger zur
Abstimmung zu draengen."

"Nun wohl," rief Herr Picard lachend, "diese aufreibende Thaetigkeit und
dieses Draengen der Buerger zur Abstimmung sind die deutlichen Zeichen,
dass die so traurige Praxis der amtlichen Candidaturen auch in dieser
Frage eben so ruecksichtslos wie frueher geuebt werden soll. Die Enthaltung
von der Abstimmung ist ein unzweifelhaftes Recht eines jeden Buergers vor
allen Dingen dann, wenn doch Niemand im Stande ist, ohne Gefahr frei
seine Meinung zu aeussern; wenn Jedermann sich scheuen muss nein zu sagen,
so muss ihm wenigstens die Freiheit bleiben, nicht ja sagen zu duerfen.
Das Alles ist nichts als Possenspiel" fuegte er achselzuckend hinzu.

"Hier ist von keinem Possenspiel die Rede," rief Herr Ollivier in
lebhafter Erregung, "deutlich und unverhuellt wird die Frage an das Volk
gestellt werden. Die einzige Thaetigkeit der Regierung wird sich nur
darauf richten, Jeden dahin zu fuehren, dass er die deutlich gestellte
Frage eben so deutlich beantworte."

"Durch die Anweisung, deren Inhalt uns so eben im Allgemeinen
mitgetheilt ist," sagte Herr Jules Favres ruhig und langsam, "ist das
Cabinet seinem liberalen Programm untreu geworden--das Misstrauen ist
also wohl berechtigt. Moegen die Herrn Minister," sagte er mit einer
leichten Verbeugung gegen Ollivier, "es auch ehrlich meinen, die andern
Beamten werden dennoch die Abstimmungen faelschen."

"Das wird Niemand wagen," rief Herr Ollivier heftig erregt, "die
Minister koennen wohl das Vertrauen verlangen, dass sie den Massregeln, zu
denen sie sich ehrlich bekennen, auch von Seiten ihrer Untergebenen eine
ebenso ehrliche und rueckhaltslose Durchfuehrung zu sichern im Stande sein
werden. Uebrigens," fuhr er fort, "kommt das Cabinet und seine Existenz
bei der ganzen Sache garnicht in Frage. Es handelt sich einfach um eine
Sanctionirung der Verfassungsbestimmungen, welche die Minister mit den
Vertretern des Landes bereits gutgeheissen haben. Die Kammern selbst sind
also ebenso betheiligt, als das Ministerium."

"Das sind Wortklaubereien," rief Picard entruestet, "Regierung ist
Regierung, es ist traurig genug, dass man nicht im Stande ist, dem
Ministerium, das sich mit liberalen Reformen einfuehrte, dauerndes
Vertrauen zu schenken."

"Das thut mir sehr leid," rief Herr Ollivier zitternd vor zornigem
Eifer, "schenken Sie uns Ihr Vertrauen, schenken Sie es uns nicht, das
ist Ihre Sache--das kann uns nicht abhalten, unsre Pflicht zu thun,
seien Sie ueberzeugt, dass uns Ihre Meinung ganz gleichgueltig ist."

Ein dumpfes Murren liess sich unter der Gruppe vernehmen.

"Welch ein Ton der Conversation," rief Jules Favres, "man sollte doch
meinen, sich hier in der Gesellschaft von gebildeten Leuten zu
befinden."

"Der Herr Minister ist sich gewiss ueber die Bedeutung seiner Worte nicht
klar geworden," sagte Herr Picard kalt und hoehnisch, "die Sorgen fuer die
Verbreitung des Plebiscit haben, wie es scheint, seine sonst so eminente
Faehigkeit, die Redewendungen richtig abzuwaegen, gelaehmt."

Herr Ollivier schien selbst ein wenig bestuerzt ueber seinen heftigen
Ausbruch zu sein.

"Ich bin mir ueber meine Worte vollkommen klar," sagte er, "und habe mit
denselben," fuegte er sich leicht verneigend hinzu, "durchaus keine
persoenliche Verletzung beabsichtigt. Ich habe nur sagen wollen, dass
eine Regierung, welche sich vollkommen klar ist ueber das, was sie nach
reiflicher Ueberlegung fuer ihre Pflicht erkannt hat, sich nicht dadurch
irre machen lassen darf, ob ihre Beschluesse und Massnahmen bei der einen
oder bei der andern Partei beifaellige oder tadelnde Beurteilung finde;
und ich kann nur wiederholen, dass die Regierung es fuer ihre Pflicht
haelt, mit aller Energie gegen das System der Stimmenenthaltung
aufzutreten. Das Kaiserthum und der Kaiser stehen nicht in Frage," fuhr
er mit fester Stimme fort, "wie hier so eben bemerkt wurde, die Frage
ist nur die, ob es gut sei, das Kaiserthum der Autoritaet und des
persoenlichen Regiments in ein liberales Kaiserthum umzuwandeln; dass die
Feinde des Kaiserthums ueberhaupt das Letztere nicht wollen, begreife
ich," fuegte er mit scharfer Betonung hinzu, "ob sie aber damit dem
Vaterlande einen Dienst leisten, ob sie nicht ihre Parteiruecksichten
hoeher stellen, als das Wohl der Nation, das will ich, meine Herren,
ihrem eigenen Gewissen ueberlassen." Und mit einer kurzen Verneigung
wandte er sich ab und verliess das Zimmer.

Ein Theil der Abgeordneten kehrte in den Saal zurueck, wo man ueber
einzelne Paragraphen des neuen Pressgesetzes debattirte. Die Meisten
aber entzogen sich dieser Debatte, praeoccupirt wie sie durch die ganze
politische Situation waren, verliessen sie das Palais des Gesetzgebenden
Koerpers, um in Privatzusammenkuenften bei den Parteifuehrern sich ueber die
zu fassenden Entschliessungen zu berathen.

Herr Ollivier durchschritt langsam die Corridore und stieg vor dem
Palais in sein sehr einfaches und unscheinbares Coupe, indem er dem in
dunkle Livree gekleideten Kutscher zurief:

"Nach den Tuilerien."

Kurze Zeit darauf fuhr er in den innern Hof des alten Koenigspalastes
ein, er hielt vor dem grossen Eingang, ueber welchem das von Lanzen
getragene Zeltdach sich ausdehnte.

Er fand den Dienst thuenden Ordonnanzofficier im Vorzimmer; dieser
fuehrte ihn sogleich in das Cabinet des Kaisers ein.

Napoleon III war frischer als sonst, zwar hingen seine Zuege mit dem
Ausdruck des Leidens und koerperlicher Schmerzen schlaff herab, aber in
seinem Blick machte sich eine gewisse an die vergangenen Tage seiner
Jugend erinnernde Energie bemerkbar, als er mit seinem langsamen, etwas
unsicheren Gang dem Minister entgegentrat, welcher es uebernommen, das
Steuer des Staatsschiffes, welches so lange die feste Hand des Herrn
Rouher gefuehrt hatte, durch die bedenklichen Klippen verschiedener
Neuerungen zu fuehren.

"Ich habe gewuenscht, Sie noch vorher zu sprechen, mein lieber Herr
Ollivier," sagte der Kaiser, indem er mit verbindlichem Gruss dem
Grosssiegelbewahrer die Hand reichte, "bevor ich den gesammten
Ministerrath hoere, in welcher Weise die Ereignisse geleitet werden
muessen, damit wir das grosse Ziel erreichen, das oeffentliche Vertrauen in
die Regierung vollstaendig wieder herzustellen,--welches bereits so sehr
wieder gewachsen ist," fuegte er mit einer leichten Neigung des Kopfes
hinzu, "seitdem Sie mir mit Ihrem Rath zur Seite stehen."

"Das Vertrauen Eurer Majestaet macht mich sehr gluecklich," erwiderte
Herr Ollivier, indem er auf den vom Kaiser ihm bezeichneten Sessel
sich niederliess. "Wenn die oeffentliche Meinung mir mit einem
gewissen sympathischen Gefuehl entgegenkommt," fuhr er mit einem
selbstbefriedigten Laecheln fort, "so wird mir meine Aufgabe sehr
wesentlich durch die hochherzige Offenheit erleichtert, mit welcher Eure
Majestaet mich unterstuetzen."

Der Kaiser richtete einen eigentuemlichen Blick aus seinen schnell sich
entschleiernden und dann wieder in ausdruckslose Gleichgueltigkeit
zuruecksinkenden Augen, waehrend er mit der Hand ueber den Schnurrbart
streichend ein unwillkuerlich seine Lippen bewegendes Laecheln verbarg.

"Sie glauben also," sagte er dann, "dass das Plebiscit der Regierung
guenstig ausfallen werde?"

"Jedenfalls," erwiderte Herr Ollivier, "die Stimmung ist allgemein sehr
wenig befriedigt ueber das Verhalten der unversoehnlichen Opposition. Man
will Ruhe fuer die Geschaefte, man will Schutz gegen die herandraengende
sociale Bewegung, und man wird dem liberalen Kaiserreich um so mehr mit
begeisterter Waerme seine Stimme geben, als es die Freiheit mit der Kraft
und der Ordnung vereinigt. Die Opposition fuehlt dies, und ihr Bestreben
geht nicht mehr danach, ein negatives Votum der Volkscomitien zu
erreichen, sondern vielmehr eine massenhafte Stimmenenthaltung
durchzusetzen, ein Bestreben, in welchem sie durch die Indolenz der
Massen wesentlich unterstuetzt werden moechte.

"Eure Majestaet werden es gewiss billigen, dass wir auf die energischste
Weise den Praefecten aufgetragen haben, vor allen Dingen besonders in den
laendlichen Kreisen gegen die Enthaltung von der Abstimmung zu wirken."

"Gewiss, gewiss," sagte der Kaiser wie zerstreut, "man muss alle Mittel
anwenden, um diesen Herren von der Opposition zu zeigen, dass das Volk
von Frankreich sie verwirft und fest hinter mir steht,--doch," fuhr er
fort, "wie ist es mit Daru und Buffet? Bestehen sie darauf, dass die
Kammern zunaechst ueber das Plebiscit befragt werden und werden sie daraus
eine Cabinetsfrage machen?"

"Ich glaube, Sire," sagte Herr Ollivier, "dass meine beiden Kollegen sehr
geneigt sind, sich darueber zu verstaendigen; sie wollen gern ihre Kraefte
unter dem liberalen Kaiserreich und unter Eurer Majestaet erleuchteter
und ruhmvoller Fuehrung dem Wohle Frankreichs widmen. Indess halten sie es
fuer unmoeglich, so ganz und gar von dem Prinzip abzuweichen, das sie mit
voller Ueberzeugung vertreten. Es laesst sich vielleicht," fuhr er fort,
"ein Weg finden, um im Wesentlichen die Meinungen Eurer Majestaet
aufrecht zu erhalten, und dennoch die Minister, welche bei den
verschiedenen Parteien Vertrauen haben zu conserviren. Man koennte die
Absicht, ein Plebiscit vorzunehmen, ohne sich einem constitutionellen
Beschluss der Vertretung des Landes zu unterwerfen, dem Corps legislativ
einfach durch eine Botschaft mittheilen, worauf denn eine
Antwortsadresse erfolgen wuerde. Auf diese Weise liessen sich die
verschiedenen Standpunkte vielleicht vereinigen, und es ist allerdings
richtig, dass bei dem Plebiscit es von Wichtigkeit sein koennte, dem Volk
zu zeigen, dass die Regierung und die regelmaessige constitutionelle
Vertretung ueber den wichtigen Act in voller Uebereinstimmung sich
befinden."

Der Kaiser senkte den Kopf und strich mehrere Male nachdenklich ueber
seine Stirn.

"Damit wuerde eigentlich," sagte er, "dem Plebiscit die wahre Spitze
abgebrochen, und ich bin, wie ich Ihnen aufrichtig sagen muss, nicht sehr
geneigt, einen solchen Weg zu gehen. Halten Sie," fragte er, Herrn
Ollivier ploetzlich voll und scharf anschauend, "diesen Weg prinzipmaessig
fuer richtig, oder wuerden Sie ihn nur vorschlagen, um die Personen der
Minister zu conserviren?"

"Die Minister haben, wie ich Eurer Majestaet zu bemerken die Ehre hatte,"
fuhr der Grosssiegelbewahrer fort, "ein gewisses Vertrauen, ihr Ruecktritt
koennte einen unguenstigen Eindruck machen. Dies ist wesentlich der Grund,
wesshalb ich einen Kompromiss suchen moechte."

"Mein lieber Herr Ollivier," sagte der Kaiser, indem er sich ein wenig
herueberneigte, "nach meiner Ueberzeugung beruht das Vertrauen, welches
das Ministerium bei der Bevoelkerung geniesst, weder auf Herrn Buffet,
noch auf dem Grafen Daru, noch auf irgend einem der andern Personen,
welche gegenwaertig das Cabinet bilden, sondern vielmehr lediglich auf
der Achtung und Sympathie, welche man Ihnen entgegentraegt, Sie sind der
Pfeiler, auf welchem gegenwaertig meine Regierung ruht. Der Respect vor
Ihrem Charakter, die Bewunderung fuer Ihre grossen Talente bilden einen
Nimbus um Sie, dessen Strahlen auch auf die uebrigen Minister fallen, sie
werden aber ebenso gut auch auf jeden Andern fallen, der das Glueck haben
wird, mit Ihnen zusammen ein Cabinet zu bilden. Die Ruecksicht also,"
fuhr er fort, "auf das Vertrauen, welches jene Herren im Lande geniessen,
und den persoenlichen Einfluss, welchen sie ueben koennen, wuerde mich
niemals bestimmen koennen, von einem als richtig anerkannten Prinzip
abzugehen, lediglich um ihre Personen zu conserviren. Etwas Anderes,"
fuhr er nachdenklich fort, indem aus dem Winkel seines fast
geschlossenen Auges ein schneller, scharf beobachtender Blick auf Herrn
Ollivier hinueberflog, "etwas Anderes ist es freilich mit ihrer Ersetzung
in den Geschaeften. Buffet ist ein vortrefflicher Finanzminister, es
wird nicht leicht sein, Jemanden an seine Stelle zu setzen--Segris
vielleicht--man muesste sich mit ihm darueber verstaendigen--noch
schwieriger aber ist die Sache bei Daru. Woher kann man so schnell einen
auswaertigen Minister finden? Namentlich, da es sich darum handeln wuerde,
die Stellung ein wenig zu modificiren, welche wir dem Concil und Rom
gegenueber eingenommen haben. Die Minister der auswaertigen
Angelegenheiten," fuhr er fort, anscheinend immer tiefer im Nachsinnen
versinkend, "wachsen nicht aus der Erde hervor. Ja, wenn," sagte er, den
Blick wie fragend auf Herrn Ollivier richtend--"wenn es moeglich waere,
dass eines Menschen Kraft die Last allein truege, welche schon auf drei
Schultern vertheilt nicht leicht ist, so waere schnell eine Abhuelfe zu
finden."

Er lehnte den Kopf wie tief nachdenkend auf den auf sein Knie gestuetzten
Arm.

Das Gesicht Olliviers zuckte in lebhafter Bewegung, seine Augen schienen
einem ploetzlich vor ihm auftauchenden Bilde zu folgen, ein Schimmer
hoher Befriedigung erleuchtete seine Zuege und rasch mit athemloser
Stimme sprach er:

"Eure Majestaet meinen--Eure Majestaet haben irgend eine Idee ueber das
Ressort des auswaertigen Amtes?"

"Ich fuerchte," sagte Napoleon, indem er wie in schmerzlicher
Resignation die Achseln zuckte, "dass die Idee, welche mir einen
Augenblick als moeglich vorschwebte, der Wunsch, den ich einen Augenblick
hegte, Unmoeglichkeiten sind. Ich hatte mir gedacht, wie rasch sich das
Alles arrangiren liesse, wenn Sie, mein lieber Herr Ollivier, mir das
Opfer bringen koennten, fuer einige Zeit das Ministerium der auswaertigen
Angelegenheiten zu fuehren. Ich weiss," fuhr er fort, "die Repraesentation,
welche gerade mit diesem Ministerium mehr als mit andern verbunden ist,
wuerde Ihnen laestig sein. Die Last der Arbeiten wuerde selbst Ihrem der
Thaetigkeit so gewoehnten Geist zu viel werden. Lassen wir also die Sache,
es ist doch vielleicht besser, einen Kompromiss zu suchen, welcher uns
den Grafen Daru und Herrn Buffet erhaelt."

Herr Ollivier hatte in einer gewissen Unruhe, die Haende in leichtem
Zittern bewegend, das Ende der Bemerkungen des Kaisers erwartet. Als
Napoleon schwieg, sagte er rasch, indem er seine Brille zurecht schob:

"Ew. Majestaet duerfen ueberzeugt sein, dass mir fuer Ihren Dienst und fuer
das Wohl Frankreichs kein Opfer zu gross ist. Wohl widerstrebt meinem
einfachen buergerlichen Sinne," sagte er, "die grosse und vielseitige
Repraesentation, wohl moechte ich auch fuer meine Familie leben und fuer
meine Gesundheit ein wenig Musse gewinnen, dennoch aber kann ich keinen
Augenblick anstehen, wenn es der Dienst Eurer Majestaet, wenn es das Wohl
Frankreichs erfordert, auch diese neue Last auf mich zu nehmen, und ich
traue mir ohne Ueberschaetzung dennoch die Kraft zu, sie tragen zu
koennen. Ich bin an die Thaetigkeit gewoehnt, Sire, und will wenigstens
versuchen, Eurer Majestaet auch diesen Beweis meiner Ergebenheit zu
geben."

Napoleon schlug wie durch eine unerwartet guenstige Wendung der Dinge
freudig ueberrascht die Haende zusammen.

"Aber, mein lieber Herr Ollivier," sagte er, "dann ist uns ja geholfen,
dann haben wir ja garnicht noethig, noch einen Kompromiss zu suchen, wenn
Graf Daru wirklich heute abgeht und Sie bereit sind, an seine Stelle zu
treten. So befinde ich mich ja nicht nur in keiner Verlegenheit, sondern
ich werde sogar meine Lage wesentlich verbessern, denn Sie werden mir
die Bemerkung erlauben, dass ein jedes Portefeuille bei Niemanden, und
waere er der Geschickteste und Bewaehrteste, so gut aufgehoben sein kann,
als in Ihren Haenden. Wenn Sie also wirklich bereit waeren, an die Stelle
des Grafen Daru zu treten, und wenn Ihre Kraft eine so uebermaessige Last
zu ertragen im Stande ist, dann waeren wir ja, wie ich glaube,
vollstaendig einig ueber den Gang, den wir den Ereignissen zu geben
haben."

"Wenn Eure Majestaet," sagte Herr Ollivier, "die Gnade haben wuerden, mir
das Portefeuille des Auswaertigen zu uebertragen, so sehe ich allerdings
nicht ein, warum in der Frage des Plebiscits ein keinem Prinzip
vollkommen entsprechender Ausweg gesucht werden sollte."

"Nun," sagte der Kaiser, indem er sich erhob, "ich sehe, wir verstehen
uns vollkommen,--welche Freude wird es mir machen, mit Ihnen die Fragen
der auswaertigen Politik zu besprechen und aus Ihrem so erleuchteten
Geiste immer neue Gedanken zu der Beurtheilung derselben zu ziehen."

Herr Ollivier verneigte sich mit gluecklichem zufriedenem Laecheln.

"Ich glaube, wir werden vollstaendig darin uebereinstimmen," sagte der
Kaiser leichthin mit gleichgueltigem Ton, "dass der roemischen Frage auf
dem Concil gegenueber die Haltung, welche der Graf Daru in der letzten
Zeit eingenommen hat, modificirt werden muss. Die katholische Kirche und
der Klerus ist ein sehr maechtiger Factor in Frankreich, dessen freien
und rueckhaltslosen Beistand wir uns sichern muessen. Und ausserdem," fuhr
er fort, "widerstrebt auch meinem religioesen Gefuehl eine Erkaltung der
Beziehungen zwischen meiner Regierung und dem heiligen Stuhl."

"Eure Majestaet haben vollkommen Recht," sagte Herr Ollivier schnell,
"Frankreich ist gut katholisch. Ich bin es auch," fuegte er hinzu, "und
die Ruecksicht auf die Gefuehle des Volkes ebenso wie auf den Einfluss des
Klerus gebieten uns eine aeusserst vorsichtige Stellung Rom gegenueber
einzunehmen, und nichts zu thun, was die Beziehungen zur Kurie irgend
wie trueben koennte. Ich fuerchte," fuhr er fort, "der Graf Daru hat sich
in dieser Sache ein wenig zu sehr von Doctrinen leiten lassen und hat zu
wenig die concreten Verhaeltnisse in Betracht gezogen; auch moechten
vielleicht seine Beziehungen zu Guizot, der entschieden Protestant ist,
nicht ohne Einfluss auf seine Anschauungen geblieben sein."

Der Kaiser, welcher sehr aufmerksam den Worten seines Ministers zugehoert
hatte, schlug sich leicht mit der Hand vor die Stirn, als ob er durch
die Aeusserungen des Herrn Ollivier besonders frappirt sei.

"In der That, mein lieber Minister," sagte er, "Sie bringen mich da auf
einen Gedanken, der mir Manches aufklaert,--sollten Sie, wie ich glaube,
Recht haben, so ist es um so noethiger, unsere Stellung Rom gegenueber zu
modificiren, denn protestantische Anschauungen koennen doch gewiss niemals
die Politik Frankreichs, dieses so tief katholischen Landes leiten.
Welch eine Freude ist es doch," sagte er tief aufathmend, "so
vollstaendiges Verstaendniss zu finden und mit einem Mann zu arbeiten, der
uns stets neue Gesichtspunkte oeffnet."

Er bewegte die Glocke.

"Sind die Herren Minister versammelt," fragte er den eintretenden
Kammerdiener.

"Zu Befehl, Majestaet."

"Wollen Sie mich in einen Augenblick im Conferenzzimmer mit den andern
Herren erwarten," sagte der Kaiser zu Herrn Ollivier, "ich werde Ihnen
sogleich folgen--wir wissen ja, was wir zu thun haben."

Der Grosssiegelbewahrer verneigte sich mit zustimmender Miene und verliess
das Kabinet des Kaisers.

"Er wird thun, was ich will," sagte Napoleon ihm laechelnd nachblickend,
"und ich werde die vortreffliche Stellung haben, keinerlei Initiative zu
ergreifen; nicht meine Meinung,--sondern diejenige des Herrn Ollivier
wird durchdringen, und man wird nicht wieder vom persoenlichen Regiment
und vom autocratischen Einfluss sprechen koennen."

Er trat zu einem kleinen Schrank, nahm daraus ein Flaeschchen mit einer
roethlichen Fluessigkeit, zaehlte in ein Glas Wasser, das der Kammerdiener
ihm reichte, eine Anzahl von Tropfen und trank dann schnell den Inhalt,
der ihn fast augenblicklich wohlthaetig zu beleben schien.

"So," sagte er mit einem tiefen Athemzug, "das wird mir fuer eine Stunde
wieder Kraft und Elasticitaet geben. Jetzt will ich meine Herren Minister
anhoeren."

Und mit etwas lebhafterem festerem Gang als vorhin begab er sich durch
die schnell geoeffnete Fluegelthuer nach dem Conferenzzimmer, einem grossen
hellen Gemach, in dessen Mitte ein runder gruener Tisch, von ebenfalls
dunkelgruenen Fauteuils umgeben, stand.

In diesem Zimmer waren die Minister bereits versammelt, sie trugen
saemmtlich, wie der Kaiser, schwarze Morgenanzuege und verneigten sich
tief beim Eintritt des Souverains.

Da war neben Ollivier, der, aufgeregt, aber von innerer Befriedigung
strahlend, hinter seinem Stuhl stand, Herr Chevandier de Valdrome mit
seinem etwas cavalieren Ausdruck; der Graf Daru mit seinem kalten,
etwas misstrauischen Blick; Herr Buffet, der Finanzminister, eine
bureaucratische Erscheinung mit eigensinnig doctrinairem Ausdruck; Herr
Segris, der Minister des Unterrichts, ein wenig an das Aeussere eines
Professors erinnernd; dann der Marquis von Talhouet, der Minister der
oeffentlichen Arbeiten, eine schoene, elegante Erscheinung, trotz seines
Alters von beinahe fuenfzig Jahren, noch jugendlich und frisch, der wahre
altfranzoesische grand Seigneur;--Herr Maurice Richart, fuer welchen sein
Freund Ollivier das Ministerium der schoenen Kuenste geschaffen hatte, ein
gutmuethiger, sorgloser Lebemann; dann der Kriegsminister, Marschall
Leboeuf, eine militairisch kraeftige Erscheinung, das volle, ein wenig
aufgeschwemmte und regelmaessige Gesicht hatte durch den grossen Bart auf
der Oberlippe und dem Kinn einen etwas martialischen Ausdruck, der
jedoch durch den gleichgueltigen und oberflaechlichen Blick der etwas
vorstehenden Augen wieder abgeschwaecht wurde; endlich der Admiral
Rigault de Genouilly, dessen feines und intelligentes Gesicht mit dem
Ausdruck verschlossenen Nachdenkens stets einen nicht ausgesprochenen
Hintergedanken zu verstecken schien.

Der Kaiser setzte sich auf seinen Lehnstuhl in der Mitte des Tisches,
und die Minister nahmen um ihn her Platz, Herr Ollivier zu seiner
Rechten, Graf Daru zu seiner Linken; die Uebrigen nach der Reihenfolge
ihres Ranges; die Minister des Krieges und der Marine dem Kaiser
gegenueber.

"Ich habe Sie berufen, meine Herren Minister," sprach der Kaiser mit
ruhiger, fast ausdrucksloser Stimme, indem er einen der auf dem Tische
liegenden Bleistifte ergriff und einige unbestimmte Linien auf dem vor
ihm bereit liegenden Papierbogen zeichnete, "ich habe Sie berufen, um
Sie zu ersuchen, die Frage des Plebiscits, ueber welche ich bereits mit
Jedem von Ihnen einzeln conferirt habe, nunmehr noch einmal
gemeinschaftlich zu discutiren und dann darueber einen definitiven
Beschluss zu fassen. Es handelt sich darum, die neue Institution, welche
ich dem Kaiserreich geben zu sollen geglaubt habe und zu deren
Befestigung Sie Alle so bereitwillig mir die Hand geboten haben, nochmal
durch ein Votum der ganzen Nation, auf welchem ja das Kaiserreich selbst
und seine fruehere Verfassung beruhen, sanctioniren zu lassen. Und ich
bitte Sie mit Ihrer gewohnten und von mir stets so hoch gewuerdigten
Freimuethigkeit mir Ihre Meinung darueber zu sagen."

Er wandte sich mit einer leichten Neigung des Kopfes zu Herrn Ollivier.

"Sire," erwiderte dieser in einem Ton, welcher an den gleichfoermigen
Pathos erinnerte, der eine Eigenthuemlichkeit seiner Reden auf der
Tribuene war--"Eure Majestaet wissen, dass ich aus voller Ueberzeugung dem
grossen Gedanken zugestimmt habe, welchen Sie so eben aussprachen. Eine
Regierung, welche so offen und rueckhaltslos wie wir die Verfassung im
Sinne der Freiheit ausbaut, darf sich nicht scheuen ihr Werk der Pruefung
und Genehmigung des ganzen Volkes vorzulegen. Wir treten vor die Nation,
nicht um zu fordern, sondern nur zu geben, und sind der dankbaren
Zustimmung der grossen Mehrheit der Buerger Frankreichs sicher; das
Gewicht ihres Votums wird die Autoritaet und Macht des Kaiserreichs den
innern und aeussern Feinden gegenueber von Neuem kraeftigen, und alle die
Elemente, welche in der letzten Zeit so vermessen an der Entwickelung
des gesellschaftlichen Lebens gearbeitet haben, werden vor dem fest und
klar ausgesprochenen Willen der ganzen Nation schwinden. Ich habe die
Form des Plebiscits ausgearbeitet. Der Herr Minister des Innern hat die
Praefecten mit ausfuehrlichen Instruktionen versehen, um die von der
unversoehnlichen Opposition beabsichtigte massenhafte Enthaltung von der
Abstimmung zu verhindern, und ich erlaube mir, Eurer Majestaet
vorzuschlagen, dass so wie das Senatuskonsult festgestellt ist, das
Plebiscit ohne weitere Verzoegerung vorgenommen werde, denn jeder Tag, um
den dasselbe noch hinausgeschoben wird, giebt den Gegnern Gelegenheit,
sich zu organisiren und ihre Agitationen immer mehr ueber das Land zu
verbreiten. Die Form des Plebiscits wuerde nach meiner Ueberzeugung sehr
einfach sein, sie wuerde sich auf wenige Zeilen reduciren, und ich werde
meinen Entwurf bei meinen Herren Collegen circuliren lassen, um ihn dann
mit ihren Zustimmungen oder etwa mit ihren Gegenvorschlaegen Eurer
Majestaet zu unterbreiten."

Der Kaiser wandte sich mit einem verbindlichen Wink seiner Hand zu dem
Grafen Daru.

Der Minister der auswaertigen Angelegenheiten hatte ruhig und unbeweglich
den Worten Olliviers zugehoert; ebenso ruhig sprach er jetzt mit seiner
etwas leisen, aber durch die scharfe Accentuirung der Worte deutlichen
Stimme:

"Ueber die Form des Plebiscits, Sire, wird, wie ich glaube, unter uns
kaum eine Meinungsverschiedenheit bestehen koennen. Es kann ja eben nur
eine ganz einfache mit ja oder nein zu beantwortende Frage sein. Dagegen
aber kann ich nicht unterlassen, Eurer Majestaet noch einige sehr ernste
und gewichtige Bedenken gegen die Sache selbst auszusprechen."

Der Kaiser blickte nicht auf, mit voellig ausdrucksloser Miene sah er auf
das Papier nieder und zeichnete grosse krumme Linien, welche in einander
greifend sich zu dem Bilde eines Adlerfluegels vereinigten.

"Eure Majestaet," fuhr Graf Daru fort, "haben vorhin bemerkt, dass das
Kaiserreich auf dem freien Votum der ganzen Nation beruhe, wie das ja
auch mit der Herrschaft des ersten Kaisers der Fall war. Das Volk hat
seinen Willen ausgesprochen und sich nach einer Zeit innerer Unruhen und
Kaempfe eine feste Staatsform und eine consolidirte Regierung gegeben,
welche wir nunmehr dem Willen Eurer Majestaet gemaess zu freierer, innerer
Entwicklung zu fuehren haben. Da die Existenz des Kaiserreichs, der Grund
seines Bestehens auf dem Plebiscit beruht, so halte ich es fuer
bedenklich, der Sicherheit des Staatsgebaeudes und vor allen Dingen auch
der Dynastie Gefahr bringend, wenn man ohne eine absolute Nothwendigkeit
auf die Grundfundamente der Monarchie wieder zurueckgreift. Ich glaube
nicht,--verzeihen mir Eure Majestaet, dass eine Dynastie wirklich auf die
Dauer feste und unzerstoerbare Wurzeln schlagen kann, wenn bei jeder
Gelegenheit derjenige Faktor, der ihr das Leben gegeben, wieder in die
oeffentliche Bewegung hineingezogen wird; das Volk durch unmittelbares
Plebiscit hat einmal gesprochen und das Kaiserreich begruendet--die
weitere Entwicklung desselben muss nun seinen verfassungsmaessigen
Vertretern ueberlassen werden. Das Kaiserreich selbst darf nicht wieder
in Frage gestellt werden. Denken Eure Majestaet, in welche gefaehrliche
Lage, in welche falsche Position ein Souverain kommen muesste, der wie
Eure Majestaet es stets mit gerechtem Stolz gethan und wie Ihre
Nachfolger es ohne Zweifel ebenfalls thun werden, sich den Erwaehlten der
Nation nennt, wenn das Votum dieser Nation in einem spaetern Plebiscit
ihm unguenstig waere? Ein abfaelliges Votum des Corps legislativ greift nur
das Ministerium an, ein abfaelliges Plebiscit aber wuerde das Kaiserthum
und die Dynastie selbst in Frage stellen."--

"So weit wir aber die Stimmung im Lande kennen," fiel Herr Ollivier ein,
waehrend der Kaiser fortwaehrend ganz theilnahmlos weiter zeichnete--"ist
garnicht an die Moeglichkeit zu denken, dass die allgemeine Abstimmung
unguenstig ausfalle, vielmehr wird sie auf's Neue die Wurzeln des
Kaiserreichs und der Dynastie kraeftigen und immer tiefer in das
nationale Bewusstsein dringen lassen."

"Ich zweifle nicht an dem Ausfall der Abstimmungen," erwiderte Graf
Daru, indem fluechtig und fast unbemerkbar ein Zug feiner Ironie auf
seinem kalten bleichen Gesicht erschien, "auch spreche ich nicht von der
Thatsache, sondern von dem Prinzip, und im Prinzip muss ich dabei
bleiben, dass ein wiederholtes Plebiscit gefaehrlich fuer die Dynastie ist,
um so gefaehrlicher, wenn man jetzt etwa auf einen guenstigen Ausfall
desselben einen besonderen Werth zu legen beabsichtigt. Je mehr
Bedeutung man dem zustimmenden Votum giebt, um so mehr gefaehrlicher
wuerde eines Tages eine feindliche Abstimmung werden koennen. Ausserdem bin
ich des Erfolges noch nicht so vollkommen sicher. Die Majoritaet
Derjenigen, welche stimmen, wird mit ja stimmen, daran zweifle ich
nicht, ob es aber der Opposition nicht gelingen werde, eine sehr grosse
Majoritaet fuer die Stimmenenthaltung zu gewinnen, darueber bin ich noch
nicht vollkommen beruhigt; und der Eindruck einer solchen Enthaltung
wuerde nicht nur in Frankreich, sondern auch im Auslande ein sehr
bedenklicher sein muessen."

Herr Ollivier, welcher sich unruhig hin und her bewegt hatte, wollte mit
einer Bemerkung einfallen.

Der Graf Daru erhob leicht mit einer artigen, aber bestimmten Wendung
die Hand gegen ihn und fuhr fort.

"Wenn ich schon aus Ruecksicht auf das Kaiserthum selbst und auf die
Dynastie der Meinung bin, dass ein erneutes Plebiscit nur im Augenblick
einer oeffentlichen Gefahr oder gewaltiger nationaler Anstrengungen
vorgenommen werden darf, so bestaerkt mich in dieser Ansicht noch mehr
die Ruecksicht auf die freie und verfassungsmaessige Entwicklung des
oeffentlichen Lebens, deren Sicherung unsere Aufgabe ist. Wenn es als ein
Grundsatz des oeffentlichen Rechts anerkannt wird, dass die Regierung in
jedem Augenblick und ohne bestimmte zwingende und in der Verfassung
vorgesehene Gruende sich an das Volk wenden kann, so wird jedes
constitutionelle Leben ueberhaupt eine Unmoeglichkeit, denn die Regierung
hat es in der Hand, bei jedem Conflict mit den Gesetzgebenden
Koerperschaften durch ein Plebiscit das ganze verfassungsmaessige Leben in
Frage zu stellen. Dass Eure Majestaet niemals einen solchen Gedanken haben
werden," sagte er, sich gegen den Kaiser verneigend,--"davon bin ich
ueberzeugt, indessen bei der Beurtheilung oeffentlicher Rechtsprinzipien
darf man nicht an die Person, sondern an die Sache und an die voellig
objectiv gestellte Frage denken. Fuer mich spricht also sowohl die
Ruecksicht auf die Stabilitaet und die Unantastbarkeit der monarchischen
Staatsform und der Dynastie als diejenige auf die wahre Freiheit des
oeffentlichen Lebens gegen eine Wiederholung des Plebiscits."

"Sie wuerden also, mein lieber Graf," sagte der Kaiser, indem er einen
Augenblick fluechtig aufblickte und dann wieder in die Betrachtung des
auf dem Papier vor ihm nunmehr deutlich erkennbaren Adlerfluegels
versank, "Sie wuerden also einer Berufung an das Volk Ihre Stimme nicht
geben und wollen?"

"Ich habe meine prinzipmaessigen Gruende gegen das Plebiscit
ausgesprochen," erwiderte der Graf. "Ich bin indessen ebenfalls
ueberzeugt, dass beim absolut starren Festhalten an den Prinzipien
practisch nicht regiert werden kann. Und da Eure Majestaet und die
meisten meiner Kollegen die Volksabstimmung fuer zweckmaessig halten, so
wuerde ich mich derselben nicht unbedingt entgegenstellen."

Der Kaiser zog seine Linien weiter und weiter. Ein zweiter Adlerfluegel
begann sich an der Seite des ersten zu zeigen.

Auf Herrn Olliviers Gesicht erschien bei den letzten Worten des Grafen
Daru eine ziemlich erkennbare Verstimmung.

Der Minister der auswaertigen Angelegenheiten sprach weiter:

"Die Bedenken, welche ich gegen eine Wiederholung des Plebiscits so eben
ausgesprochen und motivirt habe, koennen nach meiner Ueberzeugung auf eine
sehr einfache Weise zum grossen Theil beseitigt werden: Wenn naemlich der
Grundsatz festgehalten wird, dass die Berufung an die unmittelbare
Volksabstimmung nur Statt finden duerfe, wenn sich die Regierung und die
Gesetzgebenden Koerperschaften darueber verstaendigt haben. Dadurch wuerde
nach beiden Richtungen die Garantie gegen den Eintritt derjenigen
Gefahren gegeben, welche ich vorhin bezeichnete, und so wuerde die
Absicht Eurer Majestaet erreicht. Ich glaube, dass der Herr
Grosssiegelbewahrer," sagte er, sich an Ollivier wendend, "einer
Verstaendigung in der von mir angedeuteten Richtung nicht abgeneigt ist,
wenigstens habe ich bei meiner frueheren Unterredung ueber diesen
Gegenstand bei ihm die Geneigtheit bemerkt, auf meine Prinzipien
einzugehen, und auf Grund derselben den Bestand des Cabinets zu
sichern," sagte er mit fester Stimme, sich gegen den Kaiser verneigend.

Dieser hob ein wenig den Kopf empor und richtete den Blick seines
vollstaendig verschleierten Auges auf Herrn Ollivier.

"Der Gedanke des Grafen Daru," sagte er ruhig, "scheint mir eine sehr
gute Grundlage fuer die Ausgleichung der entgegenstehenden Ansichten zu
bieten. Es waere gewiss sehr wuenschenswerth, eine solche Verstaendigung zu
erreichen, wenn dies nach Ihrer Ueberzeugung moeglich ist."

Herr Ollivier richtete sich grade empor, liess den unsichern Blick ueber
seine in schweigender Zurueckhaltung da sitzenden Kollegen gleiten und
begann dann mit nachdruecklicher Betonung:

"Ich glaube nicht, dass der Gedanke des Herrn Ministers der auswaertigen
Angelegenheiten ausfuehrbar sei, wenn man sich die wahre staatsrechtliche
Natur der Frage klar macht. Das Volk," fuhr er fort, "die franzoesische
Nation ist, Eure Majestaet werden mir darin beistimmen," sagte er, sich
gegen den Kaiser verneigend--"der eigentliche, in letzter Instanz
definitiv ueber die Geschicke Frankreichs entscheidende Souverain. Die
Vertreter im Corps legislativ sind nur Delegirte. Es entspraeche nicht
der Wuerde der Nation selbst, wenn Derjenige, an welchen sie ihre
Souverainetaet deligirt haette, erst die Genehmigung der lediglich fuer die
gesetzgeberische Arbeit abgeordneten Vertreter einholen muesste, um sich
in grossen Nationallebensfragen an das Volk selbst wenden zu duerfen.
Zwischen dem Kaiser, das heisst dem General-Mandatar der souverainen
Nation und dem Volk selbst darf kein untergeordneter Faktor stehen. Sie
muessen frei, wenn es nothwendig ist, miteinander verkehren koennen, und
der Kaiser muss das Recht haben, auch ohne die Zustimmung der
parlamentarischen Koerperschaften an das Volk selbst sich wenden zu
koennen. Jede zufaellige Majoritaet der Kammer wuerde ja sonst die Macht
haben, die Berufung an das Volk zu verhindern. Ich fuer meine Person,"
schloss er mit bestimmtem Ton, "wuerde lieber dafuer stimmen, das Plebiscit
ueberhaupt aufzugeben, als es auf diese Weise von der Zustimmung einer
Kammer abhaengig zu machen, die vielleicht garnicht den Willen des ganzen
Volkes und sein wahres Interesse vertritt."

Graf Daru hatte Herrn Ollivier ein wenig erstaunt angesehen, dann flog
abermals jener Zug feiner Ironie ueber sein Gesicht, und als der
Grosssiegelbewahrer geendet, sprach er, waehrend auf dem Papier des tief
gebueckt dasitzenden Kaisers sich nunmehr zwischen den beiden Fluegeln
auch der Kopf eines Adlers zu entwickeln begann:

"Ich bedaure, dass ich die Absicht des Herrn Grosssiegelbewahrers bei
unserer letzten Unterredung so falsch oder unklar aufgefasst habe. Waere
mir damals seine Meinung so bestimmt erschienen, wie ich sie jetzt
verstehe, so haette ich schon frueher alle Hoffnungen und alle Versuche zu
einer Verstaendigung zu gelangen, aufgegeben. Ich muss Eurer Majestaet
aufrichtig erklaeren, dass wenn das Plebiscit ohne vorherige Verstaendigung
mit der Kammer beschlossen werden sollte, ich nicht im Stande sein
wuerde, laenger ein Mitglied des Kabinets zu bleiben."

"Ich schliesse mich der Erklaerung des Herrn Grafen Daru vollstaendig an,"
sagte der Finanzminister Buffet mit rauhem und kurzem Ton. "Ich glaube,
dass die Wiederholung der Plebiscite die freie Bewegung des
konstitutionellen Lebens unmoeglich macht und den Staat fortwaehrend mit
der Wiederkehr absoluter Autocratie bedroht. Ich bitte Eure Majestaet,
wenn das Plebiscit nach der Anschauung des Herrn Grosssiegelbewahrers
beschlossen werden sollte, meine Entlassung zu genehmigen."

"Und was meinen die uebrigen Herren Minister," fragte der Kaiser, unter
dessen Bleistift sich nunmehr auch ein grosser Adlerkopf bildete.

"Ich stimme Herrn Ollivier bei," sagte Segris.

"Ich wuerde um der Einheit des Bestandes des Cabinets willen," sagte der
Marquis von Talhouet, "wuenschen, dass auf dem Boden des vom Grafen Daru
ausgesprochenen Gedankens eine Verstaendigung erzielt werde. Indessen
kann ich nicht mein Verbleiben im Cabinet von dieser Frage abhaengig
machen, und ich hoffe," fuegte er verbindlich sich gegen den Grafen von
Daru verneigend, hinzu, "dass auch unser verehrter Kollege von diesem
aeussersten Entschluss zurueckstehen werde."

Graf Daru schuettelte schweigend den Kopf.

"Ich habe," rief Herr Ollivier rasch, "wahrlich fuer die Freiheit und die
Rechte des Volkes gesprochen und gekaempft. Niemand wird mir dies Zeugniss
versagen koennen. Jetzt aber ist es auch meine Pflicht, die Rechte der
Krone zu vertreten und zu vertheidigen, und ich wuerde in einer solchen
Anschauung der kaiserlichen Initiative, wie sie der Graf Daru
vorschlaegt, eine sehr gefaehrliche und bedenkliche Schmaelerung der
kaiserlichen Rechte erblicken."

Der Marschall Leboeuf und der Admiral Rigault de Genouilly stimmten in
kurzen Worten dem Herrn Ollivier bei; ebenso Herr Maurice Richart und
Herr Chevandier de Valdrome.

Zu den Fluegeln und dem gekroenten Kopf des Adlers war auf dem Papier des
Kaisers bereits noch eine Kralle hinzugetreten, auf welcher ein kleiner
Reichsapfel ruhte.

Der Kaiser richtete ein wenig den Kopf auf, ohne dass sein Bleistift
aufhoerte in langsamer, anscheinend fast unwillkuerlicher Bewegung Linie
an Linie zu reihen.

"Ich hoere also," sagte der Kaiser, "dass die Mehrzahl meiner Herren
Minister dem Herrn Grosssiegelbewahrer vollstaendig beipflichten, welcher
sich fuer die schleunige Ausfuehrung des Plebiscits und zwar ohne
vorherige Verstaendigung mit den Kammern ausgesprochen hat. Haetten die
Herren Minister gegen das Plebiscit ueberhaupt Bedenken gehabt, so haette
ich meinerseits kaum einen Grund gehabt, dasselbe durchaus zu wuenschen,
so sehr ich auch ueberzeugt bin, dass es den Institutionen des
Kaiserreichs neue Kraefte geben werde. Da aber die grosse Majoritaet meiner
Minister das Plebiscit fuer zweckmaessig und nothwendig haelt, da sie zu
gleicher Zeit die Modalitaet, welche der Graf Daru vorgeschlagen, nicht
zu acceptiren geneigt sind, so bleibt mir nichts anderes uebrig, als
nochmals Sie, Herr Graf, zu bitten, aus der Sache keine Cabinetsfrage zu
machen und Sie, Herr Minister," sagte er, sich an Herrn Ollivier
wendend, "reiflich zu ueberlegen, ob Sie nicht im Stande waeren, eine
Kombination zu finden, welche sich dem Grafen Daru naehert, und es ihm
moeglich macht, Mitglied des Cabinets zu bleiben, in welches ich ihn mit
so vielem Vertrauen berufen habe, und aus welchem ich ihn nur mit
aufrichtigem Schmerz wuerde scheiden sehen."

Es war fast ein aengstlicher Ausdruck, mit welchem Herr Ollivier den
Kaiser bei den letzten Worten ansah.

"Eure Majestaet wissen," sagte er schnell, "wie hohen Werth ich auf die
Freundschaft und Mitwirkung des Grafen Daru und auf sein Verbleiben in
dem Ministerium lege; indessen meine Anschauung und Ueberzeugung steht
fest, und wie ich niemals im politischen Leben von derselben abgewichen
bin, so kann ich es auch jetzt nicht, selbst auf die Gefahr hin, die
bisher so fruchtbare und hoch erfreuliche gemeinschaftliche Arbeit mit
dem Herrn Grafen zu unterbrechen. Meine Ueberzeugung steht fest," sagte
er, die Hand auf die Brust legend, "und da auch die meisten meiner
Kollegen dieselbe theilen, so kann ich um so weniger in einer so hoch
wichtigen Frage auf irgend einen Kompromiss eingehen."

"Ich habe also," sagte der Graf Daru, ohne dass irgend eine Bewegung auf
seinem Gesicht bemerkbar wurde, "Eure Majestaet nochmals bestimmt um
meine Entlassung zu bitten, da ich nicht im Stande bin, der von der
Mehrzahl meiner Kollegen beschlossenen Massregel meine Zustimmung zu
geben."

"Ich muss die gleiche Bitte an Eure Majestaet richten aus dem gleichen
Grunde," sagte Herr Buffet.

Der Adler auf dem Papier des Kaisers hatte eine zweite Kralle erhalten.

"Ich kann," sagte Napoleon, "da ich ja nicht mehr der persoenliche
Autokrat bin," fuegte er laechelnd hinzu, "gegen den Beschluss meiner
Minister nichts thun. Ich bitte Sie indess, meine Herren," fuhr er fort,
sich an die uebrigen Minister wendend, "dass Sie sich der Aufgabe
unterziehen moegen, in privater Besprechung und durch persoenliche
Einwirkung ein Einverstaendniss zwischen dem Grafen Daru und Herrn
Ollivier zu ermoeglichen. Ich bin ueberzeugt," fuhr er fort, indem er mit
der linken Hand ueber seinen Bart fahrend den Mund verdeckte, waehrend
seine Rechte in der Kralle des Adlers vor ihm ein grosses, hoch
aufragendes Schwert erscheinen liess, "dass Herr Ollivier ebenso wie ich
das Ausscheiden des Grafen aus dem Cabinet beklagen wuerde, dass er Alles
aufbieten wird, um eine Verstaendigung herbeizufuehren. In einem Punkt bin
ich jedoch vollkommen der Meinung, welche sich die meisten Herren hier
angeeinigt haben, dass naemlich schnell gehandelt werden muesse, um der
Opposition nicht die Zeit zu lassen, die Stimmenenthaltung zu
organisiren. Ich hoffe also," sagte er aufstehend, indem er den
Bleistift neben dem nunmehr vollendeten und maechtig bewehrten Adler
niederlegte, "dass Sie mir morgen die Mittheilung von Ihrer allseitigen
Verstaendigung machen werden, dass wir Alle miteinander gemeinschaftlich
bei der Durchfuehrung des begonnenen Werkes weiter arbeiten werden."

Er verneigte sich mit verbindlicher Hoeflichkeit nach allen Seiten und
verliess das Konferenzzimmer, in welchem die Minister noch fast eine
Stunde zurueckblieben, auf alle moegliche Weise versuchend, das
Einverstaendniss zwischen Herrn Ollivier und dem Grafen Daru herzustellen.

Alle Versuche scheiterten jedoch an der kalten Ruhe, mit welcher der
Graf Daru an seiner Ansicht festhielt und an der pathetischen
wuerdevollen Unbeugsamkeit, mit welcher Herr Ollivier erklaerte, auch
nicht in einem Punkt von seiner Ueberzeugung abgehen zu koennen.




Siebentes Capitel.


Napoleon war in sein Cabinet zurueckgekehrt, heiter und zufrieden
laechelnd rieb er sich leicht die Hand, waehrend er einige Male langsam
auf- und niederging.

"Alles geht vortrefflich, Drouin de L'huys hat vollkommen Recht, diesen
Ollivier kann man Alles thun lassen, was man will, ein wenig Balsam fuer
seine Eitelkeit, ein wenig Koeder fuer seinen Ehrgeiz, und er lancirt sich
gesenkten Hauptes in jede Bahn, auf welcher man seiner bedarf. Die Dinge
fuegen sich so gut, wie ich es nur irgend wuenschen kann, das Plebiscit
wird gemacht,--und ich bedarf des Plebiscits," sagte er sinnend vor sich
hinblickend, "um diesen unversoehnlichen Rednern der Kammer zu zeigen,
dass sie nicht mich angreifen, sondern den Willen der Gesammtnation, und
dass nicht sie die Vertreter der Anschauungen Frankreichs sind, sondern
ich selbst,--ich bedarf es dem Auslande gegenueber, um den europaeischen
Cabinetten zu zeigen, dass ich noch heute so unumschraenkt wie frueher ueber
die Macht Frankreichs gebiete,--das Plebiscit wird gemacht werden, und
zwar bin nicht ich es, der es macht, sondern meine Minister unter der
Fuehrung dieses hoechst liberalen und konstitutionellen Herrn Ollivier.
Und wenn dieser zweifelhafte Graf Daru und dieser schwer zu behandelnde
Buffet aus dem Cabinet ausscheiden, so werde nicht ich sie entlassen
haben, sondern sie werden es sein, die sich von der Majoritaet der
Minister trennen. Alles ist ja konstitutionell und verfassungsmaessig,"
sagte er laechelnd, "und doch geschieht es wie ich will. Vielleicht,"
sprach er nachdenklich, "laesst sich mit dieser konstitutionellen Maschine
noch besser regieren, als wenn man allein steht und ganz allein auch
alle Verantwortlichkeit tragen muss."

Er liess sich langsam in seinen Lehnstuhl nieder, bereitete sich
sorgfaeltig aus dem auf einem kleinen Tisch daneben stehenden tuerkischen
Taback eine Cigarrette, entzuendete dieselbe an der brennenden Kerze und
bewegte eine kleine Handglocke.

"Bereiten Sie Alles vor," sagte er dem eintretenden Kammerdiener, "ich
will meine militairische Promenade machen, in einer Stunde habe ich
eine Revue abzuhalten."

Der Kammerdiener entfernte sich durch die Thuer, welche in das
Toilettenzimmer des Kaisers fuehrte.

"Der Graf Bismarck," sagte der Kaiser, indem er mit vergnuegtem Gesicht
die blauen Wolken des aromatischen Tabacksrauchs in die Luft blies, "hat
Recht mit dem Rath, den er mir einst gab, je mehr ich die
konstitutionelle Doctrin in die Regierung einfuehre, um so mehr muss ich
meine militairische Macht staerken und das persoenliche Band zwischen mir
und der Armee fester ziehen, damit habe ich das Correctiv in der Hand,
und wenn die Wellen jemals zu hoch gehen sollten, so wird es leicht
sein, sie wieder auf das richtige Niveau zurueckzufuehren. Bis jetzt sind
sie noch leicht zu leiten und traegt das Schiff das Kaiserreich ruhig in
der Richtung fort, welche ich vorgezeichnet habe,"--und sich bequem auf
den Stuhl zuruecklehnend schloss er halb traeumend die Augen, indem er in
grossen Zuegen den duftigen Rauch seiner Cigarrette einsog.

Nach einiger Zeit oeffneten sich die Fluegel der Thuere, und die Kaiserin
schritt schnell, noch bevor der Huissier sie anmelden konnte, an
demselben vorueber in das Zimmer.

Ihre Mienen zeigten Unruhe und lebhafte Bewegung, sie eilte auf den
Kaiser zu, welcher sich langsam erhob, drueckte ihn sanft wieder in
seinen Lehnstuhl zurueck und sagte, indem sie sich ihm gegenueber setzte:

"Ich hoere, dass die Ministerconferenz zu Ende ist und bin
unendlich gespannt, was das Resultat derselben sei,--sobald die
Meinungsdifferenzen ausgeglichen, wird das Plebiscit ohne Schwierigkeit
durchgefuehrt werden?"

"Das Plebiscit ist beschlossen," sagte der Kaiser, indem er den Rest
seiner Cigarrette fortwarf, "die grosse Majoritaet meiner Minister waren
darueber einig, nur," fuegte er mit einem schnellen Blick auf seine
Gemahlin und einem fast unwillkuerlichen Laecheln hinzu, "Graf Daru und
Herr Buffet koennen sich der Ansicht der Uebrigen nicht anschliessen. Ich
werde sie verlieren," fuegte er wie bedauernd den Kopf schuettelnd hinzu,
"ich habe ihnen die Entlassung, um die sie gebeten, nicht verweigern
koennen, da sie sich nicht im Einklang mit den Uebrigen befinden."

Die Kaiserin schlug ihre schlanken weissen Haende gegen einander, ein
Blitz triumphirender Freude spruehte in ihren Augen auf.

"Wir sind Daru los," rief sie aus, "diesen verkappten Orleanisten,
diesen Freund des Protestanten Guizot, der uns mit dem heiligen Stuhl
haette brouilliren moegen. Welch ein Glueck,"--fuhr sie nach einer kleinen
Pause fort,--"haben Sie schon darueber nachgedacht, wer sein Nachfolger
in den auswaertigen Angelegenheiten sein soll?"

"Das ist eine sehr schwierige Frage," sagte Napoleon langsam,--"eine
sehr schwierige Frage, welche ein tiefes und eingehendes Nachdenken
erfordert. Ich glaube, da das ganze Interesse sich in diesem Augenblick
auf die inneren Fragen concentrirt und wir eigentlich gar keine
auswaertige Politik machen, so wird es am besten sein, das Provisorium
einige Zeit lang bestehen zu lassen--Ollivier ist bereit, dasselbe zu
fuehren."

Immer strahlender und heiterer wurde das Gesicht der Kaiserin.

"Ollivier," rief sie, "das Provisorium des auswaertigen Ministeriums!
Louis," rief sie, ihm die Hand reichend, welche er galant an die Lippen
fuehrte, "ich bewundere Sie, das ist ein Meisterstreich! Dieser Ollivier
ist ein Schleier, den man ganz Europa gegenueber ueber unsere Politik
wirft, und hinter diesem Schleier wird man thun und vorbereiten koennen,
was man will, ohne dass irgend Jemand, er selbst am wenigsten," sagte
sie lachend, "eine Idee davon hat. Aber spaeter," sagte sie dann--"nach
Ollivier, denn Ollivier kann doch nur so lange Minister sein, bis--" sie
unterbrach sich--

"bis wir es fuer zweckmaessig finden werden," ergaenzte der Kaiser ihren
Satz, "unserer auswaertigen Politik einen bestimmten Stempel
aufzudruecken, und dann wird die Wahl der Person doch immer von dem
System abhaengig sein muessen, welches dann zu befolgen fuer nothwendig
erscheinen sollte."

"Ich habe Ihnen neulich von Grammont gesprochen," sagte Eugenie mit
einem forschenden Blick auf den Kaiser, "der mir alle Eigenschaften in
sich zu vereinigen scheint, welche Ihr auswaertiger Minister in einem
entscheidenden Augenblick haben muesste, und der Ihnen persoenlich und
unserer Dynastie tief ergeben ist, indem er die monarchischen
Traditionen seiner legitimistischen Familie nunmehr auf das Kaiserreich
uebertraegt, nachdem er sich dem Dienst desselben gewidmet hat. Grammont
kennt besonders genau die Verhaeltnisse Oesterreichs, das doch fuer unsere
auswaertige Politik und fuer unsere auswaertige Action," fuegte sie mit
besonderer Betonung hinzu, "einer der wichtigsten Factoren ist."

"Es wuerde nur darauf ankommen," sagte der Kaiser, ohne den Blick seiner
Gemahlin zu erwidern, "welche Politik man nach Aussen inauguriren wird,
nachdem diese inneren Angelegenheiten zum Abschluss gebracht sind. Unter
gewissen Verhaeltnissen wuerde allerdings Grammont eine sehr geeignete
Persoenlichkeit sein."

"Unter allen," sagte die Kaiserin, "Grammont ist ebenso geschickt und
geschmeidig, als ergeben."

"Nun," sagte der Kaiser, "man koennte ihn ja dann wieder hierher kommen
lassen. Ich habe frueher ausfuehrlich mit ihm ueber die Lage der
Verhaeltnisse gesprochen und wuerde persoenlich sehr gern mit ihm
verkehren. Es kaeme aber darauf an, ob er sich mit den uebrigen Fuehrern
des Cabinets verstaendigen koennte, denn wir haben ja jetzt ein
constitutionelles Regiment--"

Die Kaiserin zuckte die Achseln.

"Namentlich," fuhr Napoleon fort, "ob er mit Ollivier zu harmoniren im
Stande waere!"

"Ollivier," rief die Kaiserin, "dieser spartanische Buerger wird
uebergluecklich sein, in einem Cabinet mit einem Herzoge aus dem alten
Hause der Guiche und der Grammont sich zu befinden."--

"Wir wollen weiter darueber sprechen, wenn das Plebiscit vollendet sein
wird," sagte der Kaiser.

Die Kaiserin liess einen Augenblick mit einer anmuthigen Beugung ihres
schlanken Halses den Kopf auf die Brust sinken.

"Er hat einen Hintergedanken," fluesterte sie unhoerbar.

Dann blickte sie den Kaiser mit ihren grossen, klaren Augen ruhig und
gleichgueltig an.

"Man hat in diesen Tagen," sagte sie, "wieder von einer Combination
gesprochen, welche, wie ich glaube, schon im vorigen Jahre einmal
fluechtig eroertert wurde, von einer Candidatur des Prinzen von
Hohenzollern fuer den spanischen Thron"--

Der Kaiser warf schnell einen fluechtigen Blick auf seine Gemahlin hin--

--"vielleicht waere es gut, wenn sich das machen liess," fuhr Eugenie
fort, "ich bedaure die unglueckselige Koenigin Isabella auf's tiefste und
wuerde vor allen Dingen wuenschen, dass ihr oder ihrem Sohn der spanische
Thron gerettet werden koennte, allein, wie die Verhaeltnisse stehen und
bei den so unschluessigen und politisch unklaren Rathgebern, mit denen
sie umgeben ist, scheint mir leider zu meinem tiefen Bedauern dazu wenig
Aussicht zu sein. Wenn es nun moeglich waere, die fuer Frankreich und fuer
uns unguenstigste Chance auszuschliessen,--die Candidatur des Herzogs von
Montpensier, welcher der Orleanistischen Agitation in Spanien einen
festen Halt geben wuerde, so waere es vielleicht nicht unerwuenscht, einen
jungen, uns befreundeten und verwandten Prinzen, der ausserdem gut
katholisch ist, auf diesem spanischen Thron zu wissen."

"Der Prinz von Hohenzollern," sagte der Kaiser in demselben
gleichgueltigen Ton, in welchem seine Gemahlin gesprochen hatte, "steht
dem preussischen Hause sehr nahe, und seine Thronbesteigung in Spanien
wuerde einen Einfluss des Berliner Cabinets im Sueden der Pyrenaeen
begruenden, der den Interessen Frankreichs nicht zu entsprechen scheint.
Ich habe deshalb, als im vorigen Jahre die Sache angeregt wurde,
erklaeren lassen, dass die Candidatur des Prinzen von Hohenzollern eine
antinationale sei, waehrend diejenige des Herzogs von Montpensier nur
meiner Dynastie feindlich ist. So sehr ich daher," fuhr er fort, "an dem
einmal ausgesprochenen Prinzip festhalte, der spanischen Nation
gegenueber, was ihre Entschliessungen fuer die Zukunft betrifft, die
strengste Zurueckhaltung zu beobachten, so habe ich doch auch nicht
verhehlt, dass eine Candidatur des Prinzen von Hohenzollern auf eine
Zustimmung von Frankreich nicht zu rechnen habe. Seit jener Zeit," sagte
er, die Achseln zuckend, "habe ich nichts wieder davon gehoert, moeglich,
dass die Sache noch einmal wieder aufgenommen wird. Ich stehe noch auf
demselben Standpunkt wie damals und ich glaube nicht, dass Frankreich
einen preussischen Prinzen auf dem spanischen Thron sich ruhig gefallen
lassen koennte."

"Sie wuerden also," sagte die Kaiserin, "noch lieber Montpensier als den
Erbprinzen von Hohenzollern in Madrid regieren sehen?"

"Unbedingt," erwiderte der Kaiser mit festem Ton, "denn ich werde stets
die Interessen meiner Person und meines Hauses denjenigen Frankreichs
nachstellen."

"Nun," sagte die Kaiserin, "dann wird aus der Sache nichts werden, denn
ich glaube nicht, dass Prim etwas thun wird, wovon er weiss, dass Sie es
nicht billigen."

"Ich habe keine Veranlassung gehabt," sagte der Kaiser, "ueber diese
Frage mit Prim meine Gedanken auszutauschen, und es ist in der That
nicht nur eine Phrase, wenn ich versichere, dieser ganzen spanischen
Angelegenheit voellig fern bleiben zu wollen.--Sie wollen mich nicht zu
der Revue begleiten, die ich auf dem Carousselplatz abhalten will,"
sagte er abbrechend, "ich habe die Garde de Paris und die Pompiers,
auch eine Schwadron Seine-Gendarmerie zu der Truppenaufstellung
hinzugezogen. Es ist in dieser Zeit immer gut, wenn man auch diesen
Corps moeglichst viel militairisches Gefuehl einfloesst."

"Ich danke," erwiderte die Kaiserin, "ich habe verschiedene Audienzen zu
geben.

Au revoir," fuegte sie hinzu, indem sie aufstand und ihrem Gemahl die
Wange reichte. "Ich wuensche Ihnen nochmals Glueck, diesen heimlichen
Orleanisten aus Ihrem Rath entfernt zu haben."

Der Kaiser geleitete seine Gemahlin zur Thuer und kehrte dann
nachdenklich und ernst in sein Zimmer zurueck.

"Es geht etwas mit dieser spanischen Candidatur Hohenzollerns vor,"
fluesterte er vor sich hin, "man moechte diesen Fall zu einer Kriegsfrage
zurecht machen--ich durchschaue das Alles sehr gut, man will sich
versichern, dass ich mich wirklich einer solchen Candidatur ernstlich und
energisch widersetzen wuerde, um in diesem Falle die Ereignisse danach
gestalten zu koennen. Ich lasse das Alles gehen," sagte er laechelnd,
"diese Candidatur des Prinzen Leopold, die man da so unvermuthet als
einen ploetzlichen und unabwendbaren Kriegsfall vor mich hinstellen
moechte, kann mir vielleicht sehr gute Dienste leisten und mir die
Handhabe bieten, die ganze Lage der Dinge, ohne diese laermende und
unsichere Entscheidung der Waffen zu meinen Gunsten zu gestalten. Ich
glaube nicht," sagte er nachdenklich, "dass das Cabinet von Berlin oder
der Koenig von Preussen auf diese Hohenzollernsche Candidatur einen
besondern Werth legen wird,--Benedetti glaubt, dass der Graf Bismarck ihm
nicht seinen letzten und innersten Gedanken ausgesprochen habe,--mir
scheint, Benedetti taeuscht sich, vielleicht moechte es eher dem
preussischen Stolz widerstreben, einen Prinzen, der in vielen Beziehungen
mit dem dortigen koeniglichen Hause zusammenhaengt, sich auf einen Weg
begeben zu sehen, der zu einem aehnlichen Schicksal fuehren kann, als es
den Herzog Maximilian in Mexico erreichte. Wenn diese Candidatur
wirklich eine ernste Form gewinnt, so wird die Gelegenheit da sein, ein
kraeftiges und volltoenendes Wort zu sprechen und die Zurueckziehung
derselben vor dem uebrigen Europa als einen moralischen Sieg ueber
Deutschland und Preussen erscheinen zu lassen. Damit wird eine grosse
Sache gewonnen sein--die Wiederherstellung des franzoesischen
erschuetterten Selbstgefuehls und des Vertrauens in die Ueberlegenheit der
kaiserlichen Regierung. Lassen wir also die Dinge immerhin gehen,--ich
glaube, sie gehen einen guten Weg, und ich werde dahin kommen, mich aus
allen Verlegenheiten, die mich umringen, ohne eine kriegerische
Entscheidung, welche ich in den Leiden meiner Krankheit mehr als je
vorher scheue--zu entziehen."

Der Huissier oeffnete die Thuer und meldete:

"Seine kaiserliche Hoheit der Prinz Napoleon."

Der Kaiser seufzte und zuckte unwillkuerlich die Achseln mit einer Miene,
welche anzudeuten schien, dass ihm dieser Besuch nicht allzu erfreulich
sei, indessen neigte er zustimmend den Kopf und ging mit freundlichem
Gruss dem Prinzen die Hand reichend, seinem Vetter entgegen, welcher
raschen und unruhigen Schritts in das Cabinet trat.

"Ich bin erfreut, Dich zu sehen, mein lieber Vetter," sagte der Kaiser,
"indessen habe ich nur wenige Augenblicke, da die Truppen bereits auf
dem Carousselplatz aufgestellt sind und die Stunde der Revue geschlagen
hat."

Der Prinz Napoleon war eine eigenthuemliche Erscheinung, welche man kaum
haette vergessen koennen, wenn man ihm einmal begegnet war. Sowohl in
seiner Figur, als in seinem olivenfarbenen scharf geschnittenen
bartlosen Gesicht mit dem kurzen schwarzen Haar zeigte er eine sehr
charakteristische Aehnlichkeit mit seinem grossen kaiserlichen
Oheim;--waehrend indess auf den Zuegen des Letzteren jene edle, antik
klassische Ruhe lag, welche die Koepfe aus der grossen Kaiserzeit des
alten Roms charakterisirt, waehrend die Augen des weltbeherrschenden
Imperators tief sinnend vor sich hinblickten oder weltentzuendende
zorngewaltige Blitze schleuderten,--lag in dem ganzen Wesen des Prinzen
eine zerfahrene Unruhe und fieberhafte Hast, welche mit dem antiken
Schnitt seines Gesichts durchaus nicht vereinbar schienen und seiner
ganzen Erscheinung den Ausdruck wohlthaetiger Ruhe und Harmonie raubten;
seine Augen blickten unstaet hin und her, seine Lippen zuckten in
fortwaehrend bewegtem Mienenspiel, und in kurzen Zwischenraeumen oeffnete
sich sein Mund zu einem unwillkuerlichen, krampfhaft nervoesen Gaehnen.
Auch seine Gestalt war staerker und gedrungener als die des grossen
Kaisers, und wenn er mit heftigen Gesticulationen seine Worte
begleitete, so brachten seine Bewegungen fast einen komischen Ausdruck
hervor.

Der Prinz trug einen schwarzen Civilmorgenanzug, einen hohen Cylinderhut
in der Hand, die grosse Rosette der Ehrenlegion im Knopfloch.

"Ich will Eure Majestaet nur einen Augenblick aufhalten," sagte er, mit
einer gewissen rauhen Betonung die Worte hervorstossend, "es draengt mich,
von Eurer Majestaet selbst zu hoeren, ob die Geruechte, welche die Stadt
zu durchlaufen beginnen, wahr sind. Eure Majestaet," fuhr er fort,
"kennen die tiefe Ergebenheit, welche ich fuer Sie hege als fuer den Chef
meiner Familie und fuer den liebevollen Freund meiner Jugend,--bei dieser
tiefen Ergebenheit muessen die Geruechte, welche so eben bis zu mir
gedrungen sind, mich mit tiefer Unruhe erfuellen."

"Und welche Geruechte meinst Du," fragte der Kaiser ruhig und kalt, indem
er sich in seinen Lehnstuhl niederliess und den vollen Blick seines gross
geoeffneten Auges auf den Prinzen richtete, welcher vor ihm stehen blieb
und vor diesem scharfen forschenden Blick mit leichter Verlegenheit die
Augen zu Boden schlug.

"Ich meine das Geruecht von dem Grafen Daru," sagte der Prinz rasch und
heftig, "ganz Paris spricht bereits davon. Man erzaehlt, dass Du," fuhr er
immer lebhafter fort, indem er die ceremonielle Haltung, welche er bei
seinem Eintritte angenommen hatte, vergass,--"das Plebiscit unter allen
Umstaenden durchfuehren willst, und dass deswegen Graf Daru, der in der
That nicht zu meinen Freunden gehoert, aber der dadurch in diesem
Augenblick populaer werden wird, sich von den Geschaeften zurueckziehen
will."

"Es handelt sich um keine Differenz zwischen dem Grafen Daru und mir,"
erwiderte der Kaiser. "Der Graf befindet sich in Meinungsverschiedenheit
mit Ollivier und den uebrigen Ministern, es ist eine vollstaendig
constitutionelle Krisis," fuegte er mit leichtem Laecheln hinzu, "in
welche ich einzugreifen ausser Stande bin."

"Eine constitutionelle Krisis," rief der Prinz lebhaft, indem er laut
auflachte und dann die Hand einen Augenblick vor den Mund hielt, um
einen Gaehnkrampf zu verbergen, der ihn erfasste,--"eine Meinungsdifferenz
mit Ollivier? Hat denn dieser Ollivier," fuhr er fort, "eine Meinung,
die nicht die Deinige ist?--Doch darum handelt es sich nicht, es handelt
sich nicht um die augenblickliche Situation," sprach er rasch
weiter,--"ob Daru bleibt oder geht, ist mir in der That sehr
gleichgueltig,--aber der Grund dieser Krisis--der Grund dieses
Plebiscits--was willst Du mit dem Plebiscit machen--wozu diese
fortwaehrenden Revuen in einer Zeit, in welcher alle militairischen
Fragen so vollstaendig in den Hintergrund treten,--Du hast einen Plan, Du
willst den Krieg, Du willst unter der Maske dieses Ollivier, unter dem
Schein des Constitutionalismus die Dictatur wieder herstellen, um
ploetzlich hervorbrechen zu koennen und den europaeischen Staatsstreich,
wie man es nennt, auszufuehren, oder vielleicht," fuhr er fort, indem
sein stechender Blick sich mit dem Ausdruck des Hasses und des Zorns
erfuellte, "oder vielmehr Andere wollen dies. Man will Dich dahin
bringen, es auszufuehren."

Der Kaiser hatte voellig unbeweglich ohne jeglichen Ausdruck auf seinem
Gesicht den heftigen Worten des Prinzen zugehoert, ein wenig auf die
Seite geneigt, liess er langsam die Spitzen seines Schnurrbarts durch die
Finger gleiten und sagte mit einem unendlich naiven Ton:

"Du glaubst?"

"Ja," rief der Prinz zornig, mit dem Fusse stampfend, "ich glaube es und
ich glaube auch, dass Du auf einen Weg gehst, der Frankreich, Dich und
uns Alle in's Verderben stuerzen wird,--wir koennen nicht schlagen,--ich
weiss es,--man taeuscht Dich,--Deine grosssprechenden Generale, dieser
Leboeuf an der Spitze, glauben, dass man mit Phrasen den Kampf gegen eine
so furchtbare Macht wie Preussen aufnehmen kann. Sie Alle haben gar keine
Idee von dem, was man zum Kriege noethig hat--selbst Niel waere nach
meiner Ueberzeugung noch nicht fertig fuer einen so gewaltigen Kampf, aber
diese--die Dich jetzt umgeben, haben das Werk Niels nicht nur nicht
fortgesetzt, sie haben es wieder zu Grunde gerichtet. Deine Armee ist in
Unordnung, die Festungen sind nicht im gehoerigen Stand, die Magazine
sind nicht gefuellt, die Organisation der Militairverwaltung ist mehr als
mangelhaft, und wenn Du Dich zu diesem Kriege hinreissen laesst, so wirst
Du,--ich wiederhole es--uns Alle zu Grunde richten."

Der Kaiser blieb fortwaehrend unbeweglich.

"Ich begreife nicht, mein lieber Vetter, wie Du auf diese Idee
kommst,--es ist ja nicht die kleinste Wolke am politischen Himmel, und
es handelt sich ja in diesem Augenblick ganz ausschliesslich nur um
innere Fragen. Was uebrigens unsere Armee und die Militairverwaltung
betrifft, so ist die Ansicht sehr bewaehrter Generale eine andere als die
Deinige und," fuegte er mit einem mehr gutmuethigen als ironischen Laecheln
hinzu, "jenen steht vielleicht eine groessere praktische Erfahrung als Dir
zur Seite."

"Es gehoert nicht eine allzu grosse praktische Erfahrung dazu," erwiderte
der Prinz in entruestetem Ton, "um das zu sehen, was Jedermann sehen kann
und was man Dir allein mit Erfolg zu verbergen sucht, da Dein zu grosses
Vertrauen Dich verhindert, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich bitte
Dich, untersuche wenigstens, bevor Du Dich zu gefaehrlichen
Unternehmungen hinreissen laesst, genau den Zustand der Armee,--untersuche
ganz besonders den Zustand der Flotte, dieser ist noch bedenklicher als
der der Landtruppen."

"Mein liebes Kind," sagte der Kaiser in einem vaeterlichen freundlichen
Ton, "Du agitirst Dich ohne Grund, glaube mir, die Absichten, die Du
voraussetzest, bestehen nicht."

"Sie bestehen nicht?" rief der Prinz. "Sie bestehen vielleicht bei Dir
nicht, aber sie bestehen rings um Dich her, und man wird Dich so
umgarnen, man wird alle Verhaeltnisse so drehen und wenden, dass Du
schliesslich nicht anders koennen wirst, als die Plaene derer auszufuehren,
welche in ihrer Verblendung dazu bestimmt scheinen, Dich und uns Alle
in's Unglueck zu stuerzen. Die Kaiserin--"

Der Kaiser stand auf; fuer einen Augenblick schien er vollkommen Herr
ueber die Schwaeche zu sein, welche seine Haltung gewoehnlich unsicher und
schwankend erscheinen liess. Er richtete den Kopf hoch empor, seine Augen
oeffneten sich weit und leuchteten im tiefen Glanz auf, aus seinen Zuegen
strahlte eine wunderbare Hoheit und Ueberlegenheit, und mit einer
vollen, metallisch klingenden Stimme sprach er:

"Mein lieber Vetter, ich bin das Haupt unserer Familie und das erwaehlte
Oberhaupt der franzoesischen Nation, ich trage die Verantwortlichkeit fuer
meine Entschliessungen und bin mir dieser Verantwortlichkeit vollkommen
bewusst,--auf meine Entschliessungen aber hat Niemand Einfluss, als die
ruhige Erwaegung und die richtige Beurtheilung der Verhaeltnisse,
Niemand," wiederholte er mit strenger Betonung, "und auch kein Glied
meiner Familie--kein Glied derselben ohne Ausnahme."

Er schwieg einen Augenblick, dann fuegte er mit milderem Ton hinzu, indem
er dem Prinzen die Hand reichte:

"Ich danke Dir fuer Deine Theilnahme an dem Geschick Frankreichs und an
dem Meinigen und bin ueberzeugt, dass, wenn ernstere Ereignisse eintreten
sollten, wozu in diesem Augenblick nicht die geringste Veranlassung
vorliegt, Du an dem Platz, an welchem ich Dich dann zu stellen
beschliessen werde, mit voller Hingebung und Selbstverleugnung Deine
Schuldigkeit thun wirst.

"Ich bin," sagte er mit hoeflichem, aber bestimmtem Ton, "bereit, mit Dir
in ruhigen Augenblicken diese Unterhaltung fortzusetzen; fuer jetzt muss
ich Dich bitten, mich zu entschuldigen, denn die Stunde der angesagten
Revue ist bereits vorueber, und Du weisst, dass selbst unser grosser Oheim
den unumstoesslichen Grundsatz hatte, die Truppen niemals warten zu
lassen, sondern ihnen stets das Beispiel genauester Puenktlichkeit zu
geben."

"Du willst mich nicht hoeren," rief der Prinz heftig,--"Du kannst Dich
noch immer nicht gewoehnen, in mir den reifen Mann zu sehen, Du glaubst
also den Fremden mehr--als mir, der ich Dir doch wahrlich am naechsten
stehe. Nun, ich werde nicht muede werden, auch auf die Gefahr hin, Dir zu
missfallen, bis zum letzten Augenblick Dir meine Meinung zu sagen."

"Und ich werde Dich immer mit Aufmerksamkeit und mit der alten Liebe
anhoeren, die ich Dir stets bewiesen habe," sagte der Kaiser, indem er
seinem Vetter die Hand reichte, "auf Wiedersehen!"

Der Prinz drueckte die Hand des Kaisers so heftig, dass dieser sie schnell
zurueckzog. Seine Lippen oeffneten sich, es schien, als wolle er noch
Etwas sagen, doch er verneigte sich nur schweigend und sich schnell
umwendend, stuermte er aus dem Cabinet hinaus.

"Welch' ein unregelmaessiger Geist," sagte der Kaiser, ihm nachblickend,
"wie schade ist es um all' die vortrefflichen Eigenschaften, welche er
besitzt, um all' die grossen Keime, welche unerschlossen in ihm ruhen
oder welche nach falscher Richtung hin sich entwickelt haben.--Was meine
Verwandten betrifft," sagte er dann mit einem halb ironischen, halb
wehmuethigen Laecheln, "so koennten die Prinzen der aeltesten und
legitimsten Dynastie ihrem Souverain kaum mehr Verlegenheit bereiten,
als meine Herren Vettern es mir thun,--dieser unglueckliche Pierre, der
Victor Noir erschossen,--Murat, der diesen kleinen Lecomte
gepruegelt--und dieser Napoleon, der seinen reichen Geist und seine
wirklich tiefen Kenntnisse nur dazu benutzt, um ueberall Verwirrungen zu
stiften,--vielleicht sollte ich strenge gegen ihn sein, ich sollte ihn
mehr fuehlen lassen, dass ich der Chef des Hauses und der Souverain
Frankreichs bin, denn zuweilen ueberschreitet er wirklich die Grenzen des
Erlaubten. Aber," sagte er, den Kopf sinnend auf die Brust senkend, "ich
habe eine Schwaeche fuer ihn,--ich habe ihn ein wenig mit erzogen,--in
seinen Adern rollt das Blut des grossen Kaisers, und dann--er ist der
Bruder dieser so edlen und so grossherzigen Mathilde,--die unter Allen
meine treueste Freundin ist."

Er faltete die Haende und blieb laengere Zeit in tiefem Sinnen stehen,
dann fuhr er auf, strich mit der Hand ueber die Stirn, als wolle er
Bilder und Erinnerungen verscheuchen, die vor ihm aufgestiegen waren,
warf einen raschen Blick auf seine Uhr und begab sich schleunigst in
sein Toilettenzimmer.

Auf dem Carousselplatz innerhalb des grossen Vierecks, welches die durch
den Kaiser vereinigten Palaeste der Tuilerien und des Louvre bildeten,
war eine Division Infanterie aufgestellt, darunter das zweite Regiment
der Grenadiere der Garde mit den gewaltigen Baerenmuetzen, welche man auf
den Schlachtenbildern des ersten Kaiserreichs erblickt und welche noch
bis zu jener Stunde den Stolz der alten Garde bildeten; die langbaertigen
Sappeurs mit ihren weissen Schurzfellen, ihren hohen Stulphandschuhen und
ihren blitzenden Beilen an der Spitze der Bataillone--daneben acht
Batterien der Artillerie mit der an die deutschen Husaren erinnernden
Uniform, den Dolmans und Colpacks,--die Garde de Paris und die
Seine-Gendarmerie zu Pferde, welche fast unveraendert die Uniform der
Grenadiere a Cheval des ersten Kaiserreichs trugen; neben diesen standen
die Pompiers, diese militairische Feuerwehr mit ihren blitzenden Helmen.

Eine grosse Menschenmenge umringte, von den Sergeants de Ville
zurueckgehalten, die Aufstellung der Truppen, deren Waffen im hellen
Sonnenschein blitzten.

Das alte Schloss der Tuilerien und alle diese Uniformen nach den Mustern
des ersten Kaiserreichs riefen lebhaft die Bilder der Vergangenheit in's
Gedaechtniss. Und als nun das Gitterthor an dem innern Hof der Tuilerien
sich oeffnete, die zwei davor haltenden Kuerassierposten sich militairisch
empor richteten,--als die Suite der Adjutanten und Ordonnanzofficiere
vor dem Haupteingang des Palastes sich rangirten, die Reitknechte die
Pferde heranfuehrten und der Marschall Canrobert, der in der
goldglaenzenden Uniform mit den weissen wallenden Federn auf dem
goldbordirten Hut, den Marschallstab in der Hand, von seiner Suite
umgeben, in der Mitte der Truppnenaufstellung hielt, sich in dem Sattel
aufrichtete und noch einen letzten Blick ueber die in musterhafter
Haltung dastehenden Truppen warf, da haette man fast erwarten koennen, aus
dem grossen Portal der Tuilerien heraus die kleine Gestalt des
welterobernden Caesars mit dem ehernen Gesicht und dem leuchtenden
Feldherrnblick hervortreten zu sehen, um wie an dem Tage der grossen
Vergangenheit seine Soldaten zu mustern, welche die Adler Frankreichs
siegreich nach allen Hauptstaedten Europa's getragen hatten.--

Die Stallknechte fuehrten das schoene weisse Leibpferd des Kaisers vor das
Portal.

Etwas unsichern Ganges erschien Napoleon III. in der
Generallieutenants-Uniform, das grosse rothe Band der Ehrenlegion ueber
der Brust. Die Hinfaelligkeit seiner Gestalt, die krankhafte Schlaffheit
seiner Gesichtszuege waren in der militairischen Kleidung noch sichtbarer
und auffaelliger, als im Civilanzug. Er setzte den Fuss in den Buegel und
langsam, mit einer gewissen Anstrengung hob er sich in den Sattel
hinauf. Ein Augenblick zuckte es wie stechender Schmerz durch sein
Gesicht, dann nahm er wie mit lebhafter Willensanstrengung eine feste
Haltung an; und selbst jetzt, trotz seiner von Alter und Krankheit
gebrochenen Kraft konnte man doch noch eine Spur jener Leichtigkeit und
Sicherheit erkennen, welche ihn einst zu einem der besten Reiter
Europa's gemacht hatten.

Die ganze glaenzende militairische Suite des Kaisers, welche ihn zu
Fuss erwartet hatte, sass in demselben Augenblick, in welchem der
Kaiser in den Sattel gestiegen war, zu Pferde. Hundert Garden
mit den goldglaenzenden antiken Helmen und den blauen gold- und
scharlachschimmernden Uniformen sprengten vor; und langsam ritt der
Kaiser durch das Gitterthor der Truppenaufstellung entgegen.

Marschall Canrobert und sein Stab sprengten heran, der Marschall gruesste
mit dem Stabe und erhob denselben dann, indem er sich nach den Truppen
hinwandte; in demselben Augenblick begannen die saemmtlichen Musikkorps
jene einfache Melodie zu spielen, welche die schoene Hortense Beauharnais
einst fuer die alte Romanze "partant pour la Syrie" componirt hatte, die
man zu jener Zeit nicht auf den jeune et beau Dunois, sondern auf den
vom ersten glaenzenden Strahl seines Ruhmes beleuchteten Feldherrn bezog,
der spaeter die Krone Karl des Grossen auf sein Haupt zu setzen bestimmt
war. Zu gleicher Zeit brauste in donnerndem Ruf das "Vive l'empereur"
von allen Truppenabtheilungen herueber.

Der Kaiser nahm den Hut ab, und sein Blick flog ueber diese blitzenden
Geschuetze, ueber diese kuehn blickenden Maenner, ueber diese schnaubenden
Pferde hin--ein Augenblick faerbte ein leichtes Roth seine Zuege, seine
Augen leuchteten auf, fester richtete er sich im Sattel empor; da fiel
sein Blick auf die Menge, welche sich bis dicht an die Truppen
herangedraengt hatte und am Eingang des Gitterthors hoechstens zehn
Schritt von ihm entfernt war.

In der ersten Reihe der Zuschauer sah er eine lange, hagere Gestalt
stehen, in zerrissene Lumpen gehuellt, das Haupt, welches aus diesen
Lumpen hervorragte, war unbedeckt, sein dunkles Haar hing ungeordnet um
die Schlaefen herab; unter der vorspringenden niedrigen Stirn blickten
dunkle tief liegende Augen hervor, eine lange, weit vorspringende Nase,
tief eingesunkene Wangen und ein struppiger Bart gaben diesem Gesicht
etwas Fanatisches und Krankhaftes.

Der Blick des Kaisers wurde unwillkuerlich durch diese Erscheinung
gefesselt, denn der Mann, der da unbeweglich stand, sah ihn mit einer
Gluth so wilden und unversoehnlichen Hasses an, dass der Kaiser
zusammenschauerte. Er wandte sich einen Augenblick um, als wolle er
einen Befehl geben, dann blickte er wieder auf jenen Mann hin, dessen
beide Haende frei waren und der ohne jede Bewegung starr wie eine
Bildsaeule da stand,--noch einmal erhob sich gewaltig und weithin ueber
den Platz schallend das "Vive l'empereur" der Truppen.

Dann trat eine augenblickliche tiefe Stille ein, der Marschall Canrobert
sprengte an die Seite des Kaisers, um ihn beim Heranreiten der Fronte zu
begleiten.

Napoleon gab seinem Pferde einen leichten Schenkeldruck, indem er noch
einmal wie fascinirt nach jenem in Lumpen gehuellten Mann hinsah.

Da trat dieser Mann ploetzlich einige Schritte vor, immer die Augen voll
grimmigen fanatischen Hasses auf den Kaiser gerichtet. Er erhob die Arme
nicht, er machte keine Bewegung, aber mit einer lauten, gellenden
Stimme, welche schaurig durch die augenblickliche Stille, die dem lauten
Rufen der Truppen gefolgt war, ueber den Hof hinschallte, rief er mehrere
Male hinter einander:

"Nach Cayenne! Nach Cayenne!"

Napoleon parirte sein Pferd, die ganze Suite hielt an, ein Ruf des
Entsetzens ertoente aus der naechsten Umgebung des Kaisers. Verschiedene
Officiere waren im Augenblick vom Pferde gesprungen und hatten im Verein
mit einer grossen Anzahl von Sergeants de Ville und Polizeibeamten in
Civil, welche im Nu aus der Menge der Zuschauer hervorbrachen, den
Unbekannten umringt und festgenommen.

Er machte keine Miene des Widerstands und liess sich, nachdem er noch
einmal einen Blick tiefen und unversoehnlichen Hasses auf den Kaiser
geworfen, nach dem Erdgeschoss der Tuilerien hinfuehren.

Napoleon hatte schnell mit der ihm stets eigenen Selbstbeherrschung
seine Ruhe wiedergefunden.

"Ein armer Wahnsinniger," sagte er laechelnd zu dem Marschall Canrobert
gewendet, und in kurzem Galopp sprengte er, von seiner glaenzenden Suite
gefolgt nach dem Fluegel der Truppenaufstellung; langsam ritt er dann
die Reihen hinunter, und noch enthusiastischer als vorher wurde er
ueberall mit jubelnden Zurufen begruesst.

Er schien aus seiner frueheren gleichgueltigen Lethargie erwacht zu sein,
und mit stolzem festem Blick sah er diese herrlichen Truppen an, die ihm
so laut und freudig ihre Ergebenheit beweisen wollten. Laechelnd machte
er dem Marschall seine Complimente ueber die Haltung der Truppen, dann
sprengte er zurueck, nahm eine Aufstellung vor dem Gitterthor--seiner
Suite weit voran, und indem er einen scharfen, festen, herausfordernden
Blick auf die herandraengende Menge warf, gab er das Zeichen zum Beginn
des Vorbeimarsches. Waehrend die einzelnen Regimenter vor ihm
vorbeidefilirten, nach franzoesischer Sitte als Zeichen ihrer
begeisterten Huldigung die Kopfbedeckungen an der Spitze ihrer Waffen
schwingend, ertoente von Neuem immer und immer wieder der alte Ruf "Vive
l'empereur", welcher schon so oft und in grossen Augenblicken von diesen
altersgrauen Mauern wiederhallt war an derselben Stelle, wo die
sterbenden Diener des versinkenden Koenigthums zum letzten Male "Vive le
roi" gerufen hatten, und wo bereits zwei Mal eine wilde blutige Masse
ihr "Vive la Republique" geheult hatte.

Die Revue war beendet, der Kaiser dankte dem Marschall und den
Officieren, ritt langsam zum Portal zurueck, stieg ab und begab sich,
sein Gefolge freundlich mit der Hand gruessend, nach seinem Cabinet
zurueck.

Hier angekommen warf er sich erschoepft in seinen Lehnstuhl, die stolze
und feste Haltung, welche er den Truppen gegenueber beobachtet hatte,
verschwand, koerperlicher Schmerz und tiefe Niedergeschlagenheit zeigte
sich in seinen schlaffen, zusammensinkenden Gesichtszuegen.

"Ist der Polizeipraefect hier?" fragte er den Kammerdiener, welcher ihm
Hut und Handschuhe abnahm.

"Er befindet sich in einem Zimmer des Erdgeschosses und verhoert den
Elenden, welcher es gewagt, Eure Majestaet zu insultiren."

"Ich lasse ihn bitten, sogleich zu mir zu kommen."

Er sank in sich zusammen und erwartete schweigend die Ankunft des Chefs
der Polizei.

Nach kurzer Zeit trat Herr Pietri in das Zimmer. Dieser Leiter der weit
ausgedehnten Polizei von Paris war eine schmaechtige schlanke Gestalt,
geschmeidig und biegsam,--sein Kopf mit der weit vorspringenden, stark
gewoelbten Stirn war oberhalb spitz emporspringend, das duenne dunkle Haar
lag auf den Schaedel glatt an und bildete zur Seite der tief
eingefallenen Schlaefen zwei kleine, etwas abstehende Locken. Die
Backenknochen standen stark hervor, die Augen lagen so tief zurueck, dass
der scharfe stechende Blick wie aus dunklen Schatten hervorblitzte; die
stark gebogene Nase hing weit raubvogelartig gekruemmt ueber den von einem
langen schwarzen Schnurrbart verdeckten Mund herab. Der ganze Eindruck
dieses eigenthuemlichen, gelb gefaerbten Gesichts war ernst, kalt und
finster.

"Was fuer ein Mensch ist das?" fragte Napoleon mit leichtem Kopfnicken
den Gruss des Polizeichefs erwidernd.

"Er heisst Lezurier," erwiderte Pietri. "Trotz der Lumpen, in welche er
gehuellt war," fuhr er fort, "fand man bei ihm eine Boerse mit elftausend
Francs in Gold, drei Staatsrentenbriefe ueber dreissigtausend Francs
jaehrlicher Rente und ein Dolchmesser. Man hat sofort seine Wohnung
ermittelt, und soeben berichtet man mir, dass bei der ersten Nachsuchung
eine Menge von Waffen dort entdeckt worden ist, Keulen, Saebel, Lanzen,
Revolver, Todtschlaeger, Dolche, Bayonette und Stockdegen, ausserdem fand
man in einem alten Pult noch sechzigtausend Francs in Gold. Seine ganze
Behausung ist hoechst aermlich, er ass bei einem Lumpensammler in der
unmittelbaren Nachbarschaft, bezahlte demselben monatlich dreissig
Francs."

"Raethselhaft," sagte der Kaiser tief nachdenkend. "Und was hat er
bezweckt? Was war der Grund seiner Handlung?"

"Er setzt allen Fragen ein hartnaeckiges Schweigen entgegen," erwiderte
Pietri.

Ein rascher Entschluss blitzte im Auge des Kaisers auf.

"Fuehren Sie ihn her, ich will ihn sehen," sprach er,--"ich will ihn
selber fragen."

"Sire," sagte Pietri fast erschrocken, "Eure Majestaet wollen--"

"Er konnte mir doch in der That," sagte der Kaiser, "draussen auf dem
Tuilerienhof gefaehrlicher werden, als hier in meinem Zimmer, nachdem man
ihm alle Mittel zu schaden abgenommen hat. Fuehren Sie ihn mir hierher,
aber kommen Sie allein mit ihm, lassen Sie keinen untergeordneten
Beamten mit eintreten. Wir werden uns ja wohl gegen ihn verteidigen
koennen," fuegte er laechelnd hinzu.

Pietri verneigte sich und ging hinaus. Nach einigen Augenblicken kehrte
er zurueck--ihm folgte, von zwei Polizeibeamten bis zur Thuer gefuehrt,
der raethselhafte Unbekannte.

Derselbe trat ruhigen und festen Schrittes ein und blieb in einiger
Entfernung von der Thuer stehen. Sein Anblick war erschreckend, die
ohnehin schon zerfetzten Lumpen, die ihn einhuellten, waren bei seiner
Arretirung noch mehr zerrissen und hingen in fast formlosen Stuecken um
seinen Koerper her, von einem Schlage, den er erhalten, hatte seine Nase
geblutet, auch hatte er eine nicht unbedeutende Wunde an der Stirn
erhalten, sein Gesicht war mit Blut befleckt und seine Haare klebten an
den Schlaefen mit Blut und Staub fest, er war noch bleicher als vorher
und seine unheimlich gluehenden Augen blickten mit demselben tiefen und
unversoehnlichen Hass zu dem Kaiser hinueber.

Napoleon sah diesen Mann lange schweigend an, die Schleier, welche fast
immer seine Augen verhuellten, waren verschwunden, voll und frei ruhte
sein forschender Blick auf der Gestalt des Gefangenen, doch fand der
grimmige Ausdruck des Hasses, welcher dessen Zuege erfuellte, in den Augen
des Kaisers keine Erwiderung. Er sah diesen Mann mit einer Mischung von
Verwunderung und wehmuethiger Trauer an.

"Sie haben," fragte Napoleon endlich mit sanfter Stimme, "so eben in
dem Hof der Tuilerien einen Ruf ausgestossen, den man als eine feindliche
Demonstration gegen mich deutet. Ich wuensche von Ihnen selbst zu
erfahren, was Sie dabei bezweckt haben, ob es wirklich Ihre Absicht war,
den Souverain Ihres Landes, welchen die grosse Majoritaet der Buerger
Frankreichs auf den Thron berufen, zu beleidigen? Warum haben Sie den
Ruf ausgestossen "nach Cayenne?"

Lezurier machte keine Bewegung, nur wurde die zornige Gluth seines auf
den Kaiser gerichteten Blickes noch wilder und intensiver, und mit einer
heisern, aber scharf und deutlich die Worte betonenden Stimme sprach er:

"Ich habe das Geschrei der Soldaten gehoert, welche vive l'empereur
riefen, da erfasste mich ein unbezaehmbarer Zorn, und mein ganzes Wesen
loderte auf in wilder Wuth, als ich Denjenigen jubelnd begruessen hoerte,
dessen Verbrechen gegen Frankreich und seine Freiheit ihn zu jenem
todtbringenden Exil haetten verurtheilen muessen, in welches er so viele
Maertyrer der heiligen Sache des Volkes geschickt hat--nach Cayenne!"

Der Kaiser sah den Mann gross an und schuettelte langsam mit einem fast
mitleidigen Laecheln den Kopf.

"Man hat ein Messer bei Ihnen gefunden," sagte er, "und ein kleines
Waffenarsenal in Ihrer Wohnung. Hatten Sie die Absicht, mich zu toedten?"

"Nein," erwiderte Lezurier, "diese Absicht hatte ich nicht. Ich war nur
auf den Tuilerienhof gekommen, um meinen heiligen Hass durch den Anblick
des Tyrannen zu kraeftigen. Die Sache des Volkes bedarf des Meuchelmordes
nicht, welcher wohl den Tyrannen toedten, aber nicht die Tyrannei
vernichten wuerde."

"Wozu also diese Waffen?" fragte der Kaiser--"ausserdem," fuegte er hinzu,
"hat man viel Geld bei Ihnen gefunden, und doch sind Sie in Lumpen
gekleidet."

"Ich habe mein Vermoegen und mich," erwiderte Lezurier immer in demselben
Ton, "der Sache des Volkes gewidmet, fuer mich will ich nur uebrig
behalten, was zur nothduerftigsten Ernaehrung und Bekleidung meines
Koerpers unerlaesslich ist. Alles Uebrige war bestimmt, bei der grossen
Erhebung des Volkes verwendet zu werden, welche sich vorbereitet, welche
kommen wird und welche Sie herabschleudern wird in den Abgrund, aus
welchem Sie heraufgestiegen."

"Warum haben Sie denn," fragte der Kaiser weiter, "den Ruf ausgestossen,
der Sie den Gesetzen ueberliefert und alle Ihre Vorbereitungen erfolglos
macht?"

"Ich habe es gethan," erwiderte Lezurier, "weil die augenblickliche
Entruestung mich uebermannte, weil eine blutige Wolke meinen Blick
verdunkelte, weil ich nicht mehr Herr meiner selbst war. Ich bereue es,
dass ich es gethan, weil ich meine Kraft und meine Mittel dadurch fuer den
grossen heiligen Kampf gehemmt habe, der aber," fuhr er fort, "dessen
ungeachtet begonnen und siegreich durchgefuehrt werden wird. Ein
Einzelner mehr oder weniger in der Phalanx des Volkes kann auf den
Erfolg keinen Einfluss haben."

"Sie sind nicht, was Sie scheinen," erwiderte der Kaiser, "Ihre Worte
sprechen von hoeherer Bildung, als Ihre Kleidung vermuthen laesst."

"Je hoeher mein Geist gebildet ist," erwiderte Lezurier, "um so mehr muss
ich das Elend Frankreichs erkennen und die Mittel zu seiner Beseitigung
suchen. Je reiner meine Gesinnungen sind und je fester mein Charakter
sich entwickelt hat, mit um so hoeherer Begeisterung muss ich meine ganze
Existenz fuer die Freiheit Frankreichs einsetzen,--um so gluehender muss
ich Denjenigen hassen, welcher diese Freiheit verraetherisch geknechtet
hat."

"Wenn Sie mich hassen," sagte der Kaiser mit einer sanften, fast
weichen Stimme, "so koennen Sie mich doch nicht fuer klein halten, Sie
wuerden mir sonst nicht sagen, was Sie so eben ausgesprochen."

"Mein unbesonnener Ruf," erwiderte Lezurier, "hat mich ohnehin in Ihre
Haende geliefert und meine Theilnahme am Kampf der Zukunft beinahe
unmoeglich gemacht, ich kann mir also die Genugthuung gewaehren, dem
Tyrannen in's Gesicht zu sagen, was ich von ihm denke. Er hat ja doch
nur die Macht," fuegte er mit veraechtlichem Achselzucken hinzu, "diesen
Koerper zu vernichten, diese Form zu zerbrechen, in welcher ein kleiner
Theil jenes Geistes eingeschlossen ist, der im gewaltigen
unwiderstehlichen Flug die Truemmer seines Thrones fortreissen wird in die
Abgruende der ewigen Vernichtung!"

"Und was wollten Sie mit jenen Waffen machen," fragte der Kaiser,
"welche Sie in Ihrer Wohnung aufgesammelt haben, mit jenem Gelde,
welches Sie dort aufbewahrten?"

"Die Waffen wollte ich am Tage der grossen Erhebung allen Denen in die
Hand druecken," erwiderte Lezurier, "welchen ich begegnen wuerde, deren
Arm noch nicht bewehrt waere, um dem Zorn und dem Hass ihres Herzens
Nachdruck zu geben. Mit dem Gelde wollte ich die Kaempfer ernaehren und
die Verwundeten pflegen."

"Stehen Sie mit Andern in Verbindung?" fragte der Kaiser weiter.

Ein finsterer Hohn zuckte um die Lippen Lezurier's.

"Sie sind gewoehnt," erwiderte er, "den Verrath zu erkaufen. Aber," fuhr
er fort, "ich habe Nichts zu verrathen, und was ich weiss, kann ich laut
aussprechen, ohne irgend Jemanden in die Haende Ihrer Haescher zu liefern.
Mein Verbuendeter ist das Volk von Frankreich in seiner grossen Mehrheit,
das denkt und fuehlt wie ich, das aber vielleicht nicht immer und nicht
ueberall dieselbe Energie und Thatkraft hat, welche ich angewandt haben
wuerde zur Erreichung des grossen Ziels--zur Befreiung des Vaterlandes!"

"Sie haben mich beleidigt," sagte der Kaiser, "dafuer sind Sie dem Gesetz
verfallen, doch liegt in meinen Haenden das schoene Recht der Gnade, und
ich mache Gebrauch davon, indem ich Ihnen die Beleidigung verzeihe,
welche Sie gegen mich ausgestossen. Derjenige," sprach er stolz den Kopf
erhebend, "den die grosse Mehrzahl seiner Nation vertrauensvoll auf den
Thron berufen, kann die Beleidigung eines Einzelnen leicht vergeben.
Aber Sie haben Vorbereitungen getroffen," fuhr er fort, "um nicht mir
allein zu schaden, sondern um die Staatsordnung, welche die franzoesische
Nation sich in freier Entschliessung gegeben, zu zerstoeren. Wollen Sie
sich verpflichten, in Paris unter den Augen der Sicherheitsbehoerde ruhig
zu leben, so will ich Ihnen Ihre Freiheit schenken und Ihnen auch das
verzeihen, was Sie gegen den Staat und gegen die oeffentliche Ordnung
gethan und beabsichtigt haben. Wollen Sie mir das versprechen?" fuegte er
fast in bittendem Ton hinzu.

"Nein," erwiderte Lezurier kalt und starr, "ich will Sie nicht
betruegen,--ich will nicht," fuegte er mit bitterem Hohn hinzu, "in Ihre
kaiserliche Praerogative der Luege eingreifen, ich wuerde vom ersten
Augenblick an meine ganze Kraft, mein ganzes Denken wiederum darauf
richten, die grosse Revolution zu foerdern und herbei zu fuehren, welche
bestimmt ist, Ihre Herrschaft zu zertruemmern."

"Dann," erwiderte der Kaiser, "kann ich Nichts fuer Sie thun, und der
Ruf, den Sie ausgestossen, wird Ihr Urtheil sein."

Lezurier schwieg, ohne eine Bewegung zu machen, ohne eine Miene seines
Gesichts zu veraendern.

"Ich wuensche nicht," sagte der Kaiser nach einigen Augenblicken, "dass
irgend Jemand anders durch Sie leidet. Das Vermoegen, welches Sie in
wahnsinniger Verblendung zum Kampf gegen den Staat und die Gesellschaft
bestimmten, soll Ihrer Familie zurueckgegeben werden. Haben Sie
Angehoerige?"

Die Zuege des Gefangenen verzerrten sich im daemonischen Hass.

"Ich hatte ein Weib," sagte er, "sie ist lange todt und hinterliess mir
einen Sohn. Dieser Sohn und ein Bruder, juenger als ich, bildeten meine
ganze Familie. Beide sind gefallen auf den Barrikaden unter den
Kartaetschenkugeln, welche die Bahn oeffneten fuer den blutigen Triumphzug
Ihrer kaiserlichen Herrlichkeit."

Die Zuege des Kaisers nahmen einen Ausdruck unendlicher Weichheit und
Milde an, seine gross geoeffneten Augen schimmerten im feuchten Glanz, er
stuetzte einen Augenblick den Kopf in die Hand und seufzte tief auf, dann
blickte er noch einmal voll mitleidiger Theilnahme auf diese in Lumpen
gehuellte Gestalt, auf dieses blutbefleckte bleiche Gesicht und sagte.

"Ich habe versucht, was ich versuchen konnte, um Boeses mit Gutem zu
vergelten, Sie haben Alles zurueckgewiesen und fuer das Schicksal, das
Ihnen bevorsteht, werden Sie mir keinen Vorwurf zu machen haben."

Er winkte mit der Hand. Pietri oeffnete die Thuer und uebergab den
Gefangenen den beiden Polizeibeamten, zwischen denen derselbe hoch
aufgerichtet mit festem Schritt das Cabinet verliess.

"Welches Urtheil erwartet ihn?" fragte der Kaiser.

"Die Deportation," erwiderte Pietri.

"Man soll ihn mit Milde behandeln," sagte Napoleon, "und auch sein Exil,
wenn er zu demselben verurtheilt wird, so schonend als moeglich
einrichten,--er ist krank,--er _muss_ krank sein,--ein gesunder Geist
kann einen solchen Hass nicht entwickeln. Besorgen Sie, dass er aerztlich
untersucht wird."

Er winkte entlassend mit der Hand, mit tiefer Verbeugung zog sich der
Polizeipraefect zurueck.

Der Kaiser sass lange in tiefem, finsterm Schweigen versunken.

"Ist es wahr," sagte er endlich mit dumpfem Ton, "ist wirklich die Masse
des Volks von Frankreich der Verbuendete dieses Rasenden,--muesste ich
wirklich um dieses aus der Tiefe herauf gaehrenden Hasses Herr zu werden,
von Neuem meinen kaiserlichen Purpur in Blut tauchen? Waere es da nicht
besser, wie jener alte Roemer sich selbst in den Abgrund zu stuerzen zur
Versoehnung des Schicksals, als diesen Abgrund mit Hekatomben von
Menschenopfern zu fuellen,--ist die Gestalt dieses Mannes der mahnende
Geist, den das Verhaengniss vor mir ansteigen liess, wie es einst bei
Philippi dem traeumenden Brutus jene drohende Erscheinung sandte? Oh,"
rief er, die Haende faltend und den Blick nach oben richtend, "gieb mir
Licht in diesem Dunkel, Du grosse Vorsehung, welche mich auf so
wunderbaren Wegen bis hierher gefuehrt hat,--gieb mir Kraft," fuegte er
mit tief schmerzlichem Ausdruck hinzu,--"denn wo die Kraft ist, da ist
das Licht,--meine Kraft aber versiegt und zerbricht,--und hoeher und
hoeher steigt die Dunkelheit herauf, welche meinem Geist das klare
Erkennen raubt."

Er sank in sich zusammen und blieb wie gebrochen in seinem Lehnstuhl
sitzen.




Achtes Capitel.


Einige Meilen unterhalb Hannovers fast hart an dem Ufer der Leine
liegt das Dorf Bodenfeld.

Der Ort im flachen Lande inmitten reicher Wiesen und ueppigen
Fruchtfeldern gelegen, bietet nur wenig Naturschoenheiten und besteht aus
geschlossenen Gehoeften, welche, in einiger Entfernung von einander
bestehend, unregelmaessige, aber gut und sauber gehaltene Strassen bilden,
die von der Wohlhabenheit und dem Ordnungssinn der Bevoelkerung zeugen.

Trotz der verhaeltnissmaessig geringen Einwohnerzahl bietet Bodenfeld sowohl
wegen seiner Lage, als wegen des Reichthums und des ausgedehnten
Grundbesitzes seiner Bewohner den Mittelpunkt der Gegend.

Es hatte eine grosse und schoene Kirche mit einem stattlichen, von einem
freundlichen Garten umgebenen Pfarrhause; daneben in einiger Entfernung
von der Kirche lag das weite und geraeumige Amthaus; denn man hatte auch
den Amtssitz bei der neuen Verwaltungsorganisation hierher gelegt, um
den Eingesessenen bequemere Gelegenheit zu geben, den Mittelpunkt der
Localverwaltung zu erreichen.

Die Haeuser der Bauerngehoefte zeugten alle von Wohlhabenheit, grosse
Viehstaelle umgaben sie, und ihre Eigenthuemer, obwohl in die
eigenthuemliche Tracht des Landes gekleidet und nach alter einfacher
Sitte lebend, wuerden doch nach der Ausdehnung ihrer Laendereien, nach der
Zahl ihrer Gespanne und ihres Viehstandes, nach der Menge der von ihnen
beschaeftigten Knechte und Arbeiter in andern Gegenden kaum noch fuer
Bauern gegolten haben.

Ein kleiner Hof am Ende des Dorfes stach ein wenig gegen die uebrigen
reichen Besitzungen ab.

In der Mitte einer fast im regelmaessigen Viereck sich ausdehnenden
Feldmark lag ein kleines, einfaches Haus, daneben ein sauber gehaltener
Obstgarten, eine Allee von Obstbaeumen fuehrte von dem Hause durch das
Feld hin zu der in einiger Entfernung vorueberziehenden Landstrasse.

Auf der andern Seite des Wohngebaeudes lag ein kleiner Hof, von Staellen
umgeben, ein Taubenschlag in der Mitte; in den Staellen standen drei
sauber gepflegte Kuehe, zwei Zug Ochsen und zwei jener starken kraeftigen
Pferde, an welchen das hannoeversche Land so reich ist; den reinlichen,
mit gelbem Sand bestreuten Hof belebte zahlreiches und vortrefflich
gehaltenes Federvieh; hinter den glaenzenden, blank geputzten Scheiben
der kleinen Fenster sah man einfache, aber blendend weisse Gardinen,
bluehender Geranium leuchtete im dunklen Roth durch die Scheiben; kurz
Alles trug den Stempel von Wohlhabenheit, Ordnung und Behaglichkeit; und
wenn auch dieser kleine Hof an Ausdehnung hinter den uebrigen Besitzungen
des Dorfes erheblich zurueckstand, so zeichnete er sich doch vor allen
Uebrigen durch eine beinahe bis zur Eleganz gehende Zierlichkeit und
Sauberkeit aus.

An einem schoenen Aprilabend sassen in den Wohnzimmern des kleinen Hauses,
dessen einfache Einrichtung aus einem grossen eichenen Tisch, einigen
Stuehlen mit starkem Rohrgeflecht und zwei jener alten maechtigen, mit
braunem Leder ueberzogenen Lehnstuehlen bestand und dessen Waende ebenfalls
mit schwarz gewordenem Eichenholz bekleidet waren, ein alter Mann und
eine alte Frau neben einander. Jede von Ihnen hatte einen der grossen
Lehnstuehle eingenommen, und sie schienen sich nach der Arbeit des Tages
jener tiefen, anmuthenden Ruhe zu erfreuen, welche auf dem Lande mit der
Feierabendstunde das haeusliche Leben mit einem fast sonntaeglichen
Frieden umgiebt.

Der Mann war ein hoher Sechziger, kraeftig und markig gebaut, das weisse
dichte Haar hing lang an den Schlaefen herunter, sein scharf markirtes,
von fester Willenskraft zeugendes Gesicht war glatt rasirt, und aus
seinen grossen klaren Augen blickte neben dem klugen, beinahe listigen
Verstand, der den Bauern jener Gegenden eigenthuemlich ist, auch eine
tiefe Weiche und Milde heraus.

Er trug einen Faltenrock von dunkler Farbe, den Hemdkragen ueber dem
Halstuch von schwerer schwarzer Seide hervorgezogen und hohe Stiefel bis
zu den Knieen und war beschaeftigt, durch eine silberne Brille mit
grossen, runden Glaesern die Zeitung zu lesen, welche der Landpostbote vor
Kurzem gebracht hatte.

Die alte Frau, welche in dem andern Lehnstuhl neben ihm sass, schien
aelter zu sein, als er. Ihre Haltung war etwas zusammengesunken und
gebrechlich, ihr blasses Gesicht mit den sanft und weich, beinahe
traurig blickenden Augen war mager und kraenklich, ihr fast weisses, glatt
gescheiteltes Haar war unter einer grossen weissen Haube mit breitem
Strich und unter dem Kinn zusammengebundenen Baendern fast ganz
verborgen.

Sie trug einen glatt anliegenden, schwarzen Rock und ein grosses,
schwarzes Seidentuch um Brust und Schultern und war beschaeftigt, nachdem
sie das Federvieh, dem sie ihre besondere Sorgfalt widmete, besorgt
hatte, mit langen starken Nadeln einen grossen Strumpf zu stricken, wobei
sie leise zaehlend die Lippen bewegte.

Der Mann war der Eigenthuemer des Hofes, der alte Bauer Niemeyer, welcher
ohne Kinder in seiner schoenen, kleinen Besitzung lebte; die Frau neben
ihm war seine Schwester, die Wittwe des lang verstorbenen Unterofficiers
Cappei, welche nach dem Tode ihres Mannes mit einer kleinen
Wittwenpension aus der englischen Legionskasse und mit ihrem einzigen
Sohn ein Asyl bei ihrem Bruder gefunden hatte und bei demselben die
Stelle der Hausfrau vertrat.

Das Jahr 1866 hatte in den kleinen Familienkreis tief und schneidend
eingegriffen. Der junge Cappei, welcher den Feldzug jenes Jahres in der
hannoeverschen Armee mitgemacht hatte und dann zu seinem Oheim und zu
seiner Mutter zurueckgekehrt war, um seinem Oheim in der Bewirtschaftung
des Hofes, der zu seinem einstigen Erbtheil bestimmt war, Beistand zu
leisten, hatte sich voll Begeisterung fuer die Sache des Koenigs Georg
und fortgerissen von der Bewegung, welche beim Beginn des Jahres 1867
unter den jungen Leuten jener Gegend herrschte, der Emigration
angeschlossen, und seit jener Zeit lebten die beiden Alten wieder einsam
in dem kleinen Hause, eifrig und sorgfaeltig die Wirthschaftsgeschaefte
besorgend, aber traurig, des fernen Sohnes und Neffen gedenkend, dessen
Abwesenheit alle ihre Hoffnungen fuer die Zukunft in Frage stellte.

Sie hatten nur seltene und wenig ausfuehrliche Nachrichten von ihm
erhalten, denn die Emigranten scheuten sich eingehend nach ihrer Heimath
zu schreiben aus Furcht, ihre Angehoerigen in Verwickelung mit den
Behoerden zu bringen, und so waren die beiden alten Leute darauf
angewiesen, die Zeitung, welche sie seit jener Zeit hielten, zu
durchforschen, um irgend etwas ueber die Legion zu erfahren.

Aber auch diese Nachrichten waren nur sehr spaerlich und unklar gewesen
und hatten sie oft recht traurig gestimmt, wenn sie von den
ungluecklichen Verhaeltnissen lasen, in welchen nach einzelnen
Mittheilungen aus Frankreich die Emigranten dort leben sollten.

Die alte Mutter Cappei glaubte fest an die Versicherung, welche ihr Sohn
ihr beim Abschied gegeben, dass er siegreich mit allen seinen Kameraden
den Koenig in der Mitte wieder in die Heimath zurueckkehren werde.

Ihr Bruder hatte tiefes Misstrauen in diese Hoffnungen, er hing zwar mit
zaeher und liebevoller Anhaenglichkeit an den alten Verhaeltnissen, aber
sein scharfer und practischer Verstand liess ihn wenig an eine
Moeglichkeit der Wiederkehr derselben glauben.

Es war dies ein Punkt, ueber welchen die beiden alten Leute, welche sonst
in so inniger und liebevoller Einigkeit miteinander lebten, haeufig in
lebhaften Wortwechsel geriethen.

Der alte Niemeyer war sehr unzufrieden mit der Emigration seines Neffen
und wurde nicht muede, in seine Schwester zu dringen, dass sie mit ihm
gemeinsam dem jungen Menschen den kategorischen Befehl schicken moege,
wieder in die Heimath zurueckzukehren.

Doch dazu konnte sich die alte Frau, so tiefen Schmerz sie ueber die
Abwesenheit ihres einzigen Kindes empfand, nicht entschliessen. Es
erfuellte sie mit hohem Stolz, dass ihr Sohn "in des Koenigs Legion
diente", wie es ja auch ihr verstorbener Mann einst gethan zur Zeit der
Occupation Hannovers im Anfang dieses Jahrhunderts, und trotz aller
Muehe, die sich ihr Bruder gab, gelang es ihm nicht, sie zu ueberzeugen,
dass die damaligen Verhaeltnisse und die damalige Legion, welche der
maechtige Koenig von England aus seinen hannoeverschen Unterthanen
gebildet, etwas ganz anderes sei, als die Emigration, welche heute ihrem
verbannten, machtlosen Koenig in das Exil gefolgt war; sie war ueberzeugt,
dass es wieder anders werden muesse, wie es damals anders geworden war,
und dass ihr Sohn einst siegreich wiederkehren werde, belohnt und
ausgezeichnet von dem Koenig, dem er so treu geblieben--und ihn dieser
glaenzenden Zukunft zu entziehen, dazu konnte sie sich nicht
entschliessen.

So sassen sie denn auch heute wieder da,--sie hatten ihre Arbeit gethan,
der Alte las die Zeitung, wie es ihm nun seit laengerer Zeit zur
Gewohnheit geworden war, und seine Schwester fuellte die Musse ihres
Abends durch die Beschaeftigung mit ihrem Strickstrumpf aus, indem sie
mit jeder Masche desselben theils eine wehmuethige Erinnerung an ihren
Sohn, theils eine freudige Hoffnung auf dessen glaenzende Zukunft
verwebte.

Ploetzlich warf der Alte das Blatt vor sich hin und schlug kraeftig mit
der Hand auf den Tisch, indem er zugleich die ihm unbequeme Brille hoch
auf die Stirn hinausschob.

"Das ist eine gute Nachricht," rief er laut, "der Koenig hat die Legion
aufgeloest, welche ihm so viel Geld kostete, und welche so viele brave
junge Leute ihrer Heimath entfremdete und den Gefahren eines unthaetigen
Lebens aussetzte. Das freut mich, das ist ein guter Entschluss, der
vernuenftigste, den unser Herr hat fassen koennen. Jetzt haben wir doch
Hoffnung, dass der Junge wieder zu uns zurueckkommt, und dass unser altes,
liebes Besitzthum nicht noch in fremde Haende uebergehen wird, waehrend
sein rechter und richtiger Erbe weit in der Ferne ein unruhiges und
abenteuerliches Leben fuehrt."

Die alte Frau Cappei liess den Strickstrumpf in ihren Schooss sinken, ein
freudiger Ausdruck erschien einen Augenblick auf ihrem Gesicht, dann
aber schuettelte sie truebe und traurig den Kopf.

"Das wird wieder eine von den Nachrichten sein," sagte sie, "welche
schon oft von Zeit zu Zeit in den Zeitungen erschienen sind und immer
nicht wahr waren. Wie oft hast Du schon an die Rueckkehr meines Sohnes
geglaubt, wie oft hat man gesagt, die Legion waere auseinandergegangen,
und immer ist es nicht wahr gewesen. Und es wird auch diesmal nicht wahr
sein," sagte sie mit einem gewissen Stolz, "der Koenig kann ja seine
Soldaten nicht fortschicken. Er braucht ja seine Legion, wenn er sein
Land wieder erobern will, und so sehr ich mich sehne, den Jungen wieder
hier zu sehen, so moechte ich doch nicht wuenschen, dass er als Fluechtling
hierher wieder zurueckkehrt, ohne fuer seinen Koenig sich geschlagen zu
haben, wie es sein Vater seiner Zeit auch gethan hat."

"Du bist thoericht," sagte der Alte, "Du moechtest womoeglich Deinen Jungen
noch als grossen Feldherrn wiedersehen."

"Nun das Zeug dazu hat er schon," fiel seine Schwester etwas gereizt
ein, "dass er Officier wird, wenn es zum Schlagen kommt, daran zweifle
ich garnicht. Was hat er nicht Alles gelernt, wie huebsch und fein sieht
er aus! Und wie viele Beispiele hat man nicht, dass grosse Generale sich
ganz von unten herauf gearbeitet haben! Auch in der Legion in Spanien
sind damals ganz einfache Soldaten hohe Officiere geworden,--wenn es
meinem seligen Mann nicht so gut gegangen ist, so hat es nur den Grund
gehabt, dass er keine Gelegenheit fand, sich auszuzeichnen."

"Das sind Alles Possen," rief der Alte muerrisch, "und ich hoffe, dass der
Junge selbst nicht solche thoerichten Gedanken in seinem Kopf haben wird.
Er sollte Gott danken, dass er hier eine feste Heimath und einen wohl
geordneten Besitz hat und sollte so schnell als moeglich hierher
zurueckkehren, um diesen Hof zu uebernehmen, dessen Bewirthschaftung mir
taeglich schwerer zu werden anfaengt. Nun," fuhr er fort, "das wird sich
jawohl von selbst machen. Ich habe mit dem preussischen Amtmann, den sie
uns hierher geschickt haben, neulich gesprochen und er hat mir
versichert, dass er nicht glaube, dass gegen meinen Neffen irgend etwas
Unangenehmes unternommen werden moechte, wenn er zurueckkaeme und sich zur
Erfuellung seiner Landwehr-Militairpflicht stellte, eine eigentliche
Desertion liege ja nicht vor und"--

Er wurde durch ein lautes Anschlagen des Hofhundes unterbrochen.

Schnelle, kraeftige Schritte liessen sich vor dem Hause vernehmen, rasch
wurde die Thuer geoeffnet, und Derjenige, ueber dessen Schicksal die beiden
Alten sich soeben unterhalten hatten, trat in das Zimmer.

Der junge Cappei trug einen kleinen Raenzel auf dem Ruecken, sein Gesicht
war von dem raschen Gang geroethet und erschien dadurch noch bluehender,
als sonst; seine hellen offenen Augen strahlten von Glueck und Freude,
als er das alte Haus, die Heimath seiner Kindheit, das alte wohlbekannte
Zimmer, in welchem kein Meubel sich veraendert hatte, als er seine Mutter
und seinen Oheim, diese beiden einzigen Wesen wiedersah, welche in dem
alten Vaterlande ihm nahe standen.

Rasch eilte er auf die alte Frau zu, welche ihm zitternd ihre offenen
Arme entgegenstreckte; er drueckte ihren Kopf an seine Brust und kuesste
zaertlich ihre weissen Haare. Dann wandte er sich zu seinem Oheim, welcher
aufgestanden war und mit gluecklichem stolzem Ausdruck auf die kraeftige
Gestalt des jungen Mannes blickte, er schlug fest in dessen dargebotene
Hand ein und sagte tief aufathmend:

"Da bin ich wieder bei Euch--Gott sei Dank, dass ich Euch Beide am Leben
und wohl und munter finde. Ich habe lange keinen Brief von Euch
erhalten, und als ich von der Eisenbahnstation zu Fuss hierher ging, hat
mich eine entsetzliche Angst erfasst, dass ich das Alles hier vielleicht
nicht so wiederfinden koennte, wie ich es verlassen habe. Nun Gott sei
Dank, es ist ja Alles gut, und meine Angst ist umsonst gewesen."

Abermals schloss er seine Mutter in die Arme, und dann setzte er sich an
den Tisch und begann in hastigen abgebrochenen Worten zu erzaehlen von
seinem Leben in Frankreich, von den Kameraden, welche dort mit ihm
gewesen, von den Hoffnungen, die sie gehabt hatten, und wie das nun
Alles zu Ende sei, da der Koenig die Legionaire entlassen habe und eine
grosse Anzahl von ihnen nach Amerika ausgewandert sei, waehrend Andere in
Algier ihr Glueck versuchen wollten. "Sie haben mir viel zugeredet,"
sagte er, "auch dorthin zu gehen, aber ich habe das nicht gewollt. Ich
will nicht mehr als heimathloser Fluechtling in der Welt leben, und auch
Euch wollte ich wiedersehen, mein Herz zog mich hierher, und ich muss
meine Verhaeltnisse hier in der alten Heimath ordnen, um wieder ein
richtiger Mensch zu werden, der seinen Platz klar und fest in der Welt
behaupten kann."

"Das hast Du brav gemacht, mein Junge," sagte der Alte, indem er ihm
kraeftig auf die Schulter schlug, waehrend die Mutter zusammentrug, was im
Hause zu finden war, Brod, kaltes Fleisch und einen grossen Bierkrug,
damit der lange entbehrte Sohn wieder am heimathlichen Tisch esse und
trinke, wodurch nach ihrer Auffassung eigentlich erst das Band zwischen
ihm und dem alten Hause wieder fest geknuepft wurde.

Eine Zeit lang sahen die beiden Alten schweigend zu, sich des kraeftigen
Appetits freuend, den der junge Mensch zeigte.

Dann begannen sie wieder zu fragen nach allen Einzelheiten seines Lebens
in der Fremde, nach diesem und jenem Bekannten; und er erzaehlte ihnen
von Allem, und doch schien es, als ob immer noch etwas im Rueckhalt
bliebe, denn oft brach er ploetzlich ab, sah schweigend vor sich nieder,
und erst auf erneuerte Fragen nahm er seine Mittheilungen wieder auf.

Dem scharfen Blick der alten Frau entging dies nicht,--eine Mutter liest
ja so tief in dem Herzen ihres Sohnes und das wunderbare Band, welches
sie mit ihrem Kinde verknuepft, wird durch die Zeit und das Alter niemals
gelockert. Die Alte schuettelte das Haupt, sie fuehlte, dass da noch Etwas
war in dem Herzen ihres Sohnes, wovon er nicht sprach--aber sie sagte
nichts darueber, sie behielt sich vor, spaeter ihn danach zu fragen,
ueberzeugt, dass es ihr gelingen wuerde, auch die verschlossensten Tiefen
seines Innern zu oeffnen.

"Jetzt aber," sagte der alte Niemeyer endlich, "obgleich es schon spaet
ist, musst Du dennoch gleich mit mir zum Amtmann. Du musst Dich auf der
Stelle melden, Deine Rueckkehr darf keine heimliche sein, und was die
Behoerden ueber Dich verfuegen, musst Du ruhig ueber Dich ergehen lassen.
Schlimm werden sie es mit Dir nicht machen, ich habe es schon
vorbereitet, da ich immer ueberzeugt war, Du wuerdest frueher oder spaeter
hierher wieder zurueckkehren."

Sie gingen bei dem schon hereindunkelnden Abend nach dem grossen Amthaus
hin, liessen sich bei dem Amtmann, einem preussischen Assessor, welcher
hierher versetzt war, melden und wurden in dessen Wohnzimmer gefuehrt,
welches bereits von einer Lampe erleuchtet war.

Der Amtsverwalter, ein Mann von etwa fuenfunddreissig Jahren, ernst und
ruhig, aber auch zugleich freundlich und wohlwollend in seinem Wesen
erhob sich bei dem Eintritt des alten Bauern von seinem Schreibtisch, an
welchem er mit Durchsicht von Acten beschaeftigt war und trat demselben
entgegen, indem er einen schnellen forschenden Blick auf den hinter
seinem Oheim hereintretenden jungen Cappei warf.

"Herr Amtmann," sagte der alte Niemeyer, "ich bringe Ihnen hier einen
Fluechtling, der nach der alten Heimath zurueckgekehrt ist, und der nun
nichts mehr gegen die neue Ordnung der Dinge, welche die Vorsehung ueber
uns verhaengt hat, unternehmen wird. Er hofft auf eine nachsichtige
Behandlung fuer das, was er etwa nach den geltenden Gesetzen Strafbares
begangen haben koennte und stellt sich zu Ihrer Verfuegung."

Der junge Cappei trat vor, blieb in militairischer Haltung vor dem
Beamten stehen und blickte ihn mit seinen offenen, klaren Augen frei und
fest an.

"Es freut mich," sagte der Beamte, auf welchen die Erscheinung des
jungen Mannes einen wohlthuenden Eindruck zu machen schien, "dass Sie
sich entschlossen haben, in die geordneten Verhaeltnisse zurueckzukehren
und auf thoerichte und abenteuerliche Unternehmungen zu verzichten. Ich
will nicht fragen und untersuchen, welche Plaene Sie bei Ihrer
Auswanderung gehegt haben, welchen Unternehmungen Sie sich angeschlossen
haben--allein Sie sind nach den preussischen Gesetzen noch
landwehrpflichtig gewesen und werden sich ueber Ihre eigenmaechtige
Entfernung zu verantworten haben. Ich waere berechtigt, Sie zu arretiren
und Sie in Untersuchungshaft zu behalten, da ich jedoch nach Ihrem
freiwilligen Wiedererscheinen keinen Verdacht hege, dass Sie sich der
Untersuchung und der eventuell zu verhaengenden Strafe entziehen werden,
so will ich von einer solchen Massregel Abstand nehmen und Ihnen Ihre
Freiheit lassen, allein um der Form zu genuegen, muessen Sie eine
Buergschaft leisten."--

"Die Buergschaft uebernehme ich, Herr Amtmann," rief der alte Niemeyer
lebhaft. "Ich stelle mein Haus und meinen Hof als Haft dafuer, dass der
junge Mann sich nicht von hier entfernt und sich jeder Anforderung
stellen wird."

"Ich will diese Garantie annehmen," erwiderte der Beamte--er setzte
sich an seinen Schreibtisch, nahm ein kleines Protokoll auf, das der
alte Bauer und sein Neffe unterzeichnen mussten und entliess dann die
Beiden.

Als sie hinausgegangen waren, zog er ein kleines Aktenfascikel aus einem
verschlossenen Fach seines Schreibtisches hervor und oeffnete dasselbe.

"Die Erscheinung dieses jungen Mannes," sagte er, "ist durchaus
Vertrauen erweckend, er hat ein so freies Gesicht und einen so offenen
Blick, dass ich ihm kaum geheime und verborgene Absichten zutrauen kann.
Auch ist mir der Alte als ein Mann von ruhigem praktischen Sinn, der
sich den thatsaechlichen Verhaeltnissen stillschweigend unterordnet und
alle Agitationen und Conspirationen missbilligend, bekannt; und doch ist
mir hier ein sehr bestimmter Avis zugegangen, nach welchem die
Gesandtschaft in Paris gerade diesen jungen Cappei auf Grund ihr
zugegangener Mittheilungen als einen fanatischen Feind der preussischen
Herrschaft und als einen gefaehrlichen Verschwoerer und Agitator
bezeichnet, welcher nur deshalb hierher zurueckgekehrt, um nach
Frankreich hin Mittheilungen ueber die hiesigen Verhaeltnisse,
Truppendislokationen und so weiter gelangen zu lassen,--mir kommt das
ein wenig unwahrscheinlich vor," fuhr er fort, "allein die Mittheilung
ist bestimmt, und die Zeitverhaeltnisse gebieten die groesste Vorsicht. Ich
werde ihn genau beobachten lassen und eine Ueberwachung seiner
Correspondenz bei der Postbehoerde anordnen,--ist jene Mittheilung
richtig, so wird sich bald ein greifbares Indicium finden lassen."

Er schrieb nach genauer Durchsicht des Aktenfascikels eine Verfuegung,
liess seinen Secretair rufen und uebergab ihm dieselbe mit dem Befehl
schleuniger und discreter Expedition. Dann verschloss er das geheime
Aktenstueck wieder in seinen Secretair und wandte sich seinen
regelmaessigen Arbeiten zu.

Lange noch sass der alte Bauer Niemeyer mit seiner Schwester und dem
jungen Cappei bei der grossen Lampe im Wohnzimmer seines Hauses
beisammen. Immer noch forschten und fragten die beiden Alten--immer
erzaehlte der junge Mann,--immer deutlicher fuehlte die Mutter, dass in
allen diesen Erzaehlungen noch Etwas fehlte und zwar Etwas, was tief und
innig mit dem Herzensleben ihres Sohnes zusammenhaengen muesse.

Und als sie endlich die Ruhe aufsuchten, als sie den Sohn in seine
schnell hergerichtete Schlafkammer mit dem sauberen, hoch
aufgeschichteten Federbett gefuehrt, und die Haende segnend auf sein
Haupt gelegt hatte, da blieb sie noch lange wach in ihrer Kammer in dem
Lehnstuhl am Fussende ihres Bettes sitzend und tief nachdenkend ueber die
Fuegungen der Vorsehung, welche zwar die ehrgeizigen Traeume zerstoert
hatte, in welchen sie an den fernen Sohn gedacht, welche aber doch
diesen Sohn lebendig, frisch und bluehend ihr wieder zugefuehrt hatte und
jetzt opferte sie jenen Traum gern der schoenen und lieben Wirklichkeit.
Sie fuehlte auch mit dem so feinen weiblichen Instinct, welches der
verborgene Punkt sei, der in allen Erzaehlungen ihres Sohnes noch dunkel
geblieben; sie fuehlte, dass die Liebe zwischen ihm und dem fernen Land,
aus welchem er zurueckgekehrt ein Band geknuepft habe.

Aber sie war nicht traurig darueber und wieder regten sich ehrgeizige
Hoffnungen in ihrem Herzen. Denn ein so guter, so braver und so huebscher
junger Mann wie ja ihr Sohn, konnte nur eine Wahl getroffen haben, die
ihm und seiner ganzen Familie ehrenvoll war.

Und als sie endlich ihr Lager aufsuchte, schloss sie Diejenige, welche
ihr Sohn gewaehlt haben moechte, und welche ihr muetterlicher Stolz in
hohen und angesehenen Kreisen suchte voll freudiger Hoffnung und
Zuversicht in ihr frommes Abendgebet mit ein.

Der junge Cappei aber war in koerperlicher Ermuedung, welche die kraeftige
Jugend noch staerker fuehlt, als das Alter, und in jenem suessen Wohlgefuehl,
welches das Bewusstsein erzeugt, nach langer Abwesenheit wieder im Schooss
des heimathlichen Hauses zu ruhen, bald in einen festen und tiefen
Schlaf versunken.

Und wunderbar verschmolzen sich in seinen Traeumen die Bilder der Ferne,
zu welcher sein Herz ihn hinzog und der Heimath, in welche die Wurzeln
seines Lebens geschlagen waren, miteinander.

Bald sah er sich im Hause des alten Challier an der Seite seiner
Louise und an der Spitze des immer bluehender erwachsenden
Handelsgeschaefts--bald wieder zeigte ihm der Traum das theure Bild
seiner Geliebten, wie dieselbe gluecklich laechelnd in das Haus seines
Oheims eintrat, wie sie seiner Mutter zur Hand ging in haeuslichen
Geschaeften und neues froehliches Leben in die alte Heimath brachte.

So schwer diese verschiedenen Bilder in der Wirklichkeit zu vereinigen
waren, so verband sie doch das wunderbare Spiel des Traumes zu
harmonischer Einigkeit, welche ihn mit einem suessen Gefuehl des Gluecks und
der Freude erfuellten.




Neuntes Capitel.


In einem grossen saalartigen Zimmer im Hinterhofe eines duestern Hauses
des Faubourg St. Antoine war das democratische Comite versammelt,
welches sich gebildet hatte, um auf das Plebiscit einzuwirken und das
Volk in Massen dahin zu bestimmen, dass es die Abstimmung entweder ganz
verhindere oder wo die Kuehnheit dazu vorhanden sein moechte mit "Nein"
stimme.

Die Versammlung fand bei bereits ziemlich vorgerueckter Abendstunde
statt, der grosse finstere Raum mit den schmutzigen, von Rauch
geschwaerzten Waenden war durch einige Petroleumlampen, die auf einem
grossen Tisch in der Mitte standen, nur wenig erhellt; um diesen Tisch
sassen die Leiter des Comites in scharfer Beleuchtung, waehrend der uebrige
Theil des Saales, in welchem sich etwa vierzig bis fuenfzig der
hervorragendsten Agenten des Comites befanden, in Dunkelheit gehuellt
war.

An diesem Tisch sah man in der Mitte Jules Lermina, einen der
unermuedlichen Agitatoren der republikanischen Bewegung in Frankreich,
einen Mann mit tief blassem, wie aus Erz gegossenem Gesicht, in welchem
nur die gluehenden, unheimlich und finster blickenden Augen zu leben
schienen und welches, wenn er mit seiner harten jede Modulation
ausschliessenden Stimme sprach, durch kein Mienenspiel bewegt wurde.

Hier sah man Ulric de Fonvielle, den Begleiter Victor Noirs bei dessen
verhaengnissvollem Besuch im Hause des Prinzen Pierre Bonaparte--mit
seinem grossen Bart und seinem unruhigen, aufgeregten und wichtig
thuenden Wesen.

Hier war Varlin, der Buchbinder, in seiner gebueckten Haltung mit dem
kalten hoehnischen Laecheln auf den Lippen, mit dem niedergeschlagenen
Blick, der nur zuweilen im schnellen Blitz von unten hinauf schoss und
dann fast immer Denjenigen, auf welchen er sich richtete, durch seinen
stechenden scharfen Ausdruck aus der Fassung brachte.

Hier sah man Raoul Rigault, den jungen einundzwanzigjaehrigen Verschwoerer
mit seinem blassen, selbstgefaellig laechelnden Gesicht, den mueden, etwas
gleichgueltigen Blick hinter dem Monocle verbergend, in seiner
stutzerhaften, aber etwas abgeschabten Eleganz, mit der Waesche von
zweifelhafter Reinheit, das kleine Stoeckchen mit dem unechten
Silberknopf in der Hand.

Hier sah man Ancel, Boyer, Delacour, Dembrun, Portalier, Robin,
Mangold--theils in Blousen, theils im einfachen buergerlichen Anzug--und
auf allen diesen finstern Gesichtern ruhte der Ausdruck starrer duesterer
Entschlossenheit und grimmiger Unversoehnlichkeit. Sie waren zum grossen
Theil die Fuehrer des Pariser Zweigvereins der internationalen
Arbeiterassociation, welche aber jetzt nicht mehr wie frueher sich einer
gewissen wohlwollenden Duldung der Regierung zu erfreuen hatte, nachdem
sie durch richterliches Erkenntniss aufgeloest worden war. Es war nicht
mehr jene Internationale von Tolain und Fribourg, welche durch Belehrung
und ruhige gesetzliche Agitationen die Lage des Arbeiterstandes zu
verbessern strebte, und welche von idealen Anschauungen geleitet wurde.

Jene Fuehrer waren verschwunden, die Internationale von heute war eine
proscribirte und geaechtete Gesellschaft, welche sich lange den
Nachforschungen der Polizei verbarg, und im Geheimen dafuer aber um so
wirksamer ihre Lehren propagirte und ihre Plaene verfolgte. Diese Lehren
aber waren heute offen und rueckhaltslos auf die Zertruemmerung der
bestehenden Staatsordnung und der bestehenden Gesellschaft gerichtet,
und die Plaene, deren eigentliches Geheimniss nur den ausgewaehlten
Kreisen, den Leitern, bekannt war, richtete sich auf eine moeglichst
schnelle und nachdrueckliche Vernichtung aller Autoritaet und alles
Besitzes.

Die internationale Association als solche konnte sich mit der Frage des
Plebiscits nicht beschaeftigen, sie konnte sich nicht versammeln, ohne
sich sogleich polizeilicher Aufloesung auszusetzen, sie hatte deshalb das
democratische Comite gebildet, an dessen Spitze wiederum ihre Leiter
standen, um in dieser Form ihren Einfluss auf das Plebiscit auszuueben und
um wo moeglich diese Gelegenheit zur Herbeifuehrung einer Catastrophe zu
benutzen.

Auf Baenken und Stuehlen ringsum den Tisch des eigentlich leitenden
Comites sassen dessen hervorragende Agenten in den verschiedenen
Stadttheilen von Paris fast Alle in der Blouse der Arbeiter, Alle
denselben Ausdruck ruhiger und kaltbluetiger Unversoehnlichkeit in den
Gesichtern.

Lermina erhob sich:

"Wir haben, meine Freunde," sprach er, "nunmehr die Berichte aus allen
Theilen von Frankreich empfangen, welche uns mittheilen, dass ueberall
die Comites constituirt sind, um diesem frevelhaftem Possenspiel
entgegenzutreten, durch welches man in einem gefaelschten Ausdruck des
Volkswillens fuer den Despotismus und die Tyrannei eine neue Stuetze
suchen will. Allgemein ist die democratische Partei organisirt, um auf
die unklare und furchtsame Bevoelkerung den Druck ihres Einflusses
auszuueben. Nach Allem, was man uns mittheilt, wird es schwer werden,
eine grosse Majoritaet dahin zu bringen, dass die an das Volk gestellte
Frage mit "Nein" beantwortet wird. Die Furcht vor den Machtmitteln der
Gewalt ist zu gross--dagegen muessen wir aber mit aller Kraft dahin
streben, dass der groesste Theil der Bevoelkerung sich von jeder Abstimmung
zurueckhaelt, um vor der Welt beweisen zu koennen, dass die Majoritaet,
welche die Regierung erreichen moechte, im Verhaeltniss zur Gesammtzahl der
Bevoelkerung garnichts bedeutet. Ich habe deshalb die Instructionen,
welche Sie Alle frueher bereits gebilligt haben, an eine Anzahl von
zuverlaessigen Personen vertheilt, die in diesem Augenblick bereits in
die Provinzen abgegangen sind, um ueberall die Agitation noch fester zu
organisiren und zu beleben. Unser unermuedlicher Freund Cernuschi hat mir
von London aus abermals die Summe von hunderttausend Francs uebersendet,
um die nothwendigen und unvermeidlichen Kosten unserer Thaetigkeit zu
bereiten."

Ein Ruf des Beifalls toente durch den Saal.

"Ich habe ihm den Dank des Comites ausgesprochen," fuhr Lermina fort,
"und schlage nunmehr vor, dass wir hier in Paris selbst unvorzueglich eine
demonstrative Versammlung in Scene setzen, welche hier in der Hauptstadt
die Bewegung in Fluss bringt und den Provinzen ein Beispiel giebt. Ich
schlage zu diesem Zweck den Saal der Folie-Bergere vor, welcher den
nothwendigen Raum bietet und zugleich der ganzen Bevoelkerung von Paris
bekannt ist. Hat Einer von Euch, meine Freunde, gegen den Vorschlag
Etwas einzuwenden?"

Die Versammlung schwieg--einzelne Rufe der Zustimmung liessen sich hoeren.

"So wollen wir also," fuhr Lermina fort, "die democratische
Volksversammlung in der Folie-Bergere auf den vierten Tag, von heute an
gerechnet, festsetzen. Und ich bitte alle unsere Freunde," fuhr er sich
nach den Zuhoerern im Hinterraum des Saales wendend fort, "in den
verschiedenen Stadttheilen von Paris ihre ganze Thaetigkeit aufzubieten,
um den Besuch der Versammlung so zahlreich als moeglich zu machen.
Zugleich ersuche ich Euch alle, meine Freunde, Euch vorzubereiten und
nachzudenken ueber das, was Jeder von Euch der Versammlung sagen will,
damit die Worte zuenden und die Massen zu energischem Widerstand
entflammen.

"Vor Allem," rief Ulric de Fonvielle mit lauter Stimme, "muessen wir
diesen verraetherischen Luegner und Heuchler Ollivier dem Volk in seiner
wahren Gestalt zeigen. Es giebt immer noch Leute," fuhr er fort, "welche
sich durch seine Vergangenheit taeuschen lassen und auf welche sein Name
einen gewissen Einfluss uebt,--durch ihn will die kaiserliche Tyrannei das
Volk irre fuehren, ihn gilt es zu vernichten und ihn des letzten Restes
seiner Popularitaet zu berauben. Ich werde ueber Ollivier sprechen," rief
er mit der Hand durch seinen Bart fahrend, "das Volk hat Ollivier in die
Gosse geworfen--und das Kaiserthum hat ihn daraus wieder
hervorgefischt!"--

Lautes Gelaechter, Beifallsrufen und Haendeklatschen erfuellten den Saal.
Dann trat eine augenblickliche Stille ein.

Varlin erhob sich, zog ein Papier aus der Tasche und sprach:

"Ich bin in Allem mit den Massregeln des Comites und mit seinen
Vorschlaegen vollkommen einverstanden. Doch ich habe nunmehr meinerseits
einen Vorschlag zu machen, welcher in der Vorsicht begruendet ist und zum
Zweck hat, unsere Agitatoren gegen einen Gewaltstreich der Regierung zu
schuetzen."

Aufmerksam hoerten Alle zu.

"Ihr wisst, meine Freunde," fuhr Varlin fort, "dass die Internationale
gesetzlich verboten ist, und dass die Polizei das Recht hat, jede
Thaetigkeit dieser Association sofort zu verhindern. Nun aber ist unsere
ganze Organisation, wenn wir uns auch als democratisches Comite
constituirt haben, dennoch die der Internationalen. Wir Alle sind
Mitglieder des Bureaus derselben, und in allen Provinzen sind es wieder
die Zweigvereine der Internationalen, in deren Haenden die Agitation
liegt. Das giebt der Polizei Gelegenheit, sobald sie will, unsere ganze
Agitation als eine Thaetigkeit der Internationalen zu bezeichnen und zu
verbieten--es waere unklug, ein solches Verbot zu provociren oder moeglich
zu machen, und ich halte es demnach fuer nothwendig, dass von Seiten der
Internationalen eine oeffentliche Kundgebung stattfindet, welche
vollkommen klar stellt, dass die democratische Association gegen das
Plebiscit mit der internationalen Arbeiteragitation nichts zu thun hat.
Ich halte eine solche Kundthuung practisch fuer nothwendig, ausserdem
aber," fuhr er einen raschen Blick im Kreise umherwerfend fort, "deshalb
fuer geboten, weil allerdings die jetzt von uns ausgeuebte Thaetigkeit mit
den eigentlichen Zielen der Internationalen wie dieselbe in den Statuten
derselben ausgestellt sind, nicht identisch ist."

"So soll die Internationale die Thaetigkeit des democratischen Comites
desavouiren," fragte Lermina, den flammenden Blick auf Varlin richtend.

"Das nicht," erwiderte dieser, "doch soll sie erklaeren, dass sie mit
dieser rein politischen Sache nichts zu thun hat. Ich wiederhole," fuhr
er fort, "dass diese Erklaerung nach meiner Ueberzeugung zunaechst der
Polizei gegenueber noethig ist, um ihr die Moeglichkeit zu nehmen, gegen
das democratische Comite unter dem Vorwand einzutreten, dass es mit den
Internationalen identisch sei, so dann aber auch im Interesse der Macht
der Internationalen selbst. Wir Alle, meine Freunde," fuhr er fort,
"sind darueber einig, dass nur durch eine politische Revolution, durch
welche das jetzt begehende Regiment und die ganze Staatsordnung
zertruemmert, die socialen Ziele in der Internationalen erreicht werden
koennen, aber--ihr muesst wissen, wie ich, dass unter den Arbeitern,
namentlich in den Provinzen, noch sehr viele vorhanden sind, welche vor
einer politischen Revolution zurueckschrecken, und welche noch in der
Idee befangen sind, von welcher wir in dem leitenden Mittelpunkt uns
frei gemacht haben,--von der Idee naemlich, dass auf friedlichem und
gesetzlichem Wege eine Verbesserung der Lage des Arbeiterstandes
erreicht werden koenne; um Aller dieser willen ist es ebenfalls noethig,
dass wir die Internationale als solche von jeder Thaetigkeit gegen das
Plebiscit fern halten."

Lermina blickte nachdenklich vor sich hin, die Gruende Varlins schienen
ihm einzuleuchten, dennoch mochte es seiner im Grunde ehrlichen und
graden Natur widerstreben, aus Ruecksichten der Klugheit solche
Doppelwege zu gehen.

Einzelne Stimmen der Missbilligung erhoben sich aus dem Zuhoererkreise.

"Das wuerde nur Verwirrungen in die Begriffe bringen," rief man--"warum
nicht etwas sagen, wovon man ueberzeugt ist,--um so besser, wenn in
diesem Augenblick ein Zusammenstoss mit der Gewalt erfolgt,--einmal muss
es ja doch dazu kommen."

"Halt, meine Freunde," rief Varlin mit seiner durchdringenden Stimme die
verschiedenen Rufe uebertoenend, "hoeret zunaechst an, wie ich die Erklaerung
der Internationalen entworfen habe, Euch wird dann Alles besser klar
werden. Sie soll wahrlich die Thaetigkeit unseres democratischen Comites
nicht desavouiren, und sie soll uns nur davor schuetzen, dass wir durch
einen rohen Eingriff der Polizeigewalt in unserer Wirksamkeit gehemmt
und unterbrochen werden, bevor dieselbe ihre Fruechte getragen hat."

Er winkte gebieterisch mit der Hand und waehrend der aufmerksamen Stille,
die unmittelbar eintrat, las er, den Blick auf das Papier in seiner Hand
geheftet, den von ihm vorgeschlagenen Entwurf der Erklaerung der
Internationalen:

"Der Bundesrath des internationalen Arbeitervereins giebt den
Insinuationen und Anschuldigungen der offiziellen und offizioesen Blaetter
ueber seine Theilnahme an der politischen Agitation dieser Tage hiermit
ein formelles Dementi. Die Internationale weiss nur zu gut, dass die
Leiden aller Art, welche das Proletariat zu dulden hat, bei weitem mehr
den oekonomischen Zustaenden der Gegenwart, als den Zufaelligkeiten des
Despotismus einiger Staatsmaenner zuzuschreiben sind. Sie wird ihre Zeit
nicht mit Nachsinnen ueber die Befestigung des kaiserlichen Despotismus
verlieren. Der internationale Arbeiterverein, der eine permanente
Verschwoerung aller Unterdrueckten, aller Ausgebeuteten ist, wird den
ohnmaechtigen Verfolgungen gegen seine Fuehrer trotzend, so lange fort
bestehen, bis alle Ausbeuter der Arbeit, alle Capitalisten, alle Pfaffen
und alle politischen Abenteurer verschwunden sein werden."

"Ich glaube," sprach er, indem sein Blick ueber die Versammlung hinglitt,
"dass nach dieser Erklaerung Niemand wird sagen koennen, es sei die
Internationale, welche die gegenwaertige democratische Agitation
fuehre,--und doch wird darin gewiss kein abfaelliges Urtheil ueber seine
Thaetigkeit gesprochen."

"Varlin hat Recht," rief man von allen Seiten--"er ist klug und
vorsichtig,--er denkt an Alles, die Proclamation ist gut, sie soll
erlassen werden."

Niemand widersprach an dem Tisch des Comites, nur Raoul Rigault zuckte
leicht die Achseln und schlug mit dem Spazierstoeckchen auf seine
Stiefel.

Varlin legte das Papier, dessen Inhalt er vorgelesen, Lermina vor, der
es mit einem raschen Federzug unterzeichnete. Die Uebrigen folgten Alle.

Lermina erklaerte sodann die Sitzung fuer geschlossen, und die
Versammelten verliessen in einzelnen Gruppen, um kein Aufsehen zu
erregen, langsam und schweigend das Zimmer, indem sie sich, sobald sie
aus dem aeussern Theil des Hauses auf die Strasse traten, nach
verschiedenen Richtungen hin zerstreuten.

Raoul Rigault naeherte sich Lermina.

"Bleibt noch einen Augenblick hier," sprach er, "ich habe Euch eine
Mittheilung zu machen."

"Gut," sagte Lermina.

Raoul Rigault trat zu Varlin und dann zu Ulric de Fonvielle, indem er
sie ebenfalls aufforderte, noch zu bleiben.

Bald war das Zimmer leer, und an dem grossen Tisch befanden sich nur noch
Lermina, Varlin, Ulric de Fonvielle und Raoul Rigault.

In der Tiefe des Zimmers war ebenfalls eine Gestalt sitzen geblieben,
welche man bei der matten Beleuchtung nur in dunkeln Umrissen erkennen
konnte.

"Meine Freunde," sagte Raoul Rigault indem er das herabgefallene Monocle
mit einer etwas gezierten Bewegung wieder in das Auge warf, "ich habe
Euch ruhig sprechen und beschliessen lassen, ohne irgend Etwas dabei zu
bemerken, weil ich Alles das fuer ein Geschwaetz halte, durch welches
Nichts erreicht wird;--dieses Plebiscit," fuhr er mit selbstgefaelligem
Laecheln fort, "--wird trotz unserer Agitation ganz nach dem Plan seiner
Arrangeurs ausgefuehrt werden,--und" sagte er sich zu Varlin
wendend--"trotz des Protestes der Internationale wird man uns alle
verhaften, wenn man irgend dazu Lust verspuert."

"Das ist Alles was Sie uns zu sagen haben und weshalb Sie uns gebeten
haben, hier zu bleiben?" fragte Lermina mit seiner harten klanglosen
Stimme.

"Der Buerger Rigault ist sehr jung," sagte Varlin mit einem finstern
Blick auf den stutzerhaft laechelnden jungen Mann,--"es wuerde ihm
vielleicht besser anstehen aus den Erfahrungen aeltere Personen zu
lernen, als deren Handlungen zu critisiren."

Ulric de Fonvielle sagte Nichts,--er kannte Raoul Rigault und wusste, dass
wenn dieser junge Mensch mit dem blasirten gleichgueltigen Gesicht
laechelte ein furchtbarer, blutiger Gedanke in seinem Gehirn arbeitete.
Er blickte ihn forschend an und wartete.

"Handlungen?" fragte Raoul Rigault hoehnisch die Achseln zuckend, ohne
die unmuthigen finstern Blicke Lermina's und Varlin's zu
beobachten,--"Ihr nennt das Handlungen--diese versteckten Agitationen,
diese zweideutigen Erklaerungen und Proteste? Handelt"--fuhr er fort,
"handelt, wie man in grossen ernsten Angelegenheiten handeln muss, und
meine Critik wird schweigen,--ich werde wahrlich der Erste sein mit Euch
zu handeln,--aber ich sehe nicht ein wozu alle diese Geschaeftigkeit
fuehren soll."

"Wenn man tadeln will was Andere thun, so muss man Etwas Besseres
vorzuschlagen haben," sagte Lermina kurz und hart.

Varlin machte eine Bewegung, als wollte er ausstehen.

"Hoert mich an," sagte Raoul Rigault, indem er ihn mit der Hand
zurueckhielt.

Er stuetzte die Arme auf den Tisch und bewegte sein Stoeckchen leicht in
der Luft hin und her.

"Der Augenblick ist guenstig," sprach er weiter in einem Tone als
unterhielte er sich ueber irgend ein gleichgueltiges Tagesereigniss,--"der
Augenblick ist guenstig um einen grossen Schlag auszufuehren,--einen Schlag
der uns mit einem Mal an das Ziel aller unserer Bestrebungen fuehren
kann."

"Und wie sollte dieser Schlag ausgefuehrt werden," fragte Varlin mit
einem fast veraechtlichen Laecheln.

"Sehr einfach," erwiderte Raoul Rigault, immer mit seinem Stoeckchen
spielend, "unsere Vereine sind in ganz Frankreich vortrefflich
organisirt, wir koennen sie von hier aus mit einem Wort in active
Bewegung setzen, wir koennen ueberall den Aufstand ausbrechen lassen."

"Das koennen wir," erwiderte Lermina, "wenn wir es aber thun, so wird das
in diesem Augenblick keine weitere Folgen haben, als dass der Aufstand
ueberall durch die rohe Gewalt der Tyrannei niedergeschlagen und fuer die
Zukunft alle unsere Hoffnungen zertruemmert werden."

"Wenn eben die Tyrannei noch besteht," erwiderte Raoul Rigault, "wenn
diese Maschine, welche man die kaiserliche Regierung nennt, ueberhaupt in
jenem Augenblick noch arbeitet."

"Und wie wollen Sie," fragte Lermina, "indem Augenblick des Aufstandes
die so fest gegliederte Regierungsmaschine zerstoeren und unwirksam
machen?"

"Die Maschine," sagte Raoul Rigault, "wird von selbst unwirksam, wenn
sie keinen Mittelpunkt, eine bewegende Triebfeder mehr hat. Ich kuemmere
mich nicht um die Maschine, ich zerstoere den Mittelpunkt, und die Arbeit
des Ganzen hoert auf--Frankreich gehoert uns."

Lermina begann aufmerksam zu werden.

"Der Gedanke ist logisch," sagte er. "Wie kann er ausgefuehrt werden?"

"Sehr einfach," erwiderte Raoul Rigault, "indem man den Kaiser toedtet
und den Sitz der Regierung zerstoert."

Ganz erstaunt blickten Lermina und Varlin auf diesen jungen Menschen,
welcher im gleichgueltigen und ruhigsten Ton von der Welt einen Satz
aussprach, der in seinen wenigen Worten den Umsturz der oeffentlichen
Ordnung Frankreichs vielleicht Europas enthielt.

"Um den Kaiser zu toedten," fuhr Raoul Rigault fort, "bedarf es nur eines
entschlossenen Menschen, welcher sein Leben aufs Spiel setzt, wie dies
ja alle Soldaten oft fuer viel unwichtigere und gleichgueltigere Dinge
thun, und in dessen Hand man ein Werkzeug legen wuerde, welches den
Erfolg seines Unternehmens nicht von dem Zufall abhaengig macht,--zur
Zerstoerung des Mittelpunkts der Regierung bedarf es nur," sagte er mit
selbstgefaelligem Laecheln, "einiger practischen Anwendungen der
Chemie,--und was sonst die Folge der Revolution war, wird gegenwaertig
der Revolution vorangehen und ihr den Weg frei machen. Die Mittel, von
denen ich so eben gesprochen habe, sind gefunden. Um den Kaiser sicher
zu toedten, ohne die Sache von einem falschen Augenmass oder von einem
nervoesen Zittern der Hand abhaengig zu machen, ist hier das Mittel."

Er zog aus der Tasche seines Rockes einige kleine eirunde Eisenkoerper
mit verlaengerter Spitze hervor und legte sie auf den Tisch.

"Sie sind," sagte er laechelnd, "allerliebste Sprengbomben von einer
gewaltigen Explosionskraft. Man hat garnicht noethig zu zielen. Man wirst
sie eine nach der andern in den Wagen des Kaisers, wenn er vorueber faehrt
und vor die Fuesse seines Pferdes, wenn er reitet, und bevor die vierte
oder fuenfte geworfen ist, wird von Demjenigen, der heute Frankreich zu
beherrschen glaubt, nichts mehr uebrig sein, als einige kleine in der
Luft zerstreute Atome. Um diese Bomben zu werfen," fuhr er, die Stimme
etwas daempfend, fort, "gehoert ein Mann, welcher fanatisch oder
gleichgueltig genug ist, um sein Leben an dies Wagniss zu setzen--ein
Gleichgueltiger," fuegte er hinzu, "ist mir lieber, als ein
Fanatiker,--und dieser Mann ist gefunden."

Er erhob sich, wandte sich nach der Tiefe des Zimmers, die dunkle
Gestalt, welche von den Uebrigen unbemerkt dort bei der Entfernung der
Versammlung geblieben war, trat in den Lichtkreis, und man sah einen
jungen Mann von hoechstens zwanzig bis einundzwanzig Jahren, dessen
voellig bartloses, gleichgueltiges und etwas stupides Gesicht einen noch
fast knabenhaften Ausdruck hatte.

Raoul Rigault ergriff diesen jungen Mann, der einen einfachen Anzug von
sogenannter Marengofarbe und einen kleinen runden Hut trug, bei der Hand
und sagte:

"Hier ist der Buerger Beaury, welcher von London kommt und bereit ist,
den ersten und gefaehrlichsten Schlag in dem grossem Entscheidungskampf
fuer die Rechte der arbeitenden Gesellschaft zu fuehren. Er wird diese
Bombe werfen und den fanatischen Imperator, vor welchem sich heute die
bloede Menge in den Staub beugt in die Luft sprengen."

Tief erstaunt, beinahe bestuerzt und erschrocken blickten die drei Andern
auf diesen jungen Menschen, welcher da so ploetzlich wie aus der Erde
hervorgezaubert unter ihnen stand und sie mit einem ruhigen
gleichgueltigen Laecheln anblickte.

"Wer sind Sie," fragte Lermina.

"Ich heisse Beaury," erwiderte der junge Mann. "Ich war frueher Corporal
in der Armee des Tyrannen, seit einem Jahr bin ich Fluechtling in London,
Herr Flourens hat mich hierhergeschickt,--hier ist meine Beglaubigung."

Er zog aus der Tasche seines Rockes ein offenes, etwas zerknittertes
Papier hervor und ueberreichte es Lermina.

"Ein Brief von Flourens," sagte dieser.

"An meine Genossen in Frankreich," fuhr er fort, das Papier lesend, "der
Ueberbringer dieses, der Buerger Beaury ist bereit und geschickt Alles
das auszufuehren, was man ihm austragen wird, man kann sich vollkommen
auf ihn verlassen. Gustav Flourens."

Er reichte das Papier Varlin, Fonvielle neigte sich herueber und sah ueber
dessen Schulter in die Schrift.

"Es ist Flourens' Handschrift," sagten Beide.

"Sie wissen, was Sie thun sollen," fragte Lermina, immer noch verwundert
den knabenhaften jungen Menschen ansehend.

"Gewiss" erwiderte dieser, "ich soll diese Bombe da," er deutete auf den
Tisch, "nach dem Kaiser werfen, den ich sehr genau kenne, und den ich
nicht verfehlen werde. Ich habe auch noch dies zu uebergeben," sagte er
dann.

Er zog ein anderes Papier aus der Tasche und gab es Lermina.

"Eine Anweisung auf vierhundert Francs," sagte dieser, "ebenfalls von
Flourens unterzeichnet."

Lermina gab die Anweisung an Varlin, welcher einen Schluessel aus der
Tasche zog, eine Schublade des Tisches oeffnete und dem jungen Menschen
vier Bankbillets von hundert Francs uebergab.

"Nun gehen Sie," sagte Raoul Rigault zu Beaury, welcher ganz vergnuegt
seine Bankbillets einsteckte, "Sie werden Ihre naeheren Anweisungen
erhalten. Ihre Adresse?"

"Rue St. Maur Nummer zweiunddreissig," sagte der junge Mensch, indem er
sich leicht gegen die Uebrigen verneigte und das Zimmer verliess.

"Ihr seht," sagte Raoul Rigault mit zufriedenem Laecheln, "dass ich mich
ein wenig auf das verstehe, was Handeln heisst, und dass ich vielleicht
ein wenig Recht habe, unpractische Massregeln zu kritisiren."

Varlin und Lermina erwiderten nichts.

"Doch weiter," sagte Ulric de Fonvielle, "die Ermordung des Kaisers
nuetzt uns wenig, wie wir ja langst ueberlegt haben."

"Das ist eine Ansicht, die ich stets vertreten habe," sagte Raoul
Rigault, "Ihr koennt also nicht erwarten, dass ich glauben sollte, mit
diesem ersten Schlage sei Alles gethan. Auch habe ich Euch ja vorhin
gesagt, dass meine Plaene zur Handlung zwei Punkte haben. Der Erste war
die Ermordung des Kaisers; der Zweite ist die Zerstoerung des
Mittelpunkts der Regierung."

"Das wird etwas schwerer sein," sagte Varlin, den Kopf schuettelnd.

"Allzu umfassendere Vorbereitungen beduerfen wir nicht," sagte Raoul
Rigault. "Wir haben von diesen kleinen Maschinen," fuhr er fort auf die
auf dem Tische liegenden Bomben deutend, "einen Vorrath von tausend
Stueck, welche ein Herr Lepet, ein harmloser Mann, in dem Gedanken
gegossen hat, dass es Theile eines neu erfundenen Velocipedes waeren. Sie
befinden sich an einem sichern Ort und koennen im Lauf weniger Stunden
gefuellt werben. Wir beduerfen dann nur noch einer gewissen Quantitaet
Petroleums, einer Quantitaet Pikrinsaeure und eines Haufens alter Weiber
und kleiner Kinder, wie wir sie in beliebiger Menge in Belleville und
St. Antoine finden koennen."

"Und dann," fragte Lermina.

"Dann," sagte Raoul Rigault die Achseln zuckend, "nehmen diese alten
Weiber und die Kinder die Bomben, werfen je einige hundert Stueck
davon durch die Fenster der Tuilerien und der verschiedenen
Ministerialgebaeude, giessen zu gleicher Zeit Jeder sein Gefaess voll
Petroleum in die Keller und Souterrains und zuenden diese angenehme
Fluessigkeit mit einem kleinen Schwefelholz an. In wenigen Augenblicken
werden alle diese Centren der Regierungsgewalt in Flammen stehen, alle
diese Minister, Bureauchefs und Beamten werden fliehen. Das Ende der
Faeden, welche in die Provinzen fuehren und dort die Regierungskraefte in
Bewegung setzen, wird zerstoert sein, und das Volk wird sich aus den
Vorstaedten heranwaelzen, und bevor noch irgend Jemand weiss, was
eigentlich vorgeht, wird Alles gethan sein, Paris wird uns gehoeren, und
diese traege, unentschlossene Masse, welche man Volk nennt, wird hier wie
im ganzen Lande unsern Befehlen folgen und durch unsere Organisation in
Bewegung gesetzt werden. Das Einzige, worauf es ankommt, ist, dass die
Sache schnell und auf allen Punkten gleichzeitig ausgefuehrt wird.

Das ist mein Vorschlag," sagte er, sich auf seinen Stuhl zuruecklehnend
und mit dem Stoeckchen an seine Stiefel klopfend, "er ist einfach, leicht
ausfuehrbar und wirksam. Die Vorbereitungen sind getroffen. Wollt Ihr
handeln, so handelt, wollt Ihr es nicht, so lasst es bleiben, dann aber
werde ich mich zurueckziehen, denn ich habe keine Lust mehr, meine Zeit
mit Redensarten und zwecklosen Agitationen zu verschwenden."

"Der Plan ist grossartig, vortrefflich! Dieser kleine Raoul Rigault hat
wirklich eine Armee in seinem Kopf," rief Ulric de Fonvielle.

"Die Sache ist allerdings gut ausgedacht," sagte Lermina, "und sie kann
reussiren."

Varlin sagte nichts. Er sass tief nachdenkend da, doch zeigte der
Ausdruck seines Gesichts, dass er den Plan Raouls billige und ueber dessen
Ausfuehrung nachsann.

"Natuerlich kann die Sache reussiren," sagte Raoul Rigault, "und sie muss
reussiren, wenn sie nicht ueberaus dumm angegriffen wird, und dass dies
nicht geschieht, dafuer muesst Ihr sorgen. Ich habe nicht Lust," fuegte er
im affectirt hochmuethigen Ton hinzu, "mich um diese petites besognes zu
kuemmern. Ich habe Euch die Instrumente geschafft, ich habe Euch einen
Menschen gestellt, welcher den ersten Schlag fuehren wird, an Euch ist
es, die Stunde fest zu stellen und Eure alten Weiber und Kinder an die
richtigen Orte zu fuehren, um aus diesen alten dumpfen Bureaus und
Aktenhaufen ein lustiges, froehliches Feuer aussteigen zu lassen. In drei
Tagen koennt Ihr damit fertig sein. Jetzt lasst uns gehen, es koennte im
Hause Aufsehen erregen, wenn wir noch laenger hier bleiben."

Er stand auf, gruesste mit einer stutzerhaften Bewegung mit der Hand und
ging hinaus.

"Er hat uns in der That ueberfluegelt," sagte Lermina, ihm finster
nachblickend,--"ich liebe ihn nicht, diese ganze geckenhafte Art
wichtige Dinge zu behandeln, missfaellt mir. Aber seine Ideen sind gut und
seine Vorbereitungen vortrefflich. Wenn Ihr einverstanden seid, soll der
Plan ausgefuehrt werden, er kann uns Jahre langer Agitationen ueberheben
und mit einem Schlage an das Ziel unserer Wuensche fuehren,--und selbst,
wenn der Plan misslingen sollte, was ist dabei verloren--ein
zerschmetterter Kaiser, einige ausgebrannte Steinhaufen,--weiter
nichts," fuegte er mit einem entsetzlichen Laecheln hinzu, welches seine
steinernen und unbeweglichen Zuege in furchtbarer Weise verzerrte.

"Der Plan wird gelingen," rief Ulric de Fonvielle lebhaft, "die ganze
Kraft der Regierung ist zertruemmert, sobald der Mittelpunkt zerstoert
ist, Frankreich und die Zukunft gehoert uns."

Varlin stand auf.

"Der Plan _kann_ gelingen," sagte er, "wenn Niemand ausser uns etwas
davon erfaehrt, keines der Werkzeuge, die wir benutzen werden, darf den
ganzen Zusammenhang dessen, was geschehen soll, auch nur ahnen."

Er streckte seine Hand aus.

"Schwoeren wir uns gegenseitig," sagte er, "bei unserm Hasse gegen die
Ausbeuter der Arbeit Verschwiegenheit und Tod dem, der den Schwur
bricht."

Lermina und Fonvielle legten ihre Haende in diejenige Varlins.

"Wir schwoeren Verschwiegenheit," sprachen sie, "Tod dem, der diesen
Schwur bricht."

Dann verschlossen sie sorgfaeltig alle Schubladen des grossen Tisches, in
welche sie vorher die von Raoul Rigault mitgebrachten Proben der
Sprengbomben legten, verliessen das als ein einfaches Versammlungslocal
erscheinende Zimmer, ohne dessen Thuer zu verschliessen und gingen vor dem
aeussern Thor des Hauses nach verschiedenen Richtungen auseinander.

Einige Augenblicke blieb der grosse dunkle Raum im tiefen Schweigen, dann
liess sich ein leises Geraeusch vernehmen;--unter dem Tisch, an welchem
die vier Verschwoerer so eben gesessen hatten, drang ein Lichtstrahl
hervor, eines der Bretter des Fussbodens erhob sich, aus der Oeffnung
stieg ein Mann mit einer kleinen Blendlaterne hervor. Er leuchtete mit
dem hellen Strahl seiner Laterne nach allen Seiten in die Tiefe des
Zimmers hinein, dann drueckte er das erhobene Brett sorgfaeltig in seine
alte Stelle zurueck, scharrte etwas von dem auf dem Boden liegenden Staub
in die Spalten, zog dann mehrere sauber gearbeitete Schluesselhaken aus
der Tasche und oeffnete die Schublade des Tisches. Er nahm eine der
Bomben und steckte sie in seine Tasche, dann zog er ein kleines
Notizbuch hervor und schrieb beim Schein seiner Laterne einige Worte in
dasselbe, indem er vor sich hinfluesterte.

"Lepet, Giesser,--Beaury, Rue St. Maur Nummer zweiunddreissig."

Dann ging er zur Thuer, loeschte seine Laterne aus, verliess leisen
Schrittes den Hof und das Haus und begab sich ruhig, die damals so
beliebte Melodie des Pompier de Nanterre vor sich hin pfeifend nach der
Polizeipraefectur, wo er durch den Dienst thuenden Huissier sogleich in
das Cabinet des Praefecten gefuehrt wurde.




Ende des zweiten Bandes.






End of the Project Gutenberg EBook of Der Todesgruss der Legionen, Zweiter
Band, by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRUss DER LEGIONEN, ***

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